In den Kriegsjahren verlor der tschechische Fußball den internationalen Anschluss

In diesem Jahr, in dem wir uns in ganz Mitteleuropa aus verschiedensten regionalen Anlässen heraus an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren erinnern, da werden auch immer wieder solche Fragen gestellt: Wie war das eigentlich 1945? Welche Auswirkungen hatte der Krieg auf das Zusammenleben in der damaligen Tschechoslowakei bzw. während der Kriegsjahre im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren? Letztere Frage veranschaulicht bereits, dass es nach der Okkupation des böhmisch-mährischen Teils der damaligen Tschechoslowakei durch Hitler-Deutschland im März 1939 hierzulande zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen gekommen ist. Daher sind wir einmal der Frage nachgegangen: Wie haben sich diese gravierenden Veränderungen seinerzeit auf den Sport und hierbei insbesondere auf den Fußballsport ausgewirkt?

Foto: CTKFoto: CTK Um diese Frage beantworten zu können, haben wir uns an den Sporthistoriker und Direktor des Infokart-Verlages, Radovan Jelinek, gewandt. Die vor der Okkupation herrschende Ausgangssituation im in der Tschechoslowakei gespielten Fußball schilderte uns Jelinek so:

"In der ersten Republik gab es mit der Tschechoslowakischen Fußball-Assoziation eine Dachorganisation, in der alle nationalen Fußballverbände des Landes vereinigt waren, und zwar der tschechoslowakische, der deutsche, der jüdische, der polnische und der ungarische Verband. Ich denke, das war eine sehr demokratische Regelung, die allerdings im März 1939 durch die Deutschen verboten und somit aufgehoben wurde. Auf dem Gebiet des damaligen Protektorats gab es daher nur noch den tschechischen Fußballverband, der die Wettbewerbe der tschechischen Clubs zu organisieren und zu leiten hatte."

Hatten also vor der Okkupation die einzelnen Verbände ihre eigenständigen nationalen Konkurrenzen durchgeführt und sich untereinander nur vereinzelt auf der Basis von Freundschaftsspielen gemessen, so hatte sich die Situation danach wie folgt geändert:

"Im Zusammenhang mit der Okkupation entstand der faschistisch ausgerichtete slowakische Staat, so dass die Mannschaft aus Bratislava noch in der Saison 1938/39 aus der 1. tschechoslowakischen Liga ausstieg und der ohnehin in der Slowakei ansässige ungarische Verband endgültig vom tschechischen Landesteil abgetrennt wurde. Der jüdische Verband, der nur bis zu 15 Mannschaften umfasste, zerfiel bereits in der Saison 1936/37. Da die Gebiete um Karvina und Ostrava dem General-Gouvernement in Polen zugeschlagen wurden, hatten auch die polnischen Klubs nun eine andere Zuständigkeit. Im tschechischen Landesteil existierte daher nur noch der tschechische Fußballverband im Protektorat sowie ein deutscher Verband, der die vor allem im Sudetengebiet spielenden deutschen Vereine in die deutschen Wettbewerbe integrierte."

In Böhmen und Mähren wurde der Spielbetrieb also 1939 sowohl in den tschechischen als auch den deutschen Ligen fortgesetzt und die tschechischen Fußballer konnten in jenem Jahr auch weiterhin internationale Vergleiche austragen:

Foto: CTKFoto: CTK "Die Tschechen pflegten stets sehr zahlreiche internationale Kontakte und es entspricht den Tatsachen, dass sie im Jahr 1939 noch drei Länderspiele absolvierten. Die Auswahl Böhmens und Mährens spielte so nach dem 15. März 1939 noch gegen Jugoslawien, gegen die österreichische Auswahl der damals so genannten Ostmark und abschließend im November 1939 letztlich auch gegen die Mannschaft Deutschlands, von der man sich in Breslau 4:4 trennte. Nur noch wenige wissen, dass der tschechische Fußballverband auch zu jener Zeit immer noch Mitglied der Internationalen Fußball-Föderation (FIFA) war. Aus der FIFA sind wir nämlich zu keinem Zeitpunkt ausgeschieden."

Doch gerade aufgrund der großen internationalen Bande der tschechischen Sportvereine fürchteten die deutschen Besatzer zunehmend Unruhen bzw. eine verstärkte Einflussnahme von außen, so dass sie mit Beginn des Jahres 1940 sämtlichen Reiseverkehr aus und ins Protektorat Böhmen und Mähren verboten.

"Das war selbstverständlich eine Zäsur für den Sport, denn unter den ausbleibenden internationalen Begegnungen litt natürlich auch das Niveau des einheimischen Sports einschließlich des Fußballs. Das wurde ganz besonders nach dem Krieg deutlich. So konnten die Tschechen in dieser Zeit nur noch dem Geschehen in ihren nationalen Ligen frönen. Aber das taten sie sehr nachhaltig, ja es muss gesagt werden, dass fortan die Mehrzahl der Spiele mehr als gut besucht waren. Über 10.000 Zuschauer bei einem Erstligaspiel, das war zu jener Zeit quasi die Regel. In den Partien fielen zudem extrem viele Tore, Ergebnisse der Kategorie 8:6 oder 7:5 waren keine Seltenheit. In der gesamten Zeitspanne der im Protektorat ausgespielten fünf Erstligasaisons wurde nur sechsmal ein torloses Remis registriert. Das ist für die heutige Zeit, wo an jedem Spieltag fast immer ein 0:0 dabei ist, nahezu undenkbar. Es wurde damals sozusagen ein zwangloser Fußball gespielt, der allerdings - wie ich schon sagte - der internationalen Entwicklung hinterher lief. Ein anderer von den Deutschen ab 1940 vorgenommener Eingriff war das Verbot des Tragens von ausländischen Clubnamen. So musste sich zum Beispiel der Traditionsclub Bohemians Prag, der im Stadtteil Vrsovice spielte, in Bohemia umbenennen, weil das Wort ´Bohemians´ aus dem Englischen stammte. Oder nehmen wir Aston Villa Mlada Boleslav. Auch diese Mannschaft musste den Namen des berühmten Vereins aus Birmigham ablegen."

Die Namen der beiden hauptstädtischen Renommierclubs Slavia und Sparta blieben - im Gegensatz zur späteren kommunistischen Zeitepoche - jedoch unverändert. Und einer dieser heute bereits über 100 Jahre alten Vereine spielte dann auch in der Zeit des Krieges die herausragende Rolle im hiesigen Fußball:

"Slavia Prag hatte in dieser Zeit einen guten Lauf. Die Mannschaft der Rot-Weißen wurde in jenen fünf Jahren viermal Meister und dominierte somit die nationale Konkurrenz. Einen großen Anteil daran hatte Josef "Pepi" Bican, der zu dieser Zeit vielleicht beste Torjäger der Welt. Slavia hatte ihn 1937 von Admira Wien gekauft. Bican hatte das riesige Pech, dass er gerade zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Karriere war, wegen des Krieges aber weder 1942 noch 1946 die turnusmäßige Weltmeisterschaft stattfand. Wenn zum Beispiel jene im Jahre 1942 ausgetragen worden wäre, dann wäre er ganz sicher auch weltweit noch viel populärer geworden, um nicht zu sagen, er hätte ebenso berühmt wie Pele sein können. Nicht zuletzt dank Bicans Abschlussstärke kamen die für jene Zeit typischen torreichen Spiele zustande, in denen Slavia nicht selten sechs, acht oder gar zehn Treffer erzielte, von denen mehr als die Hälfte auf Bicans Konto gingen. Von den Deutschen war ihm letzten Endes sogar angeboten worden, in der Nationalauswahl des Dritten Reichs spielen zu können, was Bican aber ablehnte. Das war mit Gewissheit eine mutige Entscheidung, denn er musste ja befürchten, dafür von den Deutschen bestraft zu werden. Aber soviel ich weiß, ist es dazu nicht gekommen."

Der letzte Jahrgang des tschechischen Clubfußballs im Protektorat wurde 1943/44 ausgetragen. Nach dem Krieg wurde auch der Fußballsport in der sich wieder vereinigenden Tschechoslowakei reorganisiert. Die erste Nachkriegsmeisterschaft begann im Herbst 1945 und wurde in zwei Gruppen á zehn Mannschaften durchgeführt. Im Finale konnte sich diesmal Sparta gegen den Lokalrivalen Slavia Prag behaupten. Der Krieg hatte jedoch dazu geführt, dass ein Fünftel aller vor seinem Beginn registrierten tschechoslowakischen Clubs nicht mehr existierten. Aber spätestens mit Kriegsende zerfielen erst recht alle deutschen Vereine, die bis dahin in Böhmen und Mähren ihren Sitz hatten, darunter auch der Teplitzer FK und der berühmte DFC Prag. Letzterer wurde allerdings schon im Frühjahr 1939 aufgelöst, weil sich der Prager Club geweigert hatte, sich der Henlein-Bewegung anzuschließen. Mit anderen Worten: Auch der Fußball in Böhmen und Mähren ging während und unmittelbar nach der NS-Zeit als Verlierer vom Platz, sowohl auf tschechischer als auch auf deutscher Seite. Deshalb wäre es umso schöner, wenn 60 Jahre danach - bei der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland - neben dem Gastgeber auch der tschechische Fußball zeigen könnte, dass er wieder zur internationalen Spitze gehört. Für die WM muss sich die tschechische Auswahl jedoch erst noch qualifizieren, und daher will sie in den nächsten zwei Wochen, wenn sie ihre Heimspiele gegen Andorra und Mazedonien bestreitet, unbedingt zwei Siege landen.