Westorientierung: Tschechiens Weg in die Nato

Die Tschechische Republik ist seit 20 Jahren Mitglied der Nato. Der Beitritt erfolgte am 12. März 1999 gemeinsam mit Polen und Ungarn. Für das Land in der Mitte Europas bedeutete dies ein Meilenstein in der Sicherheitspolitik.

NATO-Gipfel (Foto: U.S. Department of State, Flickr, Public Domain)NATO-Gipfel (Foto: U.S. Department of State, Flickr, Public Domain)

Foto: ČT24Foto: ČT24 Nach der politischen Wende im Jahr 1989 wurden auch sicherheitsrelevante Fragen neu überdacht. Eine treibende Kraft, die 1993 gegründete Tschechische Republik endlich in den schützenden Schoß eines loyalen Bündnisses zu führen, war Staatspräsident Václav Havel. Vor 20 Jahren wurden seine Bemühungen belohnt. Am 26. Februar 1999 unterzeichnete er in Prag die Beitrittspapiere zur Nato:

„Das Protokoll, das ich eben unterschrieben habe, ist für uns und unsere Nachkommen von historischer Bedeutung. Nach mehreren Jahrhunderten, in denen das tschechische Volk teilweise dramatische Entwicklungen durchlebte, ist die Sicherheit seines Staates endlich gewährleistet und fest garantiert. Denn die Tschechische Republik ist nun ein untrennbarer Bestandteil der Sicherheitsstruktur der gesamten euro-amerikanischen Welt.“

Viliam Široký unterzeichnet den Warschauer Vertrag (Foto: Archiv des Militärhistorischen Institut in Prag)Viliam Široký unterzeichnet den Warschauer Vertrag (Foto: Archiv des Militärhistorischen Institut in Prag) Bis dahin hatten die Tschechen im 20. Jahrhundert keine guten Erfahrungen mit Großmächten und Bündnissen gemacht. So wurde die Tschechoslowakei im Jahr 1938 von Großbritannien und Frankreich im Stich gelassen, als Hitlerdeutschland Anspruch auf die Sudetengebiete erhob. Das Münchner Abkommen zwang Prag zur Abtretung dieser Gebiete an das Deutsche Reich. Im Jahr 1955 trat die Tschechoslowakei dem Warschauer Vertrag bei. Dies war ein militärischer Beistandspakt des sogenannten Ostblocks unter der Führung der Sowjetunion. Was es aber hieß, die Vorgaben Moskaus zu ignorieren und eine eigenständige Entwicklung voranzutreiben, mussten die Tschechen und Slowaken ganz bitter im August 1968 erfahren. Denn da wurde ihre Reformbewegung „Prager Frühling“ mit der Besetzung des Landes durch Truppen der Warschauer Paktstaaten jäh gestoppt.

Václav Havel kämpfte schon als Dissident dafür, sein Land zu Freiheit und Demokratie zu führen und so auch zur freien Wahl seiner Bündnispartner. Als er Letzteres mit seiner Unterschrift unter den Nato-Beitrittsvertrag besiegelt hatte, äußerte er voller Stolz:

„Als ich vor zehn Jahren im Gefängnis saß, habe ich wirklich nicht geahnt, dass ich zwei Jahre darauf in Prag im Namen des Warschauer Paktes dessen Auflösung verkünden werde. Und ebenso nicht, dass ich weitere acht Jahre später im Namen der Tschechischen Republik das Papier zum Nato-Beitritt unterzeichnen werde. Ich habe also Grund genug, meinem Schicksal dafür dankbar zu sein.“

Madeleine Albright (Foto: © NATO)Madeleine Albright (Foto: © NATO) Eine weitere Schlüsselrolle für den relativ zügigen Nato-Beitritt Tschechiens, Polens und Ungarns spielte die damalige US-Außenministerin tschechischer Herkunft, Madeleine Albright. Als die drei Länder am 12. März 1999 im amerikanischen Independence offiziell als Mitglieder 17 bis 19 in den Nordatlantikpakt aufgenommen wurden, sagte sie unter anderem:

„An diesem Morgen sind drei stolze Demokratien der Nato beigetreten. Diese Länder haben bewiesen, dass sie die Verantwortung eines Alliierten übernehmen, die Werte des Bündnisses hochhalten und seine Interessen verteidigen können. Seit die Entscheidung getroffen worden war, die neuen Mitglieder aufzunehmen, hat Präsident Clinton argumentiert, dass eine größere Nato die USA sicherer, unsere Bündnispartner stärker und Europa friedlicher und vereinigter machen werde.“

Jan Kavan (Foto: ČT24)Jan Kavan (Foto: ČT24) Von tschechischer Seite hatte der damalige Außenminister Jan Kavan die Ratifikationspapiere mitgebracht und hinterlegt. In seiner Ansprache äußerte er:

„Ich bin zufrieden, dass wir rechtzeitig bewiesen haben, die militärischen Anforderungen erfüllen zu können für den heutigen Beitritt zu dieser effizienten und starken politischen und militärischen Allianz. Wir begrüßen es, nun ein integraler Bestandteil des kollektiven Verteidigungssystems der Nato zu sein. Und wir sind entschieden, keine Last für das Bündnis zu werden. Wir wollen stattdessen unseren Teil beitragen, unsere Verantwortung tragen und alle Pflichten eines Mitgliedsstaats erfüllen.“

Miloš Zeman (Foto: ČTK / Ondřej Deml)Miloš Zeman (Foto: ČTK / Ondřej Deml) Die Tschechische Republik hat ihren Beitrag nicht nur geleistet, sondern sich binnen kurzer Zeit den Ruf eines zuverlässigen und konstruktiven Partners in der Allianz erworben. Zu dieser Einschätzung kam 2004 der tschechische Botschafter bei der Nato, Karel Kovanda. In den ersten fünf Jahren seiner Mitgliedschaft musste Tschechien indes auch einige heikle Entscheidungen treffen. So stimmte die Regierung des damaligen Premiers Miloš Zeman kurz nach dem Beitritt der Bombardierung Jugoslawiens durch Luftverbände der Nato zu. Heute sieht Staatspräsident Zeman diese Handlung weitaus kritischer:

„Mit einem gehörigen Abstand zu damals halte ich das für einen Fehler. Aus heutiger Sicht ist das für mich der Akt einer gewissen Arroganz der Mächtigen gewesen. Auf der anderen Seite halte ich die Bombardements in Afghanistan überhaupt nicht für einen Fehler.“

Mission im Baltikum (Foto: Archiv der Litauischen Armee)Mission im Baltikum (Foto: Archiv der Litauischen Armee) Verbände der Nato sind in den zurückliegenden Jahren sehr oft in den Problemgebieten der Erde im Einsatz. Auch tschechische Soldaten gehören dazu. Gerade in Afghanistan und dem Irak haben sie wichtige Aufgaben übernommen. So zum Beispiel die 120 Mann starke Spezialeinheit aus dem mährischen Prostějov, die 2004 in Afghanistan an der Seite Deutschlands bei der Operation Enduring Freedom eingesetzt wurde. Ebenso haben sich tschechische Soldaten bei Missionen im Baltikum und auf dem Balkan bewährt. Insgesamt habe es in den 1990er Jahren keine Alternative zum Nato-Beitritt gegeben, glaubt der Politologe Jan Eichler vom Institut für Internationale Beziehungen in Prag:

„Seinerzeit waren fast zehn Jahre seit Beendigung des Kalten Krieges vergangen, und hier im mittel- und osteuropäischen Raum sprach man damals von einem Sicherheitsvakuum. Auf einmal fehlte irgendeine Verankerung, und man hatte keine Sicherheitsgarantien. Es überwog die Meinung, diese Sicherheitsgarantien innerhalb der Nato zu bekommen und als Mitglied der Allianz unsere Anbindung an den Westen zu bestätigen.“

Die tschechische Westorientierung wurde fünf Jahre später endgültig bestätigt – mit dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union.