Blutige Flagge und Besatzer in Panzern

Es sind bisher unveröffentlichte und teils einzigartige Fotos von den Tagen um den 21. August 1968 in Prag. Sie zeigen den Ausnahmezustand auf den Straßen der Stadt, aber auch das Entsetzen, die Entschlossenheit und den Mut der Menschen angesichts des Einmarschs der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei. Zu sehen sind die 50 Jahre alten Aufnahmen derzeit im Altstädter Rathaus von Prag.

Fotografie von Václav Toužimský (Foto: ČTK/Vít Šimánek)Fotografie von Václav Toužimský (Foto: ČTK/Vít Šimánek)

(Foto: ČTK/Vít Šimánek)(Foto: ČTK/Vít Šimánek) Eine junge Frau und ein junger Mann halten eine tschechische Flagge hoch, die mit Blut beschmiert ist. Eine Verkäuferin steht im Eingang zum Laden und streckt den Soldaten eine Aufschrift entgegen: „Keinen Gramm Butter für die Okkupanten“. Das sind nur zwei der Motive von rund 200 Fotos. Die Aufnahmen stammen sowohl von Profis als auch von Amateuren. Zusammengestellt wurde die Auswahl von der Fotografin Dana Kyndrová. Sie selbst war 13 Jahre alt, als die Armeen des Warschauer Paktes einmarschierten und die Reformbewegung Prager Frühling niederschlugen:

„Auch ich habe das damals sehr emotional aufgenommen. Alle hatten ja gehofft, dass der Prager Frühling weitergehen würde. Und dann kam das plötzliche Ende. Die Fotos in der Ausstellung gehören zu den besten Aufnahmen überhaupt vom August 1968.“

Festgehalten ist vor allem das Geschehen im Zentrum von Prag, aber auch in anderen Städten wie Brno / Brünn, Ostrava / Ostrau oder Liberec / Reichenberg.

Altstädter Rathaus von Prag (Foto: Miloš Solař / fototarchiv NPÚ)Altstädter Rathaus von Prag (Foto: Miloš Solař / fototarchiv NPÚ) „Die dramatischsten Ereignisse spielten sich vor dem Gebäude des Tschechoslowakischen Rundfunks im Prager Stadtteil Vinohrady ab. Ein Foto zeigt etwa, wie ein Verletzter weggebracht wird. Und die beiden jungen Leute mit der blutigen Flagge gehen wohl gerade über den Wenzelsplatz in Richtung Altstädter Ring“, so Kyndrová.

Vor dem Rundfunkgebäude kam es in den Augusttagen zu Kämpfen. Laut dem Institut zum Studium totalitärer Regime in Prag sollen dabei insgesamt 17 Menschen getötet worden sein. Einige wurden erschossen, andere kamen bei der Explosion eines sowjetischen Panzers durch Trümmerteile ums Leben, weitere starben in den Flammen der Brände oder wurden im Chaos von Autos überfahren.

Igor war damals 24 Jahre alt. Er ging wie viele andere zum oberen Ende des Wenzelsplatzes.

„Das kam spontan, niemand musste überredet werden. Es gab einige wirklich Mutige darunter. Sie sind auf die Panzer gesprungen und haben die Tanks angezündet. Emotionen, Mut und Angst.“

Zu den Aufnahmen aus den Augusttagen hat Dana Kyndrová noch Fotos von späteren Protesten hinzugefügt. Sie wurden bei den Studentendemos im Herbst 1968 und den Kundgebungen nach der Selbstverbrennung von Jan Palach im Januar 1969 aufgenommen.

 

Die Ausstellung heißt „Sowjetische Invasion – der August 1968“. Zu sehen ist sie noch bis 30. August, und zwar im Kreuzgang und im Rittersaal des Altstädter Rathauses in Prag.