Bis heute geschätzt: Arbeitgeber Baťa

Der Baťa-Konzern gilt heute noch als einer der größten Schuhproduzenten der Welt. Der unternehmerische Erfolg des Konzerngründers Tomáš Baťa (1876-1932) und sein Umgang mit den Arbeitnehmern sind das Thema einer neuen Ausstellung. Diese wurde am Mittwoch an der Wirtschaftsuniversität in Prag feierlich eröffnet. Bibliothekarin Jana Maroszová hat die Schau zusammengestellt. Martina Schneibergová hat mit ihr nach der Vernissage gesprochen.

Jana Maroszová (Foto: Martina Schneibergová)Jana Maroszová (Foto: Martina Schneibergová) Frau Maroszová, wie entstand die Idee, an der Wirtschaftsuniversität eine Ausstellung über Tomáš Baťa zusammenzustellen?

„Ich habe diese Aufgabe von meinen Vorgesetzten bekommen, weil wir etwas in der Bibliothek machen wollten, was unsere Studenten interessieren und inspirieren könnte. Ich habe mich über diese Aufgabe sehr gefreut, weil wir im Lesesaal eine Pinnwand haben, an der kleine Ausstellungen zu verschiedenen Themen und Anlässen gezeigt werden. Tomáš Baťa war ja ein bekannter tschechischer Unternehmer in der sogenannten Ersten Republik. Später habe ich mich mehr in die Problematik vertieft und dabei festgestellt: Dieser Mensch kann auch der heutigen Zeit etwas sagen. Vor allem mit seiner Auffassung, wie man überhaupt ein Unternehmen führen soll oder wie man als Arbeitgeber mit den Menschen im Betrieb, also mit den Angestellten und den Arbeitern umgehen soll. Das hat mich fasziniert. Und das ist auch der Kern der Ausstellung.“

Sie haben über eine Triade ,Kunde - Arbeitnehmer - Chef' gesprochen. Worin bestand diese?

Ausstellung „Arbeiter, Chef, Mensch: Tomáš Baťa“ (Foto: Martina Schneibergová)Ausstellung „Arbeiter, Chef, Mensch: Tomáš Baťa“ (Foto: Martina Schneibergová) „Die Triade betrifft konkret das, was in Baťas Zeit als ,Public Service' bezeichnet wurde, also als der ,öffentliche Dienst'. Man hat es damals ein bisschen anders als heute verstanden, nämlich in dem Sinn, dass sich der Arbeitgeber um seine Arbeitnehmer kümmert. In der Hinsicht, dass er sie nicht nur als eine Arbeitskraft betrachtet, sondern als etwas mehr – als Menschen. Und er gibt diesen Menschen auch die Möglichkeit, sich zu entwickeln und menschlich zu wachsen. Das heißt also nicht nur, sich in seinem Fach weiterzubilden, sondern sich auch als Mensch zu entfalten, Kunst wahrzunehmen, die Freizeit konstruktiv zu gestalten. Das alles hatte Baťa im Sinn. Die Triade bezieht sich dann auf die drei Komponenten des Public Service. Erstens auf den Kunden – das Ziel des Unternehmens ist es, Schuhe herzustellen, die sich jeder leisten kann, und zwar gute Schuhe, die auch von hohem Wert sind. Zweitens sind es die Angestellten, um die sich der Arbeitgeber kümmert. Und drittens ist es der Arbeitgeber selbst, in unserem Fall Tomáš Baťa.“

Wo haben Sie nach dem Material für die Ausstellung gesucht?

„Erstens habe ich mich gleich nach Zlín begeben, weil dort ein Archiv ist. Es gibt dort auch ein Museum und die Tomáš-Baťa-Universität. Ich habe im Archiv nachgeforscht und auch die Literatur von und über Tomáš Baťa gelesen. Baťa selbst hat nämlich ein Werk geschrieben, in dem er den Weg zum Wohlstand beschreibt und in dem er die Hauptgedanken seines Unternehmens zusammengefasst hat [das 1926 erschienene Werk heißt Zámožnost všem, d. h. Wohlstand für alle; Anm. der Red.].“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Worin bestand Ihrer Meinung nach sein Erfolg?

„Ich denke, dass Baťa aus seinen Fehlern gelernt hat. Er hat zweierlei gelernt. Erstens, dass man zuverlässig und auch offen den Menschen gegenüber sein muss, dass man als Unternehmer, als Arbeitgeber den Arbeitnehmern vertrauen muss. Zweitens, dass er den Menschen auch die Gelegenheit gegeben hat, sich wirklich zu entwickeln. Dass er sie in sein Unternehmen miteinbezogen hat, als Mitarbeiter, als Kollegen, die über den Gewinn oder den Verlust entscheiden und die sich auch engagieren müssen. Es durfte ihnen nicht egal sein, ob das Unternehmen blüht oder nicht.“

Wird Tomáš Baťa hierzulande bis heute geschätzt?

„Ja, auf jeden Fall. Seinen Namen kennt man vor allem wegen der Schuhe. Man weiß, dass Tomáš Baťa vor dem Zweiten Weltkrieg gute und billige Schuhe produziert hat, die sich jeder leisten konnte. Und in diesem Jahr wurde Tomáš Baťa von der Wirtschaftskammer der Tschechischen Republik zum Unternehmer des Jahrhunderts gewählt. Vielleicht ein bisschen mehr zu Tomáš Baťa: Ihm ist wirklich ein Wunderwerk gelungen, weil er 1894 mit 50 Angestellten angefangen hat. Aber im Jahr seines Todes, das heißt 1932, da hatte er schon über 30.000 Menschen in Lohn und Brot. In Zlín, wo Anfang des 20. Jahrhunderts nur etwa knapp 3.000 Menschen gelebt haben, wohnten in den 1930er Jahren schon über 26.000 Menschen. Die Stadt hat sich durch den Betrieb vollständig verändert. Baťa beteiligte sich aktiv an dem Bau verschiedener Kultureinrichtungen. Er hat ein Krankenhaus errichtet ebenso wie Schulen. Er hat auch die Bildung reformiert. 1923 wurde er dann zum Bürgermeister gewählt. Daher konnte er sich dann auch aktiv an der Gestaltung der ganzen Region beteiligen.“

 

Die Ausstellung mit dem Titel „Arbeiter, Chef, Mensch – Tomáš Baťa (1986–1932)“ ist bis September 2019 in der Bibliothek der Prager Wirtschaftsuniversität zu sehen. In der Ausstellung wird auch ein Kurzfilm aus dem Jahr 1935 gezeigt, in dem die Schuhproduktion beschrieben wird. Die Filmmusik schrieb Bohuslav Martinů, Regie führte der spätere Oscar-Preisträger Elmar Klos.