Tschechien - kein billiges Reiseland mehr?

30-04-2002

Die starke tschechische Währung ist schon seit einiger Zeit wirtschaftspolitisches Tagesgespräch, und das hat nun offensichtlich auch auf den Tourismus, für die Hauptstadt Prag eine bedeutende Einnahmenquelle, durchgeschlagen. Mehr dazu im nachfolgenden Beitrag von Rudi Hermann.

Billiges Essen, billiges Bier und böhmisches Kristallglas zu Spottpreisen: Mit glänzenden Augen pflegten noch vor einigen Jahren westliche Touristen so den Aufenthalt in der Moldaustadt ihren Bekannten zu schildern. Umso erstaunlicher die Schlagzeile, die unlängst in der Tageszeitung Lidove noviny nachzulesen war: Für die Touristen ist Tschechien teuer. Wie bitte? Da glaubte man doch, dass gerade die günstigen Preise ein Grund für den grossen Zustrom von Touristen in die Stadt unter dem Hradschin verantwortlich seien, und jetzt schreibt diese Zeitung unter Berufung auf hiesige Unternehmer, die ausländischen Touristen würden inzwischen jeden Euro zwei Mal umdrehen, bevor sie ihn ausgäben. Die Umsätze seien stagnierend oder gar rückläufig, heisst es etwa aus den zahlreichen Läden mit böhmischem Glas, und Restaurateure klagen gar über Umsatzeinbrüche in der Grössenordnung von 20 bis 30 % im letzten halben Jahr.

Mit der starken Krone mag dies zu tun haben, aber keinesfalls ausschliesslich. Zwar ist es richtig, dass die Krone gegenüber dem Euro in den letzten rund zwei Jahren um etwa 20 % an Wert gewonnen hat und dies natürlich nicht ohne Folgen für das Ausgabeverhalten von Touristen aus der Eurozone bleibt. Doch haben sich namentlich im Zentrum von Prag eben auch die Preise über die Jahre an das internationale Niveau angenähert. Biertrinken ist in Prag generell zwar immer noch günstiger als im Westen, aber im Stadtzentrum kann man schon mal in eine finanzielle Falle tappen und feststellen, dass man im Westen nicht mehr für ein Essen, eine Ware oder Dienstleistung bezahlen würde. Wer Spielraum hat, kann deshalb jetzt versuchen, Preise zu senken. Dies ist allerdings nicht immer problemlos möglich, wie die Vertreterin einer Firma mit Glasartikeln meint. Die inländischen Produzenten seien aus Gründen der Konkurrenzfähigkeit nämlich schon jetzt auf einem tiefen Preisniveau, das sie nicht noch mehr senken könnten. Ähnlich argumentiert der Manager eines Restaurants im Prager Stadtzentrum: Durch die Fixkosten, etwa den Pachtzins, seien einem die Hände gebunden. Gerade die Gastronomie verrechnet den Kunden allerdings Preise, in denen man als Laie auf Grund des hiesigen Lohnniveaus und den Lebensmittelkosten noch einigen Spielraum zu Senkungen erblickt.

Wer es sich leisten kann, und das sind meist grosse, finanzstarke Unternehmen, wartet erst einmal ab. Die Sprecherin des Karlsbader Glas- und Porzellanunternehmens Moser meinte gegenüber der Zeitung Lidove noviny, den Einfluss der starken Krone werde man längerfristig auswerten. Jetzt sei es noch zu früh, um eindeutige Schlüsse zu ziehen.

30-04-2002