Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt als Literatur-Stipendiat in Prag

Beim renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt hat Tilman Rammstedt im Vorjahr gleich doppelt abgeräumt: Für seinen tragikomischen Roman „Der Kaiser von China“ bekam er neben dem Hauptpreis der Jury auch den Publikumspreis. Ebenfalls im Jahr 2008 bekam der Berliner Autor den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Nun ist Rammstedt für zwei Monate in der tschechischen Hauptstadt, als Stipendiat des Prager Literaturhauses. Radio Prag hat ihn in der Prager Altstadt zum Interview getroffen.

Herr Rammstedt, erlauben Sie, dass ich Ihnen zu Beginn eine etwas banale, aber irgendwie doch naheliegende Frage stelle: Sie sind seit Anfang August Stipendiat des Prager Literaturhauses und sind jetzt ungefähr bei der Hälfte ihres Stipendiums angelangt. Wie gefällt es Ihnen in Prag?

„Also, ich beantworte diese naheliegende Frage mit einer naheliegenden Antwort: sehr gut. Das ist bei solchen Stipendien aber auch sehr einfach: Ich habe es ein paar Mal schon gemacht, und man wird aus dem Alltag herausgerissen und sozusagen gezwungen, ihn sich wieder neu zusammenzusetzen. Dadurch kann man aber auch die blöden Seiten des Alltags - so gut es eben geht - wegschieben. Und wenn das nun in so einer interessanten Stadt ist, dann kann man sich wirklich vornehmen, den ganzen Tag spazieren zu gehen. Das habe ich jetzt drei Wochen lang gemacht. Meine Beine tun weh, aber das ist es mir wert; es war hervorragend. Es ist natürlich seltsam, im August in Prag zu sein. Es ist immer dieses unwirkliche Gefühl, durch diese Touristenmassen zu stapfen und gleichzeitig zu wissen, dass ich auch Tourist bin. Ich spiele da so eine seltsame Doppelrolle. Am Anfang hat es mich geschreckt, aber dann dachte ich mir, dass es doch ganz interessant ist, so eine Stadt zu sehen, die auch so wahnsinnig viel Fassade ist; unfreiwillig, aber teilweise wohl auch freiwillig.“

Also, Sie laufen nicht vor den Touristen davon. Wir sitzen ja hier am Fuße der Karlsbrücke, man kann den Lärm der Besucher im Hintergrund hören. Gehen Sie eigentlich über die Karlsbrücke?

„Ungern, muss ich sagen. Ich wohne ja auf der Kleinseite; häufig wäre es also der schnellste Weg, wenn ich in der Altstadt bin. Trotzdem versuche ich die Brücke zu meiden. Ich bin in diesem Monat mit meinem kleinen Sohn hier, der sehr früh aufsteht; also laufe ich häufig noch vor acht Uhr drüber und das geht. Aber wenn ich mittags mit ihm zurückgehe, dann nicht. Ich habe das einmal gemacht und dann nie wieder.“

Sie haben es zum Teil ja schon vorweg genommen in ihrer Antwort vorhin: Was machen Sie hier in Prag genau?

„Das schöne an diesen Stipendien ist ja auch, dass Sie dabei keine wirkliche Verpflichtung haben. Ich habe hier ein paar Lesungen, ich habe mich dazu verpflichtet, diesen Blog zu schreiben, den ich auch sehr gerne schreibe, auch wenn ich so etwas zum ersten Mal mache. Ich sehe das als Chance an, jetzt nicht irgendeinem Pensum hinterherzukommen; auch weil ich in meiner Arbeit in einer Phase bin, wo es vor allen Dingen ums Nachdenken, ums Planen geht. Daher kam mir das Stipendium vom Zeitpunkt her wahnsinnig entgegen. Das ist eine Gelegenheit, mir einen Monat lang den Kopf durchspülen zu lassen – und jetzt ab September hoffentlich auch mehr Zeit am Schreibtisch zu verbringen .“

Das heißt, Sie arbeiten an etwas, an einem konkreten Werk hier in Prag?

„Ääh…ja. Aber so, wie man immer irgendwie an einem Werk arbeitet. Also ich habe tatsächlich hier bisher noch nicht viel geschrieben, aber das war auch der Plan. Mal sehen, wie es dann in einem Monat aussehen wird.“

Steht das, woran Sie arbeiten, irgendwie mit Prag in Verbindung, oder ist das ganz unabhängig vom Ort?

„Nein, die Idee dazu entstand natürlich schon bevor ich überhaupt wusste, dass ich hierher fahren werde. Ich hatte das auch bei den anderen Stipendien, die ich hatte, wenn sie in einem interessanten Land waren: Es besteht natürlich immer der Reiz, davon etwas einfließen zu lassen. Aber gleichzeitig scheue ich mich unglaublich davor, ein Lokalkolorit vorzutäuschen, das ich nicht durchschaue. Dafür reichen zwei Monate nicht, dafür würde auch ein Jahr nicht reichen. Das Einzige, wo ich mir etwas zutrauen würde, ist diese Rolle, die ich hier spiele. Ein unangenehmes, aber manchmal auch sehr angenehmes Fremdsein: das spiegelt sich sicher auch in Texten wieder, die ich schreibe. Die spielen dann allerdings nicht in Prag. Aber trotzdem sind sie von hier mitgenommen.“

Einen ausführlichen Bericht über Tilman Rammstedts Autoren-Lesung der etwas anderen Art – auf einem Moldaukahn nämlich – hören Sie am Sonntag in unserer Sendereihe „Kultursalon“. Und den Prag-Blog des Schriftstellers finden Sie hier.