Bestseller Gottland jetzt auch auf der Leinwand – aber nicht im Kino

29-08-2014

An diesem Buch kam in den letzten Jahren niemand vorbei, der sich für Tschechien interessiert. Gottland heißt es, und geschrieben hat es der polnische Journalist Mariusz Szczygieł. Es ist kein Roman, sondern eine Sammlung glänzend geschriebener Reportagen, in denen sich über Einzelschicksale die tschechische Geschichte der vergangenen hundert Jahre verdichtet. 2006 ist das Buch erschienen, inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit Preisen bedacht worden. Auch fürs Theater wurde Gottland adaptiert, und seit kurzem gibt es einen Dokumentarfilm.

'Gottland' (Foto: Offizielle Webseite der Nákladové nádraží Žižkov)'Gottland' (Foto: Offizielle Webseite der Nákladové nádraží Žižkov) Fünf Studenten der Prager Filmhochschule FAMU haben sich auf die Spuren Szczygiełs begeben. Mitte August feierte der Film Premiere. Allerdings nicht im Kino, sondern vor einer Industriekulisse – unter freiem Himmel auf dem Güterbahnhof im Prager Stadtteil Žižkov. Die erste von fünf Episoden hat Lukáš Kokeš inszeniert. Darin steht das Schuhimperium des Tomáš Baťa im Mittelpunkt. Der Unternehmer importierte Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Fordismus aus den USA ins südböhmische Zlín. Mit tristen Bildern vom Alltag der heutigen Baťa-Arbeiter spinnt Kokeš das Buch weiter und übt Kritik an den Produktionsumständen der Gegenwart. Nach Ansicht des Regisseurs ist der Ort für die Premiere gut gewählt:

„Die Leinwand ist an einer eisernen Brücke befestigt, die über den Güterbahnhof führt. Und in meinem Film über Baťa gibt es auch Passagen, die die industriellen Strukturen von Baťas Zlín zeigen. Zuschauer haben zu mir gesagt, dass diese Passagen nun eine ganz eigene Verbindung mit der Umgebung, also dem Güterbahnhof eingegangen sind, als würde sich die eiserne Brücke im Film fortsetzen – und umgekehrt.“

Mariusz Szczygieł (Foto: Šárka Ševčíková, ČRo)Mariusz Szczygieł (Foto: Šárka Ševčíková, ČRo) Zur Premiere angereist war auch der Autor der Buchvorlage, Mariusz Szczygieł. Das Tschechische Fernsehen wollte im Interview von ihm wissen, ob er denn im Vorfeld Einfluss auf den Film genommen habe:

„Ich sehe das so: Der beste Autor für einen Theatermacher oder Filmregisseur ist ein toter Autor. Das heißt, ein Autor, der sich nicht einmischt, was die Fachleute mit seinem Stoff machen. Weil ich aber am Leben bin, habe ich mich wenigstens wie ein Toter verhalten: Ich habe mich herausgehalten und lasse mich nun überraschen. Ich freue mich auf den Film und bin gespannt, was die jungen Leute – sie sind alle etwa 25 Jahre jünger als ich – aus Gottland gemacht haben und was sie davon aufgegriffen haben.“

Fünf Episoden aus Szczygiełs Buch haben die Filmemacher ausgewählt. Das titelgebende Phänomen Karel Gott ist nicht darunter. Auf Baťa folgt die Geschichte der Lída Baarová. Der Nachruhm der Schauspielerin speist sich vor allem aus ihrer Affäre mit Josef Goebbels. Absurd wird es mit dem Kurzfilm der Regisseurin Rozálie Kohoutová. Sie geht der Frage nach, welche Persönlichkeit heute an Stelle der monumentalen Stalin-Statue am Prager Moldauufer stehen könnte. Das weltweit größte Stalin-Denkmal war 1962 gesprengt worden. Der Film endet mit dem Schicksal von Zdeněk Adamec, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannt hat. Für Lukáš Kokeš schließt sich damit ein Kreis.

'Gottland' (Foto: Tschechisches Fernsehen)'Gottland' (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Den Epilog des Films bildet die Geschichte von Zdeněk Adamec‘ Selbstverbrennung. Diese radikale Geste ist eine Antwort auf die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, dem Leben in der Tretmühle – das mit Baťa begonnen hat – zu entkommen.“

Von der Kritik wurde der Film bislang eher verhalten aufgenommen. Eine Journalistin der Zeitung Mladá Fronta Dnes meinte in Anspielung auf den Aufführungsort, die Verpackung sei wohl wichtiger gewesen als der Inhalt. Mariusz Szczygieł zeigte sich hingegen zufrieden mit dem Ergebnis:

„Ich kann sagen, dass er mir gefallen hat. Mich haben die filmischen Einfälle der jungen Leute überrascht. Ich hoffe, dass es den jungen Regisseuren genauso geht wie einst den Filmemachern, die Hrabals Geschichten in dem Film ‚Perlen auf dem Meeresgrund‘ verfilmt haben, und danach alle berühmt wurden. So soll es auch diesen jungen Regisseuren gehen.“

'Gottland' (Foto: Tschechisches Fernsehen)'Gottland' (Foto: Tschechisches Fernsehen) Gottland ist in der tschechischen Fassung noch am 29. und 30. August auf dem Güterbahnhof Žižkov in Prag zu sehen. Im Herbst wird der Dokumentarfilm auf Tour durch elf weitere Städte in Tschechien gehen. Geplant sind unter anderem Vorstellungen auf dem Gelände des Baťa-Werkes in Zlín, in der ehemaligen Textilfabrik Vlněna in Brünn / Brno sowie auf dem Hangar des Flugtechnischen Museums in Olmütz / Olomouc.

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29-08-2014