Deutsch-jüdischer Fußballverein DFC Prag nach 77 Jahren wiedergegründet

Der Deutsche Fußball-Club Prag (kurz: DFC Prag) kehrt wieder zurück! 1939 hatte sich der populäre deutsch-jüdische Verein nach der Besatzung der Tschechoslowakei durch das NS-Regime selbst aufgelöst. Jetzt wird er wieder ins Leben gerufen. Anfang Juni haben dazu acht Gründungsmitglieder eine Absichtserklärung unterschrieben, an diesem Freitag hat der Vereinsvorstand bei seiner konstituierenden Sitzung die Neugründung offiziell gemacht. Über den DFC Prag nun mehr im Gespräch mit zwei Gründungsmitgliedern: mit dem früheren Radio-Prag-Mitarbeiter Thomas Oellermann und Redakteur Lothar Martin.

Thomas Oellermann (Foto: Archiv Collegium Bohemicum)Thomas Oellermann (Foto: Archiv Collegium Bohemicum) Thomas, Anfang Juni ist im Prager Theater Hybernia ein erster Schritt getan worden in Richtung Neugründung des Deutschen Fußball-Clubs Prag. Was genau ist passiert?

„Dieser erste Schritt bestand darin, dass die Gründerväter des zu gründenden Fußballvereins, der sich auf den historischen DFC Prag bezieht, zum ersten Male mit ihrer Absicht an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das war im Rahmen der Musicalpremiere. Mit ihrer Unterschrift unter eine entsprechende Erklärung haben sie kundgetan, dass sie diesen Klub neu gründen werden. Und sie werden damit, wenn man so will, auch ein Stück Fußballgeschichte weiterschreiben.“

Lothar, auf welcher Basis soll der neue DFC Prag denn funktionieren?

„Die grundsätzlichen Unterlagen wie die Satzung, die Mitglieder- oder die Gebührenordnung werden erst rechtswirksam, wenn sich der erste Vereinsvorstand konstituiert hat. Da dies am Freitag geschehen wird, können wir auch pünktlich zur neuen Saison loslegen. In der ersten Saison des DFC Prag möchten wir uns voll und ganz auf den Kinder- und Jugendfußball konzentrieren. Warum? Wir haben bereits die Erfahrung gemacht, dass es nicht einfach ist, so ohne weiteres wieder in den Männerbereich einzusteigen. Im Nachwuchsbereich sehen wir aber ein gewisses Potenzial vor Ort, es sind die Schülerinnen und Schüler der drei deutschen Schulen in Prag. Diese Kinder und Jugendlichen möchten gern Fußball spielen unter dem Dach eines Klubs, deshalb haben wir eine sehr enge Zusammenarbeit mit diesen drei Schulen beschlossen. Ein Beleg dafür ist, dass die drei Schulleiterinnen dem Aufsichtsrat des Vereins angehören werden. Mit Beginn des neuen Schuljahres wollen wir den Trainingsbetrieb für die jeweiligen Altersklassen starten beziehungsweise vertiefen, denn an der Deutschen Schule Prag wird Fußball bereits im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften gespielt. Die anderen zwei Einrichtungen sind die Schule der Deutsch-tschechischen Verständigung und das Thomas-Mann-Gymnasium. Für deren Schüler haben wir einen Fußballplatz im Prager Stadtteil Libeň organisiert, auf dem sie ab September unter der Anleitung von ausgebildeten Trainern kicken werden. Unser Nahziel ist es, möglichst bald in zumindest einer Altersklasse eine Mannschaft zusammenzustellen, die den DFC Prag dann bei Turnieren und anderen Wettbewerben repräsentieren kann.“

DFC PragDFC Prag Thomas, du hast bereits erwähnt, dass diese Gründung an einen früheren Verein anknüpft. In welcher Weise?

„Wie schon gesagt, wird sich der ‚neue‘ DFC Prag zunächst sehr stark auf den Kinder- und Jugendbereich konzentrieren. Dazu hätte man natürlich auch einen komplett anderen Namen wählen können. Für alle, die an der Gründung des Klubs beteiligt sind, stand jedoch außer Frage: Wir wollen uns auf diesen historischen Deutschen Fußball-Club Prag berufen. Wir sehen darin eine gewisse Kontinuität sowie die Chance, eine bestimmte Tradition aufrechtzuerhalten. Es ist die Tradition eines Vereins, der ein gutes Kapitel deutscher Fußballgeschichte in den böhmischen Ländern geschrieben hat. Daran wollen wir erinnern. Darüber hinaus wollen wir natürlich auch mit dieser Geschichte arbeiten. Ganz bewusst wird es also nicht nur darum gehen, einen klassischen Fußballklub zu gründen, sondern es soll eben auch ein Verein sein, der sich aus dem Miteinander von Deutschen, Tschechen und Juden in den böhmischen Ländern speist beziehungsweise aus dieser gemeinsamen Geschichte. Und diese Geschichte wollen wir weiterschreiben.“

Lothar Martin (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Lothar Martin (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Lothar, ist es denn auch geplant, wieder eine Männermannschaft des DFC Prag auf die Beine zu stellen? Und wenn ja, in welcher Liga würde sie dann spielen?

„Wir beginnen unsere Arbeit bewusst im Nachwuchsbereich, weil wir der Meinung sind, dieser Klub muss eine gesunde Basis haben. Und diese Basis glauben wir in den Schülern der drei deutschen Schulen gefunden zu haben. Zudem denken wir: Wenn wir erst einmal begonnen haben, werden wir sicher auch noch weitere Kinder aus Prag und Umgebung für unseren Verein gewinnen können. Eine Männermannschaft will schließlich gut aufgebaut werden. Dafür müssen wir letztlich auch Kriterien schaffen, anhand der wir die Leistungsfähigkeit unserer Spieler bewerten können. Daher wollen wir frühestens nach der ersten Saison beginnen, Überlegungen im Hinblick auf eine Männermannschaft anzustellen. Denn auch dafür müssen erst die Strukturen geschaffen werden. Je nachdem, wie gut wir dann personell und strukturell aufgestellt sind, würden wir diese Mannschaft ab 2018, 2020 oder später zum Spielbetrieb anmelden. In welcher Liga das sein wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht sagen.“