Deutscher Vermittler böhmischer Geschichte Ferdinand Seibt gestorben

Eine traurige Nachricht ist dieser Tage aus München eingetroffen. Im Alter von 75 Jahren ist dort am 7. April der Historiker Ferdinand Seibt gestorben. Der folgende Beitrag von Markéta Maurová gilt dieser bedeutenden Persönlichkeit der Geschichtswissenschaft sowie der tschechisch-deutschen Verständigung.

Auch den tschechischen Lesern ist der Historiker, der emeritierte Professor für Mediävistik der Ruhr-Universität Bochum und der langjährige Vorsitzende der Bohemistikforschungsstätte "Collegium Carolinum" in München gut bekannt. "Glanz und Elend des Mittelalters", "Deutschland und die Tschechen" bzw. "Karl IV. Ein Kaiser in Europa" sind nur einige der Bücher dieses aus Nordböhmen stammenden deutschen Historikers, die ins Tschechische übersetzt wurden. Im Dienste der Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen war er in der bilateralen Historikerkommissionen tätig. Für seine wissenschaftlichen Leistungen fand er hierzulande auch offizielle Anerkennung, und zwar durch die Verleihung der Goldenen Palacky-Medaille der Akademie der Wissenschaften, des Ehrendoktortitels der Prager Karlsuniversität sowie des Verdienstordens der Tschechischen Republik.

Über Ferdinand Seibt habe ich mit seinem tschechischen Kollegen und Freund, Professor Jan Kren, gesprochen.

Sie haben mehrere Jahre lang in der tschechisch-deutschen Historiker-Kommission zusammengearbeitet. Darf ich Sie um eine persönliche Erinnerung an Ferdinand Seibt bitten?

"Mit Ferdinand Seibt verbindet sich bei mir ein Spruch: die Kommission sei keine Fußballmannschaft. Man dürfe auch eigene Tore schießen. Ich würde sagen, dies prägte und prägt den Stil der Arbeit der Kommission, und Ferdinand Seibt hatte an diesem Arbeitsstil einen wirklich großen Anteil."

Es wird sein Beitrag zur tschechisch-deutschen Verständigung hervorgehoben. Glauben Sie, dass dieser Beitrag vor allem in dieser Kommission zu sehen ist, oder in seinen Büchern, in seinen Schriften?

"Natürlich muss ich sagen, besonders in seinen Schriften. Die wichtigsten seiner zahlreichen Schriften sind in tschechischer Sprache erschienen, was ein Signal seiner hohen Schätzung ist. Natürlich hatte dies auch eine Auswirkung auf die Arbeit der Kommission, in der er vom Anfang an wirklich aktiv, in jeder Sitzung aktiv teilgenommen hat."

Ferdinand Seibt gilt als einer der engagiertesten und fundiersten Vermittler böhmischer Geschichte für deutsche Leser. Worin sehen Sie den wichtigsten Beitrag seiner Interpretation der böhmischen Geschichte für die Tschechen?

"Also, ich muss zuerst sagen, dass Ferdinand Seibt ein großer Mediävist, ein hervorragender Kenner der mitteleuropäischen Geschichte überhaupt, Europas überhaupt war. Seine Arbeiten über die böhmische Geschichte waren ein Teil seiner Forschungen über das europäische Mittelalter. Sein Beitrag für die böhmische Geschichte war besonders die hussitische Zeit. Das war ein Paradethema von Ferdinand Seibt und seine Konzeption inspirierte auch die tschechische Geschichtswissenschaft. Was ich immer schätze, war die Einreihung der böhmischen Geschichte in die europäische Geschichte. Das war meiner Meinung nach der größte Beitrag von Ferdinand Seibt. Und zweitens: Ferdinand Seibt war ein großer Stilist, er konnte Geschichte als Literatur schreiben. Und drittens: seine Invention war wirklich groß, überdurchschnittlich neu und groß. Es tut mir so leid, muss ich sagen. Ich glaubte bis zum letzten Augenblick, dass er aus dem Krankenhaus nach Hause kommt. Leider ist es nicht der Fall."