Aufstand der Produktiven: Tschechische Autoren gründen neuen Verband

Nicht nur in der tschechischen Filmbranche herrscht zurzeit Aufruhr, sondern auch in der Literatur. 30 Schriftsteller der jüngeren Generation haben sich Anfang Dezember zur „asociace spisovatelů“ zusammengeschlossen. Die neue Vereinigung positioniert sich als deutliches Gegengewicht zur bestehenden Autorenvereinigung und will sich vor allem auch für die existenziellen Nöte der Literaten einsetzen. Damit steht die Wachablösung der Generation bevor, die vor 25 Jahren den ersten post-sozialistischen Schriftstellerverband aus der Taufe gehoben hatte.

Petra Hůlová (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Petra Hůlová (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Jeder schreibt für sich allein. Doch um heute als Schriftsteller überleben zu können, braucht es eine Organisation, die nach außen agiert und Gelder eintreibt. Das sagen 30 tschechische Autoren, die Anfang Dezember die neue Assoziation der Schriftsteller ins Leben gerufen haben. Unter ihnen ist Petra Hůlová:

„Wir hatten das Gefühl, dass eine Organisation fehlt, die für die Interessen der Schriftsteller eintritt. Zwar gibt es den Pen-Club und den Schriftstellerverband. Aber wir haben hier keine Vereinigung, die im Sinne einer Gewerkschaft und Branchenvertretung agiert und die Schriftsteller zusammenführt, die im positiven Sinne den heutigen Mainstream bilden.“

Jan Němec (Foto: Tschechisches Fernsehen)Jan Němec (Foto: Tschechisches Fernsehen) Zu den Gründungsmitgliedern des Verbandes zählen unter anderem Emil Hakl, Kateřina Tučková oder Ondřej Buddeus. Es sind Autoren, die sich über die Grenzen von Tschechien hinaus einen Namen gemacht haben. Der 33-jährige Jan Němec hat vor kurzem den Literaturpreis der Europäischen Union erhalten. Er ist Vorsitzender der neuen Assoziation.

„Uns geht es darum, etwas für die Literatur an sich zu tun. Dazu gehört zum Beispiel dass ein Literaturhaus gegründet wird und dass wir versuchen, für die Literatur mehr Geld einzutreiben, damit dieser Bereich, der ja schon lange Zeit völlig unterfinanziert ist, ein etwas höheres Niveau erreicht.“

Foto: Kristýna MakováFoto: Kristýna Maková Deutliche Kritik üben die zumeist eher jüngeren Schriftsteller am etablierten Schriftstellerverband Tschechien, dem „obec spisovatelů“. Dieser entstand 1989 noch während der Samtenen Revolution. Nach den Jahrzehnten der kommunistischen Indoktrinierung wollte sich der Verband bewusst von der Politik fernhalten. Inzwischen ist er auf mehrere hundert Mitglieder angewachsen und agiert eher als behäbige Honoratiorenvereinigung denn als Interessensvertretung. Den Autoren von heute ist das zu weltfremd. Jan Němec:

„Um nur ein Beispiel zu nennen: Im vergangenen Jahr wurde für die Senkung der Mehrwertsteuer auf Bücher gekämpft. Und der Verband war die ganze Zeit untätig. Dabei ist das genau die Angelegenheit, wo er Druck ausüben sollte, damit die Bücher billiger werden, so wie in den meisten unserer Nachbarländer.“

Lydie Romanská (Foto: Czyz Zdenek)Lydie Romanská (Foto: Czyz Zdenek) Trotz fehlender Lobbyarbeit hat die Politik in diesem Jahr die Senkung der Steuer von 21 auf 10 Prozent beschlossen. Was in Tschechien aber weiter fehlt, ist ein flächendeckendes Stipendiensystem. Auch die Zusammenarbeit mit ausländischen Autoren und Institutionen wollen Němec und seine Kollegen ausbauen. Zum Beispiel mit der Slowakei, wo vor einigen Monaten unter dem Namen „družstvo slovenských spisovateľov“ ein Autorenverband mit ganz ähnlichen Zielsetzungen entstanden ist. Inzwischen hat sich auch beim alteingesessenen tschechischen Schriftstellerverband die erste Empörung über die neue Konkurrenz gelegt. Selbst die stellvertretende Vorsitzende, die Dichterin Lydie Romanská, gab zu, dass ihr Verband inzwischen hoffnungslos überaltert ist und vielleicht sogar dringend auf Unterstützung angewiesen ist:

„Gerade die Generation, die diesen neuen Verband bildet, fehlt in unseren Reihen. Wenn wir unsere Erfahrungen und ihren frischen Zugang und ihre Fertigkeiten zusammenführen könnten, so wäre das gut. Sie sind ja auch in diesem produktiven Alter, um so eine Zusammenarbeit zu initiieren. Bei uns sind viele schon gar nicht mehr produktiv. Was uns fehlt, ist die Zusammenarbeit – nichts anderes.“