BIS: Tschechien fahndet mit nach kriminellen Hawala-System-Nutzern

03-10-2005

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA ermittelten Fahnder weltweit verstärkt gegen Schattenbanken, um an die Finanzierer des Terrors heranzukommen. Ein Instrument der anonymen Geldüberweisungen ist dabei das so genannte Hawala-System. Was es mit diesem System auf sich hat und weshalb es auch um die Tschechische Republik keinen Bogen macht, dazu mehr von Lothar Martin.

"Hawala" stammt aus dem Arabischen, heißt übersetzt "Vertrauen" und ist die Bezeichnung für ein alternatives Geldtransaktionssystem, das bereits im Mittelalter in Arabien gebräuchlich war. Hawala-Transfers erfolgen rasch und direkt; sie sind günstig und zuverlässig. Es genügt ein Code, der per Telefon, Fax oder E-Mail übermittelt wird, um in anderen Ländern Geld an den Berechtigten flüssig zu machen. Wie die Transaktion abläuft, dazu erklärte der Direktor des tschechischen Amtes für internationale Beziehungen und Informationen, Karel Randak:

"Der Einzahlende hinterlegt einen entsprechenden Betrag, erhält dafür einen Code, der dem Empfänger vom Einzahler mitgeteilt wird, so dass der Empfänger anhand des Codes das Geld im Zielland entgegennehmen kann. Aufgrund dessen, dass es sich hier um ein System handelt, das man eigentlich gar nicht decodieren kann, ist es sehr schwierig festzustellen, welche Beträge wann und wohin abgesendet werden."

Auf die gleiche Weise teilt auch der Geschäftsmann, der "Hawaladar", der den Geldauftrag entgegengenommen hat, einem Kontaktmann im Zielland die Summe und das Codewort mit, das zum Empfang des Geldes berechtigt. Mit anderen Worten: Der Begünstigte kann zumeist schon eine Stunde später beim Lebensmittelhändler, im Goldgeschäft oder einem Elektroladen in der nächsten größeren Ortschaft das Geld abholen, von dem er nur eine kleine Provision an den Händler abtreten muss. Nach der Transaktion werden die Aufzeichnungen meistens sofort vernichtet. Das Geld selbst wird nicht auf die Reise geschickt. Da ständig Transaktionen zwischen den Schattenbanken erfolgen, müssen nur die Differenzen ausgeglichen werden. Dazu werden fingierte Rechnungen oder überhöhte oder niedrigere Rechnungen über ein tatsächliches Exportgeschäft ausgestellt. In das geheime Hawala-Netz eingebunden sind Reisebüros, Juweliere, Lebensmittelläden, Imbiss-Stuben, Altwarenhändler und andere Geschäfte.

Wie Karel Randak am Montag exklusiv dem Tschechischen Rundfunk mitteilte, werden den Schätzungen der internationalen Geheimdienste zufolge jährlich rund 80 Milliarden Dollar über das Hawala-System bewegt. Von diesem Geldfluss ist auch die Tschechischen Republik nicht ausgeschlossen, stellte der Sprecher des nationalen Geheimdienstes BIS, Jan Subert, im Rundfunk klar:

"Wir sind doch keine von Welt isolierte Insel, daher finden die Hawala-Transaktionen auch bei uns statt. Wenn daher unser Nachrichtendienst einen gewissen Verdacht darüber hegt, dass in diesem System irgendwelche Verbindungen in Richtung Terrorismus bestehen, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit natürlich auf solche Hawala-Transaktionen, zumeist in Zusammenarbeit mit unseren ausländischen Partnern".

Zum ersten Male wurde also auch in Tschechien offiziell bekannt gegeben, zu den Fahndern gegen die kriminellen und terroristischen Aktivitäten des Hawala-Systems zu gehören. US-Ermittler stießen allein in Washington auf ein halbes Dutzend Hawala-Banker; deutsche Kriminalisten kamen einem gut funktionierenden Hawala-Netz mit Verbindungen in fast 40 Länder auf die Spur.

Die Hawala-Transaktionen spielen sich fast immer innerhalb einer ethnischen Bevölkerungsgruppe ab: Ein Chinese geht zum chinesischen Schattenbanker; ein arabischer Hawaladar hat durchwegs arabische Partner.

03-10-2005