Botschaftsflüchtling auf Umwegen

30-09-2019

Der Bahnhof Prag-Libeň war am 30. September 1989 für knapp 4000 DDR-Bürger die erste Station in Richtung Westen. Einige fanden aber auch andere Wege zu den Zügen in die Freiheit. Einer von ihnen ist Frank Schröter, der eher durch Zufall zum Botschaftsflüchtling wurde. Am Samstag war auch er bei den Feierlichkeiten am Bahnhof Prag-Libeň.

Botschaftsflüchtlinge am Bahnhof Prag-Libeň (Foto: Tschechisches Fernsehen)Botschaftsflüchtlinge am Bahnhof Prag-Libeň (Foto: Tschechisches Fernsehen) Herr Schröter, was war denn die Initialzündung dazu, dass Sie damals nach Prag gefahren und auf den Zug in Richtung Bundesrepublik aufgesprungen sind?

„Ich habe zu der Zeit zufällig bei einem Freund in Pilsen Urlaub gemacht. Ich habe zunächst nicht geglaubt, dass es was wird mit der Ausreise über die Botschaft. Dann habe ich aber im Fernsehen Genscher auf dem Balkon gesehen und mir gedacht: ‚Jetzt oder nie‘! So bin ich dann von Pilsen nach Prag gefahren. Mein Gedanke war, dass man 3000 Menschen nicht in 20 Minuten evakuieren könne. Für mich war das so eine Hintertür, da mir der Geheimdienst damals mit fünf Jahren Zuchthaus gedroht hatte. Als die Menschen mit Bussen aus der Botschaft weggefahren wurden, sagte ein Schweizer, den ich da getroffen hatte, zu mir: ‚Mach, dass du da mit reinkommst‘! Als ich schließlich vor dem Bahnhof in Libeň mit den ganzen eingeschüchterten und traumatisierten Menschen stand, rief mir plötzlich ein Freund aus Berlin zu: ‚Schröti, du auch hier? Dann kannst du ja nicht bei der Stasi gewesen sein‘! An diesem Misstrauen in der kommunistischen Gesellschaft sind auch viele Menschen kaputtgegangen, durch die Zersetzungsmaßnahmen und auch durch Alkohol. Es hieß ja, dass die Männer zwischen Magdeburg und Wladiwostok nicht besonders alt würden.“

Flüchtlinge in der Botschaft (Foto: Tschechisches Fernsehen)Flüchtlinge in der Botschaft (Foto: Tschechisches Fernsehen) Wurde aber nicht kontrolliert, wer von der Botschaft zum Bahnhof kam?

„Es war ein Durcheinander, denn den Transport von 3000 Menschen kann man nicht so einfach organisieren. Frauen und Kinder waren zum Teil nicht ansprechbar, da sie so traumatisiert waren. Im Zug habe ich dann einen Diplomaten angesprochen und ihm gesagt, dass ich Angst hätte, dass sie mich auf DDR-Gebiet aus dem Zug holen würden. Ich sei ja gerade nicht in der Botschaft gewesen und stünde somit nicht auf den Listen. Er beruhigte mich aber und versicherte mir, dass man auf mich aufpassen würde.“

Wie haben Sie denn die Tschechen erlebt, als sie in der Tschechoslowakei auf den Weg nach draußen gewartet haben?

Zugstrecke Prag-Hof 1989 (Quelle: YouTube)Zugstrecke Prag-Hof 1989 (Quelle: YouTube) „Da gab es eine kleine Vorgeschichte. Ich bin eine Stunde lang nach Prag gefahren, habe aber dreimal angehalten. Ich weinte, weil mein ganzes Leben veränderte sich gerade. Die erste Prager Vorstadt war wie tot. In meinem Kopf gab es nur die Gedanken an Geheimdienste und vielleicht Heckenschützen wie 1968. Ich habe dann einen betrunkenen Tschechen getroffen mit seinem Lada, der mich für 100 DDR-Mark zur Botschaft gebracht hat.“

Wie ging das dann weiter, nachdem Sie in Hof angekommen waren?

„Wir sind erst ins Aufnahmelager in Pocking bei Passau gekommen. Da verbrachte ich so zehn bis 14 Tage, wobei wir gut versorgt wurden. Dafür habe ich mich damals auch bei Horst Seehofer bedankt bei einer Kranzniederlegung. Bei der Anmeldung hat man uns dann gefragt, wo wir denn hinwollten. Ich bin dann erst einmal zu Verwandten nach Nordrhein-Westfalen gegangen, wo ich ein Jahr lang gelebt habe.“

Mauerfall in Berlin (Foto: Raphaël Thiémard, Flickr, CC BY-SA 2.0)Mauerfall in Berlin (Foto: Raphaël Thiémard, Flickr, CC BY-SA 2.0) Dort haben Sie dann im Fernsehen gesehen, wie die Mauer gefallen ist. Was war das für ein Gefühl für Sie?

„Die Ereignisse überschlugen sich ja dann. Für mich, der ich ja durch meine Zeit als politischer Häftling traumatisiert war, schien das Ganze unbegreiflich. Dafür, dass die kommunistische Herrschaft mit ihrem System kaputtgeht, dafür hatte ich keine Worte.“

Sind Sie danach zurück in die ehemalige DDR gezogen?

„Nein. Ich bin später nach Lübeck gegangen, wo ich auch heute noch lebe. 2010 habe ich dann meine Re-Traumatisierung bekommen wegen der politischen Haft, habe aber einen Schlaganfall überlebt und bin seitdem frühverrentet. Nun bin ich Invalide und Opfer des Stalinismus.“

Haben Sie irgendwann wieder Prag besucht seit der Wende?

„Seitdem nicht mehr, ich hatte ja auch meine gesundheitlichen Probleme. Heute musste ich aber einfach hierher. Und nun habe ich Tränen in den Augen.“

30-09-2019