Der Weg in den Krieg – 75 Jahre Münchner Abkommen

Am 30. September 1938 wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet. Dieser Vertrag zwang die Tschechoslowakei, die Sudetengebiete an Hitler-Deutschland abzutreten. Die tschechoslowakische Führung war von den Verhandlungen über das Abkommen allerdings ausgeschlossen gewesen. Deswegen spricht man hierzulande bis heute vom Münchner Diktat oder auch vom Münchner Verrat.

Münchner Abkommen (Foto: Archiv Radio Prag)Münchner Abkommen (Foto: Archiv Radio Prag) „Achtung, Achtung! Wir geben Ihnen folgende wichtige Sondermeldung bekannt: Wie der Drahtlose Dienst soeben erfährt, wurde heute um null Uhr dreißig von dem Führer, dem Duce, dem britischen Premierminister und dem französischen Ministerpräsidenten ein Abkommen über die Bedingungen und Modalitäten der Abtretung des sudetendeutschen Gebietes unterzeichnet.“

Dies war am 30. September die offizielle Meldung im deutschen Rundfunk. Das Münchner Abkommen war im Führerbau Hitlers in der bayerischen Hauptstadt geschlossen worden. Die Tschechoslowakei wurde damit verpflichtet, bis zum 10. Oktober die Sudetengebiete zu räumen. Für das Land bedeutete dies den Verlust von rund einem Drittel seines Staatsgebietes und seiner Bevölkerung, aber auch praktisch die Zerstörung der eigenen Verteidigungsfähigkeit.

Konrad HenleinKonrad Henlein Es waren Hitlers Politik des „Heim ins Reich“ und die ethnischen Spannungen in Mitteleuropa, die den Ausgangspunkt für den Vertrag geliefert hatten. Rund 3,5 Millionen deutschsprachige Menschen lebten in den Sudetengebieten. Die deutsche Propaganda heizte dort die Spannungen an, treibende Kraft vor Ort war Konrad Henlein, der Vorsitzende der Sudetendeutschen Partei (SdP).

Doch Großbritannien und Frankreich wollten nichts mehr verhindern als einen erneuten Krieg Deutschlands. Ihre Ministerpräsidenten Neville Chamberlain und Edouard Daladier betrieben Hitler gegenüber eine Politik der Beschwichtigung, die sogenannte Appeasement-Politik. Als einziger potenzieller militärischer Verbündeter der Tschechoslowakei blieb die Sowjetunion. Doch die Frage war: Um welchen Preis? Der Historiker Jan Němeček von der tschechischen Akademie der Wissenschaften:

Jan Němeček (Foto: Jan Ptáček, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jan Němeček (Foto: Jan Ptáček, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Im Falle eines Kriegskonflikts, falls sich die Tschechoslowakei dem Münchner Diktat widersetzt hätte, hätte man ihr die Kriegsschuld zugeschoben. Wie hätte sich wohl dann die Sowjetunion verhalten? Hätte sie sich wirklich in den isolierten Konflikt zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei eingemischt? Das ist die Frage, die wir bis heute nicht beantworten können.“

Der tschechoslowakischen Führung blieb nichts anderes übrig, als klein beizugeben und den Vertrag zu akzeptieren. Der erst kurz zuvor neu ins Amt gekommene tschechoslowakische Ministerpräsident, General Jan Syrový, rechtfertigte dies darauf gegenüber seinen Landsleuten – und zwar auf Tschechisch und auf Deutsch:

„Ich durchlebe den schwersten Augenblick meines Lebens, denn ich erfülle meine schmerzlichste Aufgabe, eine Aufgabe, die schwerer ist als der Tod. Aber gerade deshalb, weil ich gekämpft habe und weiß, unter welchen Voraussetzungen man einen Krieg gewinnt, muss ich euch offen sagen, so wie es mir das Gewissen eines verantwortlichen Armeekommandanten gebietet: Die Macht, die sich in diesen Augenblicken gegen uns gestellt hat, nötigt uns, ihrer Übermacht bewusst zu sein und dementsprechend zu handeln.“

Münchner Abkommen (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R69173 / CC-BY-SA)Münchner Abkommen (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R69173 / CC-BY-SA) Doch damit war auch das Schicksal der restlichen Tschechoslowakei besiegelt. Im März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein und schuf einen Staat von Hitlers Gnaden, das Protektorat Böhmen und Mähren. Kurz zuvor hatte sich die Slowakei bereits abgespalten und in einen klerikal-faschistischen Staat verwandelt.

Schon bald sollte sich zeigen, dass Großbritannien und Frankreich trotz des tschechoslowakischen Opfers nicht mehr der Konfrontation mit Hitler ausweichen konnten. Das änderte in London und Paris auch die Sicht auf den Vertrag. Noch während des Zweiten Weltkriegs annullierten die Regierungen beider Westmächte ihre Unterschriften unter das Münchner Abkommen. Dadurch entstand die Grundlage dafür, dass der tschechoslowakische Staat nach 1945 zum Großteil in seinen früheren Grenzen wiederhergestellt werden konnte.