Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag. Am Mikrofon begrüßt Sie Lothar Martin. Der tschechische Fußball ist nach der Schmach vom Herbst 2001, als die Nationalmannschaft mit all ihren Stars völlig unnötigerweise die Qualifikation für die WM 2002 gegen die kaum mehr als mittelmäßigen Belgier vergeigte, wieder obenauf. In der EM-Qualifikation sind die Nedved, Rosický, Koller & Co. auch nach dem schweren Auswärtsspiel in den Niederlanden noch ungeschlagen, und auch in der nationalen Meisterschaft hat diese gewisse Euphorie etwas abgefärbt. So wurde das vielleicht titelentscheidende Hauptstadtderby zwischen den Traditionsclubs Sparta und Slavia Prag am vergangenen Samstag endlich wieder einmal vor ausverkauftem Stadion ausgetragen. Vor knapp 19.000 Zuschauern setzte sich übrigens Gastgeber Sparta mit 2:0 durch, wodurch die Blau-Rot-Gelben sieben Spieltage vor dem Ende der Punktspielsaison nun bereits sieben Punkte Vorsprung auf ihren Erzrivalen und schärfsten Titelkonkurrenten haben. Doch bei all den positiven Schlagzeilen, die der sogenannte "große" Fußball, also der auf dem großen grünen Rasen dargebotene Kick mit dem runden Leder derzeit hierzulande produziert, in dessen wärmendem Schatten sprießt mittlerweile ein zartes, kaum weniger erfolgsversprechendes Pflänzchen namens Futsal. Was es mit dieser noch relativ jungen Sportart auf sich hat und warum sie in Tschechien gerade jetzt besonders im Aufwind ist, das erfahren Sie gleich.

Vom 17. bis 24. Februar dieses Jahres fand im italienischen Caserta unweit von Neapel die 3. Europameisterschaft im Futsal statt. Die Tschechische Republik, zum zweiten Mal in Folge bei der Endrunde dabei, landete dort ihren bisher größten Erfolg in dieser Sportart - ihre Auswahl kam auf Platz 3 und gewann damit die Bronzemedaille! Eine der wichtigsten Stützen im Team war dabei der Prager Martin Dlouhý, der mit 35 Toren und 64 Auswahleinsätzen derzeitige Rekordhalter in der Nationalmannschaft. Für Radio Prag und Sie, liebe Hörer, erklärt uns Martin Dlouhý zunächst einmal, worin denn nun eigentlich die Unterschiede vom Futsal zum - wie wir ihn bereits bezeichneten - "großen" Fußball liegen:

"Also Futsal wird in der Halle auf dem klassischen Handballparkett gespielt, das die Ausmaße von 20 x 40 m aufweist. Gespielt wird ebenso auf Handballtore, und zwar in einer Länge von 2 x 20 Minuten effektiver Spielzeit. Einwürfe und Eckbälle werden mit dem Fuß ausgeführt, ansonsten ist alles so wie beim ´großen Fußball´. Nein, doch nicht ganz: Begrenzt wird nämlich die Anzahl der Fouls. Fünf Fouls sind je Team erlaubt, danach wird jedes weitere Foul mit einem sogenannten verlängerten Strafstoß geahndet. Das ist ein Strafstoß aus zehn Metern Entfernung. Das bedeutet, jede Mannschaft muss sehr darauf achten, dass sie die Grenze von fünf Fouls nicht überschreitet, denn beim Futsal handelt es sich um ein technisches Spiel, das möglichst ohne Fouls auskommen soll. So ist zum Beispiel auch das Grätschen untersagt. In jedem Team agieren vier Feldspieler und ein Torwart, in der Regel wird wie beim Eishockey während des Spiels in kompletten Viererblöcken gewechselt. Aber es sind auch Einzelauswechslungen möglich."

Damit wissen Sie nun, liebe Hörer, dass es sich beim Futsal um nichts anderes als um eine international legitimierte, weil längst mit einem entsprechenden Regelwerk ausgestattete Form des Hallenfußballs handelt. Wie dieser Sport hierzulande organisiert ist und welchem Event man in Tschechien bereits entgegenfiebert, das verraten wir Ihnen nach einem kurzen Break.

Von Martin Dlouhý, dem inzwischen 28-jährigen Stürmer des Prager Futsalclubs Viktoria Zizkov, erfahre ich, dass er wie fast jeder fußballvernarrte Bub zunächst einmal danach strebte, im populärsten Sport unseres Planeten, dem weltumspannenden Fußballspiel, groß herauszukommen. Doch die Konkurrenz ist auch hier in Tschechien groß, Verletzungen blieben nicht aus, und so reichte es für Martin trotz seiner technischen Begabung lediglich zu einigen Einsätzen beim Zweitligaverein Xaverov Prag. Die Belastung, sowohl Fußball auf dem Rasen als auch Futsal in der Halle zu spielen, wurde überdies zu groß, so dass sich Martin eines Tages entscheiden musste. Was den Ausschlag für den Futsalsport gegeben hat, dazu sagte mir Martin Dlouhý:

"Also, letztlich wurde dies sicher von der finanziellen Seite her entschieden, auch wenn es sich beim Futsal mehr oder minder noch um einen Amateursport handelt. Aber mit Viktoria Zizkov kam ich überein, wechselweise auch für den unterklassigen Verein im westböhmischen Manetin auf dem Großfeld spielen zu dürfen, wofür ich bezahlt werde. Zudem kommt mir beim Futsal entgegen, dass ich ein leichtfüßiger, technischer Spieler bin, die 1:1-Situationen liebe, während beim großen Fußball vor allem körperliches Durchsetzungsvermögen gefragt ist. Und so habe ich mich halt für Futsal entschieden."

Eine Entscheidung, die Martin bis heute nicht bereut hat. Denn mit der politischen Wende im Jahr 1989 wurde auch Futsal in Tschechien bzw. in der damaligen CSFR reorganisiert. Im Jahr 1990 wurde diese Sportart nämlich unter das Dach des nationalen Fußballverbandes gegeben, unter dem es nach und nach aus dem Dornröschenschlaf erwachte, so dass sich der Futsalsport in Tschechien mittlerweile schon als eine im Halbprofitum durchgeführte Sportart verstanden wissen will. Mit dazu beigetragen haben auch die neuen Strukturen, die hierzulande im Futsal eingeführt wurden. Dazu gehört, wie mir Martin Dlouhý mitteilt, dass es in dieser Sportart in Tschechien mittlerweile zwei gesamtstaatliche Ligen sowie mehrere unterklassige Wettbewerbe gibt. In der 1. Liga sind zwölf Mannschaften vertreten, die - ähnlich wie beim Rasenfußball - ihre Saison von Herbst bis Frühjahr austragen. Allerdings mit der dem Eishockey oder anderen Ballsportarten entlehnten Regelung, dass die besten Acht der Punkterunde zum Saisonfinale die Meisterschaft im sogenannten Play off ausspielen. Am längsten in der höchsten Spielklasse vertreten sind Dlouhýs Aussage zufolge der FC Mikeska Ostrava und sein Verein Viktoria Zizkov. Beide Clubs können auch bereits über je zwei Meistertitel verweisen. Doch seit dem Jahr 2000 geben nunmehr andere Vertretungen den Ton an, wie der TS Bakov nad Jizerou, der in jenem Jahr Meister wurde, oder CC Jistebník, der Titelträger des vergangenen Jahres. In Tschechien sind mittlerweile rund 30.000 Futsalspieler in 1400 Clubs organisiert.

Eine solide Basis also, die bei der EM in Italien nun auch mit einer Medaille ihre verdiente Anerkennung fand. Großen Anteil daran hatte wie gesagt auch Martin Dlouhý, der uns seine Auswahlkarriere wie folgt beschrieb:

"Also ich spiele in der Nationalmannschaft schon seit dem Jahr 1996, und zwar ziemlich konstant, da meine Leistung stimmt. Jetzt haben wir gerade den größten Erfolg für unser Land eingefahren, indem wir zunächst eine erfolgreiche EM-Qualifikation hingelegt haben, und zwar in Ostrava, wo eine riesige Stimmung herrschte. Ständig wurden wir von jeweils 4000 Zuschauern angefeuert - das war ein Ereignis, so wie ich es in Tschechien noch nie erlebt habe! Bei der EM im italienischen Caserta war es unser Ziel, die Gruppenspiele zu überstehen und in den Kampf um die Medaillen einzugreifen, was uns dann auch gelang. Zwar mit ein wenig Glück, aber wir haben auch wirklich gut gespielt. Die Bronzemedaille ist für uns ein riesiger Erfolg, mit dem keiner gerechnet hatte. Wir selbst haben zwar mit einer Medaille geliebäugelt, doch so richtig geglaubt hat eigentlich keiner von uns daran!"

Groß war die Freude vor allem deshalb, weil man mit Spanien eine europäische Futsalgroßmacht auf den medaillenlosen vierten Rang verweisen konnte. Im Finale konnte sich übrigens Gastgeber Italien mit einem 1:0-Sieg über die Ukraine durchsetzen. Möglichweise ist eine Finalteilnahme nunmehr auch das große Ziel von Martin Dlouhý und seinen Teamgefährten, denn die nächste Europameisterschaft findet im Jahr 2005 im heimischen Ostrava/Ostrau statt. Doch zuvor müssen und wollen sich die tschechischen Futsalkicker erst noch für die WM 2004 in Asien qualifizieren. Das wird schwer genug, denn die absolute Weltspitze wird wie im "Big Footbal" von Brasilien und mit Abstrichen von Argentinien gestellt. Doch auch Tschechien ist - wie die Nedved, Rosický, Koller & Co. auf dem grünen Rasen - auch hier auf einem guten Weg.

Und mit dieser Einschätzung beenden wir unseren heutigen Sportreport. Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit, vom Mikrofon verabschieden sich - Martina Zschocke und Lothar Martin.