Dissidenten, Agenten und die Osterweiterung in den Köpfen: 50 Jahre ARD-Studio Prag

24-04-2014

Das Prager ARD-Studio feierte am Mittwoch seinen 50. Geburtstag. Zu der Festveranstaltung, die in einem Gasthaus auf der Kleinseite begann und mit einem Empfang in der deutschen Botschaft endete, kamen führende Repräsentanten von Deutschlandradio und MDR sowie ehemalige Prager TV- und Radiokorrespondenten. Tschechien war unter anderem durch Ex- Außenminister Karel Schwarzenberg und den ehemaligen Regierungschef Petr Pithart vertreten.

Foto: MDRFoto: MDR Die Anekdote hält sich unter Korrespondenten hartnäckig, beim 50. Geburtstagsfest des Prager ARD-Studios wurde sie wieder einmal bestätigt: Es soll sie immer noch geben, die deutschen Redakteure, die sich nach der Zeitzone vor Ort erkundigen, wenn sie ein Live-Gespräch mit einem Prager Korrespondenten vereinbaren. Dass Tschechien gleich um die Ecke liegt, und Deutschland nur mit Österreich eine noch längere gemeinsame Grenze hat, ist selbst bei manchen Journalisten noch nicht angekommen: „Die Osterweiterung in den Köpfen steht noch aus“, meint Willi Steul, der Intendant des Deutschlandradio, das den Hörfunkplatz in Prag besetzt. Für die Fernsehberichterstattung zeichnet der Mitteldeutsche Rundfunk verantwortlich.

Václav Havel (Foto: ČT24)Václav Havel (Foto: ČT24) Noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, von 1982 bis 1986, berichtete Dieter Möller aus Prag – damals noch für Fernsehen und Radio gemeinsam. Gerne erinnert er sich an konspirative Treffen in der Wohnung des Dissidenten und späteren Präsidenten Václav Havel:

„Da saßen wir hinter zugezogenen Vorhängen in der Wohnküche, und Havels Frau Olga hat auf dem Herd etwas gebrutzelt. Jiří Dienstbier war da, mit Vollbart und Mütze, und andere aus der Charta 77. Die haben mir dann erzählt, was sie vorhaben, und auch, was hier in der Politik vor sich geht. Sie hatten unheimlich gute Kenntnisse, weil sie auch von vielen Leuten aus der Regierung unterm Tisch Informationen bekommen haben.“

Dieter Möller (Foto: ČT24)Dieter Möller (Foto: ČT24) Wenn sich ein Reporter zur Zeit des kommunistischen Regimes mit Dissidenten traf, dann war auch die tschechoslowakische Staatssicherheit nicht weit. Das ARD-Büro war komplett verwanzt, Möllers Wohnung ebenso.

„Der Verkehr in Prag war damals nicht so stark. Nach einer Weile konnte man es sehen, wenn immer dieselben Autos hinter einem waren. Auch rings ums Büro standen sie. Ich habe überhaupt nichts gemacht, aber ich wurde beschattet.“

Flüchtlinge aus der DDR (Foto: Blanka Lamrová)Flüchtlinge aus der DDR (Foto: Blanka Lamrová) Die Besetzung der westdeutschen Botschaft in Prag durch tausende Flüchtlinge aus der DDR, die im September 1989 in die Bunderepublik emigrieren wollten, gilt heute als einer der ersten Risse im Eisernen Vorhang. Botschaftsflüchtlinge aber gab es vereinzelt bereits viel früher, erinnert sich Dieter Möller:

„Ich weiß nicht mehr genau, ob es 1983 oder 1984 war. Da ist an einem Faschingssamstag ein großer Volvo Kombi durch das Tor der deutschen Botschaft im Palais Lobkowitz gefahren, vollgepackt bis unters Dach und mit einer Familie drin. Es war die Familie der Nichte des ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Willi Stoph.“

Von da an fanden immer wieder Menschen über die Prager Botschaft den Weg in den Westen, erzählt Möller.

November 1989 in Prag (Foto: Archiv von Jiří Venclík, Institut für das Studium totalitärer Regime)November 1989 in Prag (Foto: Archiv von Jiří Venclík, Institut für das Studium totalitärer Regime) Im November 1989, während der Samtenen Revolution, die in der Tschechoslowakei das kommunistische Regime zu Fall brachte, kam Dieter Möller noch einmal als Berichterstatter zurück nach Prag:

„Ich wollte mit meinem Team von der einen Seite des Wenzelsplatzes durch die 100.000 Menschen auf die andere Seite kommen, weil dort auf einem Balkon Václav Havel sprach. Unsere Dolmetscherin hat gesagt: ‚Macht doch mal Platz, das ist die ARD, westdeutsches Fernsehen!‘ Da sind die Leute zur Seite gewichen und haben uns applaudiert. Das war sehr berührend. Es hat gezeigt, dass die Menschen uns kannten und die Arbeit, die wir Jahrzehnte lang hier gemacht haben, zu schätzen wussten.“

24-04-2014