1918-1938: Erste Republik in der Nationalgalerie

24-10-2018

Die Nationalgalerie in Prag zeigt zum 100. Staatsgründungsjubiläum Kunstwerke aus den Geburtsstunden der Tschechoslowakei. Das alles aber in einem internationalen Kontext. Neben Václav Špála, Josef Čapek, Emil Filla und Jan Zrzavý werden so auch Werke von Monet, Renoir, Rodin und Picasso ausgestellt. Sie wurden nach der Gründung der Tschechoslowakei vom Staat aufgekauft und zum Fundament der künftigen Nationalgalerie. Ein Interview mit dem Generaldirektor der Nationalgalerie Prag, Jiří Fajt.

Jiří Fajt (Foto: Markéta Kachlíková)Jiří Fajt (Foto: Markéta Kachlíková) Herr Fajt, die Nationalgalerie feiert den 100. Gründungstag der Tschechoslowakei mit mehreren Ausstellungen, vor allem aber mit der zur Kunst der Ersten Republik. Die Schau umfasst Werke aus der Zeit von 1918 bis 1938. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem Experiment. Wie ist das gemeint?

„Wir haben uns entschlossen, dass wir unsere Sammlung nach einem anderen Konzept als bisher präsentieren wollen. So wollen wir versuchen, eine künstlerische Topografie der Ersten Tschechoslowakischen Republik vorzustellen. Wir zeigen, was in diesen beiden Jahrzehnten, von 1918 bis 1938, sowohl in öffentlichen als auch in privaten Galerien und Museen gezeigt wurde. Wir beginnen mit Prag, der damaligen Kunstmetropole der Republik, und enden in Uschhorod, also der Stadt, die heutzutage in der Ukraine liegt, damals aber ein Bestandteil der Tschechoslowakei war. Wir zeigen, welche Künstler damals eine entscheidende Rolle gespielt haben, aber auch, für welche Kunst sich die Öffentlichkeit damals interessiert hat.“

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková

Die Ausstellung bleibt aber nicht nur bei der tschechoslowakischen Kunst, sondern zeigt auch bedeutende Werke der europäischen Malerei. Worauf geht dies zurück?

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková „Das geht auf eine außerordentliche Tat im Jahr 1923 zurück. Die Regierung der Ersten Republik wollte die Identität des neuen Staates stark frankophon prägen. Um das zu untermauern, hat die Regierung 1923 viel Geld bereitgestellt, und zwar eine Summe von unglaublichen sechs Millionen tschechoslowakischen Kronen. Eine Gruppe von Kunsthistorikern wurde beauftragt, mit diesem Geld französische Kunst des 19. und des 20. Jahrhunderts einzukaufen. Unsere Vorgänger haben damals etwa 150 großartige Kunstwerke erstehen können, wie etwa von Claude Monet, Renoir, Toulouse-Lautrec, August Rodin, Paul Gauguin, Henri Matisse und von Picasso. Das sind heutzutage unsere Highlights. Ohne diese ‚französische Sammlung‘ wäre die Nationalgalerie zwar eine interessante Sammlung der Altmeister beziehungsweise der tschechischen klassischen Moderne, würde sich aber nicht – wie es heute der Fall ist – an der Spitze in der Museumslandschaft der Region Ostmitteleuropas befinden.“

Eigentlich war der Staat und seine Repräsentanten damals sehr kulturorientiert…

„Ja. Wir können unsere Vorgänger nur beneiden. Wir kämpfen heute darum, dass die Nationalgalerie ein gewisses Budget für Neuerwerbungen zur Verfügung hat. Seit drei Jahrzehnten, eigentlich seit der Wende von 1989 hat die Nationalgalerie nicht systematisch neue Kunstwerke kaufen können. Das halte ich für einen katastrophalen Umstand, der geändert werden muss. Unser Haus ist unter anderem beauftragt, zu sammeln, die Kunstszene zu dokumentieren. Derzeit kann die Galerie dieser Aufgabe jedoch nicht nachkommen. Ich führe diesbezüglich Verhandlungen mit dem neuen Kulturminister und auch mit dem Premier, und hoffe sehr, dass sich diese Situation bald ändern wird. Schon morgen könnte es nämlich zu spät sein.“

Die Ausstellung „1918-1938: Erste Republik“ ist in der 3. Etage im Messe-Palast in Prag zu sehen. Die Galerie ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, mittwochs bis 20 Uhr. Am Dienstagabend wurden auch fünf kleinere Ausstellungen im Messe-Palast eröffnet, die unter anderem Werke aus der Asien-Sammlung sowie zeitgenössische Kunst präsentieren. Eine Sonderausstellung zum 100. Gründungstag der Tschechoslowakei mit dem Titel „Die Wahrheit siegt“ geht zudem auf Stereotype in der Darstellung der tschechischen Geschichte ein.

24-10-2018