„Der Regenstab“ – Von Realien und Realitäten

25-03-2019

Mit über 70 Neuübersetzungen hat sich das Gastland Tschechien auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. In den kommenden Tagen möchten wir Ihnen deshalb einige Autoren vorstellen, die zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurden. Den Auftakt macht der „Der Regenstab“ von Jiří Hájíček.

Jiří Hájíček (Foto: Jakub Stadler, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)Jiří Hájíček (Foto: Jakub Stadler, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0) Alles ziemlich mittelmäßig. Der mittelalte Zbyněk Polecký lebt in einer mittelgroßen Stadt und wälzt mittelgroße Probleme. Und sich selbst nachts im Bett, vor Schlaflosigkeit, denn so unspektakulär auf den ersten Blick alles scheint, gibt es doch Anlass zur Beunruhigung. Die Hauptfigur in Jiří Hájíčeks Roman „Der Regenstab“ arbeitet in der Grundstücksverwaltung der Universität České Budějovice / Budweis, die Beziehung zu seiner Frau, der Musikerin Tereza wird überschattet vom unerfüllten Kinderwunsch und den verzweifelten Versuchen, diesen mit Hilfe einer Spezialklinik aus Prag endlich zu erfüllen. Ein beginnender Hang zu Verschwörungstheorien und Reisepläne nach Norwegen sind die Ausfluchten des Zbyněk Polecký. Erst Bohuna, seine erste große Liebe reißt ihn aus dem Alltag: Sie braucht Hilfe in einem Erbstreit um ein Grundstück und bittet ihn um fachlichen Beistand. Also kehrt er zurück in das kleine Dorf, in dem er aufgewachsen ist, versucht, zu retten, was zu retten ist, und entdeckt nach und nach, dass sich hinter der Erbschaftsstreitigkeit eigentlich ein Betrugsfall von einer viel größeren Dimension verbirgt. Die Geschichte hängt nur oberflächlich am nicht besonders originellen Gegensatz zwischen den beiden Frauen, sondern am Spannungsfeld zwischen Katasteramt, Altbauwohnung und Bauernhof. Vielleicht ist es auch ein Bermudadreieck.

Foto: Karl Rauch VerlagFoto: Karl Rauch Verlag Jiří Hájíček, Jahrgang 1967 wie seine Hauptfigur, wurde in Tschechien für seine Romane mehrfach mit dem Literaturpreis Magnesia Litera ausgezeichnet. Den Regenstab („Dešťový hul“) wählten die Leser der Zeitung Lidové noviny 2017 zum Buch des Jahres. Die jüngste tschechische Vergangenheit betrachtet aus der Perspektive eines Grundstücksexperten in der südböhmischen Provinz, das klingt nur auf den ersten Blick langweilig. „Über zwanzig Jahre glotze ich auf die Katasterkarten, die sich seither gewaltig verändert haben“, erklärt Hauptfigur Polecký einmal entnervt:

„Du kannst die großen Spieler sehen, die Schritt für Schritt Restitutionsansprüche aufkaufen, kannst sehen, wie die Gemeindeämter den Developern aus der Hand fressen, wie spekuliert wird mit Grundstücken, die irgendwann unter der Autobahn liegen... Die Schlauen tun, als gäbe es gar nichts zu sehen, aber dir steht es klar vor Augen, weil du weißt, worauf man seinen Blick richten muss, wo fragen. Du siehst, wie im großen Stil staatlicher Grundbesitz verscherbelt wird und dass das nicht gerade fair ist, Paragraf sieben jenes famosen Gesetzes, aber niemanden schert es, und du machst einfach weiter im Takt.“

Sehr eindrucksvoll, weil beiläufig zeigt sich in dem Roman das, was bei Studenten der tschechischen Philologie als „Realien“, also als Landeskunde, auf dem Stundenplan steht. Nicht nur die Developer, die im Nachwende-Tschechien allgegenwärtigen Immobilienhaie, tauchen auf. Hájiček spielt die tschechischen Realien – Immobilien heißen im Tschechischen übrigens „reality“ – durch anhand aller heute üblichen Formen des Wohnens: im Plattenbau, im absterbenden Dorf, das einst von Deutschen besiedelt war, in der städtischen Altbauwohnung und am Ende sogar in der „Ubytovna“, einem Mittelding zwischen Billigpension und Wohnheim, in dem in Tschechien vor allem ausländische Saisonarbeitern und Sozialhilfeempfänger ihr Dasein fristen. Und dann gibt es noch die Aussteiger, die lieber als Indianer ohne jeden Grundbesitz auf der grünen Wiese leben.

Jiří Hájíček: Der Regenstab, aus dem Tschechischen von Kristina Kallert, Karl Rauch Verlag, 272 Seiten, 22 Euro.

Jiří Hájíček: Dann blühen die Gräser, aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck, Wieser Verlag, 98 Seiten, 17,90 Euro.

Ein bisschen erinnert die Geschichte des Zbyněk Polecký an die Protagonisten eines anderen großen tschechischen Schriftstellers, nämlich an die von Ivan Klíma. In dessen stärksten Romanen verzweifelten grüblerische und oft schon fast konturlose Hauptfiguren an ihrer Machtlosigkeit gegenüber den allgegenwärtigen Strukturen des Kommunismus. Es waren Antihelden, die versuchten, sich zu arrangieren, ohne vollkommen das Gesicht zu verlieren. Bei Jiří Hájíček haben sich die Machtverhältnisse längst verschoben. Doch um die Hoffnungen der Wendezeit fühlt sich Grundstücksexperte Polecký betrogen. Geblieben sind das Gefühl der Machtlosigkeit und die mittelmäßigen Versuche, sich mit der Realität zu arrangieren.

 
25-03-2019