Bilder einer verschwindenden Welt: Rudolf Ginzel zeigt Liberec vor 100 Jahren

Wie sah es in der nordböhmischen Stadt Liberec / Reichenberg und in ihrer Umgebung vor etwa 100 Jahren aus? Eine Vorstellung davon vermitteln die Fotos von Rudolf Ginzel. Eine Auswahl seiner Fotografien zeigt eine Ausstellung, die zurzeit im Nordböhmischen Museum in Liberec zu sehen ist.

Foto: Archiv des Nordböhmischen Museums in LiberecFoto: Archiv des Nordböhmischen Museums in Liberec Bilder von sudetendeutschen Dörfern aus der Umgebung von Liberec sowie längst verschwundene Winkel der Stadt – auf den Fotografien von Rudolf Ginzel sind sowohl traditionelle Häuser der Volksarchitektur wie auch Stadtgebäude zu sehen. Einige davon existieren heute nicht mehr. Das Nordböhmische Museum hat in seinen Sammlungen rund 500 Glasnegative von Rudolf Ginzel (1872-1944). Das älteste davon stammt von 1905, das jüngste aus der Mitte der 1930er Jahre. Rund 100 Fotografien, die aus diesen Negativen entwickelt wurden, sind in der neuen Ausstellung zu sehen. Jiří Křížek leitet das Museum:

Jiří Křížek (Foto: ČT24)Jiří Křížek (Foto: ČT24) „Rudolf Ginzel starb 1944. Aus diesem Grund ist die Fotosammlung erhalten geblieben. Denn hätte er die Vertreibung erlebt, wären die Fotos wahrscheinlich verloren gegangen. Die Negative landeten bei seinen Verwandten, die in Böhmen geblieben sind. Die Welt, die Ginzel fotografierte, ist eine Welt von gestern, wie Stefan Zweig sagen würde. Die Häuser, die Menschen, die er in der Zeit um den Ersten Weltkrieg fotografierte, waren schon damals eine verschwindende Welt. Wir kennen dieses Nordböhmen gar nicht mehr. Zu sehen sind auf den Aufnahmen noch Kuhfuhrwerke, Bauern, Drehorgelspieler, Bettler, Wallfahrtskapellen. Es sind Bilder der traditionellen Kultur aus dem böhmischen Grenzgebiet. Was uns hier in Liberec fehlt, ist gerade die Verbindung zu den Personen, die hier vor 1945 lebten. Das müssen nicht unbedingt Bürgermeister oder Professoren, sondern können ganz gewöhnliche Menschen sein. Darum stellen wir beispielsweise das Foto eines Bettlers aus, der mit einem Lächeln im Gesicht 1908 in Hanychov durch den Schnee schreitet. Der Wert der Fotos besteht für uns vor allem darin, dass sie unsere Region dokumentieren.“

Foto: Archiv des Nordböhmischen Museums in LiberecFoto: Archiv des Nordböhmischen Museums in Liberec Fotografien von Rudolf Ginzel würde man dem Museumsleiter zufolge dem sogenannten „Pictorialismus“ zuordnen. Die Blütezeit erlebte die kunstfotografische Stilrichtung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Pictorialistische Fotografien entstanden aber auch noch Anfang der 1950er Jahre. Der Museumsleiter:

„Aufgrund dessen, wie er die Gegend darstellte, wie er mit dem Bild arbeitete, stellt Ginzel auf dem sudetendeutschen Gebiet eine einzigartige Persönlichkeit dar. Ich getraue mir zu sagen, dass es sich bei der Sammlung seiner Fotografien um einen wiederentdeckten Schatz handelt. Wir sind den Brüdern Ginzel sehr dankbar, dass sie in den 1960er Jahren aus Respekt für ihren Großonkel Rudolf die Fotos in unser Museum gebracht haben.“

Foto: Archiv des Nordböhmischen Museums in LiberecFoto: Archiv des Nordböhmischen Museums in Liberec Die Ausstellung von Rudolf Ginzels Fotografien ist im Nordböhmischen Museum in Liberec bis zum 1. März zu sehen. Das Museum ist täglich außer Montag von 9 bis 17 Uhr, am Mittwoch bis 18 Uhr geöffnet.