Annäherung mit gemischter Bilanz

06-03-2019

Es vergeht kaum ein Treffen tschechischer und deutscher Politiker, bei dem nicht „die besten Beziehungen aller Zeiten“ beschworen werden. Wie weit stimmt das aber? Und zeigt sich das etwa auch in den Zahlen? Das wollten die Journalistin Zuzana Lizcová aus Prag und die Politologin Hana Rydza aus Berlin wissen. Sie haben erstmals entsprechende Daten gesammelt und nun in einer Publikation veröffentlicht. Unterstützt wurden sie vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und der NGO Asociace pro mezinárodní otázky (Assoziation für internationale Fragen).

Libor Rouček (Foto: Andy Mabbett, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Libor Rouček (Foto: Andy Mabbett, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Knapp 100 Seiten dick ist die Publikation. Sie füllt eine Lücke in den tschechisch-deutschen Beziehungen. Das weiß auch der Politiker Libor Rouček. Der Sozialdemokrat war früher stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Parlaments und leitet heute das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum:

„Manche der Zahlen sind zwar in den statistischen Jahrbüchern auf der einen oder anderen Seite zu finden, aber es fehlte bisher eine übersichtliche Zusammenstellung. Es sind Daten zum Beispiel zum Außenhandel, dem Kulturaustausch oder dem Tourismus, aber auch zur demographischen Entwicklung oder der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit anhand unterschiedlicher Indikatoren.“

Ein Jahr lang haben die beiden Autorinnen diese Daten gesammelt. Die Politologin Hana Rydza ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität in Berlin:

„Das Ziel unserer Studie war zu vergleichen, wie sich die Strukturen in verschiedenen Gebieten in Deutschland und Tschechien langfristig entwickelt haben. Dabei wollten wir schauen, ob die Beziehungen zu einer gewissen Konvergenz oder Divergenz führen, welche Defizite sich erkennen lassen und wo Verbesserungsmöglichkeiten bestehen.“

Die Ergebnisse unterscheiden sich teils stark – je nach Bereich. Eindeutig angestiegen ist etwa die Zahl der Kooperationen zwischen den Universitäten beider Länder. Keine Annäherung gab es hingegen bei den Einkommen und der Wirtschaftskraft. So ist zwar in den vergangenen 20 Jahren das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in beiden Ländern gewachsen, zugleich aber konnte Tschechien den Abstand nicht verringern. Die Bilanz fällt also gemischt aus, sagt Zuzana Lizcová

Zuzana Lizcová (Foto: ČT24)Zuzana Lizcová (Foto: ČT24) „Die Beziehungen sind in den letzten 30 Jahren wesentlich besser geworden. Beide Seiten beschäftigen sich nicht mehr mit den problematischen Themen der Vergangenheit, sondern widmen sich aktuellen Dingen und der Zukunft. In bestimmten Bereichen wie dem gemeinsamen Handel oder in letzter Zeit auch in der wissenschaftlichen und technischen Kooperation sind die Daten sehr positiv. Viel Raum für Verbesserungen bestehen aber bei den Sprachkenntnissen und der regionalen Zusammenarbeit“, so die Analytikerin der Assoziation für internationale Fragen in Prag.

Letzteres ist durchaus eine bittere Erkenntnis, schließlich ist man auf 811 Kilometern direkter Nachbar. So lang ist nämlich die Grenze zwischen beiden Ländern. Zahlen zu Tschechisch-Kenntnissen in Deutschland waren laut Zuzana Lizcová gar nicht erst zu bekommen. Und die Statistiken aus Tschechien verschlugen der Journalistin fast die Sprache:

„Eins war für mich wirklich überraschend: In einer Umfrage wurde festgestellt, dass nur etwa 8,5 Prozent der Tschechen aktiv Deutsch sprechen, also ihre Sprachkenntnisse über dem Niveau B1 liegen. Ich denke, für ein Land in Zentraleuropa, das nicht nur Deutschland sondern auch Österreich zum Nachbarn hat, ist diese Zahl wirklich sehr niedrig.“

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio PragFoto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag Aber nicht nur beim Spracherwerb sehen die Autorinnen einen großen Nachholbedarf, wie Hana Rydza ergänzt:

„Zum Beispiel auch im kulturellen und im studentischen Austausch gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Ich denke, unsere Studie kann diese Defizite und Räume aufzeigen, in denen man zum Beispiel auf politischer Ebene etwas machen könnte.“

Denn trotz aller Bemühungen könne man sich dem Eindruck nicht erwehren, dass zwischen Tschechen und Deutschen weiter Reste des Eisernen Vorhangs stünden, heißt es im Fazit der Studie.

06-03-2019