Verständigung durch den Glauben

06-07-2019

Auf dem Hainberg bei Asch / Háj u Aše ist vor kurzem ein deutsch-tschechischer Berggottesdienst gefeiert worden. Er stand im Zeichen der Grenzöffnung vor 30 Jahren. Geistliche aus den benachbarten evangelischen Kirchengemeinden in Selb, Bad Elster und Aš haben ihn gemeinsam gestaltet. Die Predigt hielt Synodalsenior Daniel Ženatý, das Oberhaupt der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Bei dem Gottesdienst blickte man in die Vergangenheit zurück und voraus in die Zukunft.

Gläubige auf dem Hainberg (Foto: Maria Hammerich-Maier)Gläubige auf dem Hainberg (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Pavel und Libuše Kučera (Foto: Maria Hammerich-Maier)Pavel und Libuše Kučera (Foto: Maria Hammerich-Maier) Der Háj / Hainberg gilt seit jeher als Hausberg der Ascher. Von dem 757 Meter hohen Gipfel hat man einen Ausblick auf das Fichtelgebirge, das Elstergebirge und das Erzgebirge. Hier, in der Nähe des 1904 erbauten Bismarckturms, fanden sich am letzten Sonntag im Juni bei azurblauem Himmel und hochsommerlichen Temperaturen Gläubige aus Sachsen, Bayern und Böhmen ein. Einige wanderten zu Fuß vom evangelischen Pfarrhaus hoch, andere kamen mit dem Bus. Ein paar Takte des Posaunenchors Selb, dann eröffnete der Gastgeber, Pfarrer Pavel Kučera von der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Aš, den Gottesdienst mit einem Bibelzitat auf Tschechisch und Deutsch:

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“

Feldaltar (Foto: Maria Hammerich-Maier)Feldaltar (Foto: Maria Hammerich-Maier) Es folgte die Begrüßung der mitwirkenden Geistlichen: Synodalsenior Daniel Ženatý, Dekan Volker Pröbstl vom Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirk Selb und Diakon Gerhard Roßbach von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Bad Elster. Das Lied „Lobet den Herren“ wurde anschließend zweisprachig ausgeführt, wie übrigens alle Lieder und Gebete des Gottesdienstes. Jeder Teilnehmer benutzte dabei seine Muttersprache.

Jeder in seiner Sprache

An zweisprachige Arbeit ist Pfarrer Kučera bei seinem Dienst als Geistlicher gewöhnt. Er wurde 1988 nach Aš versetzt. Unter den rund 500 Mitgliedern der Ascher evangelischen Gemeinde seien damals noch mehrere Deutsche gewesen, erzählt der Pfarrer.

„Vor der Wende war die Einstellung zu den Deutschen hier anders als danach oder gar heute. Doch ich habe mich stets bemüht, als Geistlicher und Seelsorger für die Angehörigen beider Nationalitäten gleichermaßen da zu sein, für die Tschechen wie die Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg bei uns geblieben sind. Ich hoffe, dass mir das mit Gottes Hilfe auch gelungen ist. Das ist jetzt praktisch Vergangenheit. Denn von den in Aš verbliebenen Deutschen leben heute nur noch einige sehr alte Menschen. Aber als Christ und Pfarrer muss ich sagen: Wenn uns auch Sprachen manchmal trennen, der Glaube verbindet uns, und in diesem Sinne sprechen wir dieselbe Sprache“, so Kučera.

Dekan Dr. Volker Pröbstl, Pfarrer Pavel Kučera, Diakon Gerhard Roßbach, Synodalsenior Daniel Ženatý (Foto: Maria Hammerich-Maier)Dekan Dr. Volker Pröbstl, Pfarrer Pavel Kučera, Diakon Gerhard Roßbach, Synodalsenior Daniel Ženatý (Foto: Maria Hammerich-Maier) Das übernationale Wirken setzt sich heute in den Beziehungen fort, die zwischen den grenznahen evangelischen Kirchengemeinden Sachsens, Bayerns und Böhmens entstanden sind. Die Gläubigen aus Selb, Bad Elster und Aš scheinen das Vertrauen zu teilen, dass der Glaube Verbundenheit über Landesgrenzen hinweg stiften könne. Dies bestimmte (auch) die Atmosphäre beim Berggottesdienst. Synodalsenior Daniel Ženatý ging darauf in seiner Predigt ein, die er auf Deutsch hielt:

„Unser Text beginnt mit einer Ermunterung. Aufwärts! Bewegen wir uns, es macht Sinn, etwas zu unternehmen. Liebe Freunde, Deutsche, Tschechen, vielleicht auch Angehörige anderer Nationen, Sie haben die Aufforderung von Jesaja heute ernst genommen. Aufwärts! Wir sind zusammen mit anderen heraufgestiegen bis hierher.“

Synodalsenior Daniel Ženatý (Foto: Maria Hammerich-Maier)Synodalsenior Daniel Ženatý (Foto: Maria Hammerich-Maier) Ženatý ist das Oberhaupt der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Sie ist die größte protestantische Kirche Tschechiens. Aufeinander zuzugehen sei für Christen Gebot, davon ist Ženatý überzeugt:

„Ich denke, die Aufgabe der Christen in aller Welt ist, dass wir miteinander sprechen, dass wir uns gegenseitig respektieren. In diesem Jahr werden es 30 Jahre seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Da erscheint es besonders wichtig, dass wir gut zusammenleben und nicht zulassen, dass sich die Schrecken, die beide totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts brachten, wiederholen.“

Den Zusammenhalt stärkte beim Berggottesdienst nicht zuletzt die sorgfältige Kommunikation. Alle Teile wurden in beiden Sprachen ausgeführt. So auch die Lesung von Versen aus Psalm 36, die Synodalsenior Ženatý und Diakon Roßbach nacheinander vortrugen, oder das Evangelium, das eine tschechische und deutsche Schwester hintereinander lasen.

Besuche über die Grenze hinweg

Ev. Posaunenchor der Stadtkirche Selb (Foto: Maria Hammerich-Maier)Ev. Posaunenchor der Stadtkirche Selb (Foto: Maria Hammerich-Maier) Unter den bayerischen, sächsischen und böhmischen evangelischen Gemeinden beim Ascher Ländchen ist es mittlerweile gute Tradition geworden, dass man sich gegenseitig zu kirchlichen Anlässen einlädt. Bei den Verlautbarungen im Rahmen des Berggottesdienstes gab es daher Einiges zu vermelden. Dekan Pröbstl lud die Gläubigen in seine Kirchengemeinde ein:

„Was uns über die Grenze nach Böhmen bis hin nach Sachsen verbindet, ist die Tradition der Kirchenmusik. Ich lade ein: Jeden Mittwoch um 19 Uhr gibt es eine musikalische Andacht in der Gottesackerkirche in Selb.“

Auch im Raum Aš wird die Kirchenmusik gepflegt. So bei Orgelkonzerten in Hranice / Roßbach und zweisprachigen Gottesdiensten in Podhradí / Neuberg. Auf sie wies Pfarrer Kučera hin:

Grundmauern der 1960 abgebrannten ev. Kirche von Aš (Foto: Maria Hammerich-Maier)Grundmauern der 1960 abgebrannten ev. Kirche von Aš (Foto: Maria Hammerich-Maier) „Wir verfügen über zwei Kirchen. Das ist zum einen die Kirche ‚Zum Guten Hirten‘ in Podhradí, in der wir immer zwei Wochen nach Ostern Kirchweih feiern – mit einem zweisprachigen Gottesdienst und einem Konzert. Und in der Kirche in Hranice steht eine wertvolle Orgel, die nach Art der Silbermann-Orgeln gebaut ist. Dort finden von Juni bis Oktober jeden Monat gut besuchte Konzerte statt.“

In Aš selbst ist kein evangelisches Gotteshaus mehr vorhanden. Die einstige Kirche, eine barocke Dreifaltigkeitskirche, brannte 1960 nach einer Sanierung ab. An sie erinnern am Fuße des Hainbergs noch die Grundmauern. Die kunstgeschichtlich bedeutsame Kirche „Zum Guten Hirten“ in Podhradí wurde nach der Wende schrittweise restauriert. Ermöglicht wurde die Sanierung durch öffentliche Fördermittel, aber auch durch die Spenden von Heimatvertriebenen und anderen Kirchenfreunden. Eine tragende Säule des Projektes war die Partnerschaft mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche Selb. Diese hat auch einen entscheidenden Anteil am Zustandekommen des Berggottesdienstes am Hainberg. Die gemeinsamen Aktivitäten hätten zum Abbau von gegenseitigen Vorurteilen beigetragen, doch es gebe noch viel zu tun, findet Volker Pröbstl:

Dekan Dr. Volker Pröbstl (Foto: Maria Hammerich-Maier)Dekan Dr. Volker Pröbstl (Foto: Maria Hammerich-Maier) „Ich glaube, wir sind weiter unterwegs. Es ist gut, dass wir immer wieder über die Grenze gehen, dass unsere böhmischen Schwestern und Brüder nach Bayern und wir nach Böhmen kommen, damit wir einander verstehen lernen. Zur Aussöhnung trägt ja auch das Verständnis dafür bei, wie sich das Leben diesseits und jenseits der Grenze unterscheidet. Mit dem Verstehen wächst ein Gefühl der Solidarität. Es ist mir hier wichtig zu betonen: Wir sind eine reiche Kirche. Und ich sehe auch, wie schwer die Situation der Böhmischen Brüder ist. Da ist es uns eine Ehre, wenn wir sie ein wenig unterstützen können. Vielleicht ist das auch ein Stück Versöhnung.“

Der Zusammenhalt müsse gezielt gefördert werden, meint der Selber Dekan.

„Ich habe ein bisschen die Sorge, dass die jungen Leute noch gar nicht richtig wahrnehmen, wie wichtig die Partnerschaft über die Grenze hinweg ist. Ich glaube, da haben wir künftig, als Kirche, noch einige Aufgaben vor uns“, sagt Pröbstl.

Die Jugend macht mit

Beim Berggottesdienst am Hainberg half die evangelische Jugend aus Selb jedenfalls engagiert mit. Nicht nur bei der musikalischen Gestaltung, sondern ebenso bei der Organisation. Für die Kinder und die Jugend setzt sich auch Pfarrersgattin Libuše Kučerová ein. Kinderkirchentage, Adventwochenenden, Workshops und Bildungsreisen sind nur einige der Projektreihen der evangelischen Kirchen im bayerisch-böhmischen Grenzraum. Die jungen Teilnehmer kommen aus Westböhmen, der Oberpfalz und Oberfranken. Libuše Kučerová berichtet von unerwarteten Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat:

Lutherdenkmal am Fuße des Hainbergs (Foto: Maria Hammerich-Maier)Lutherdenkmal am Fuße des Hainbergs (Foto: Maria Hammerich-Maier) „Die Kinder und Jugendlichen sagen nachher immer, dass sie mehr gelernt hätten als in der Schule. Zu meiner Überraschung interessieren sie Themen wie die Vertreibung, Konzentrationslager oder auch die Arbeitslager in der ČSSR sehr, und sie stellen viele Fragen. Das Wichtigste ist bei diesen Projekten, dass Vorurteile auf beiden Seiten überwunden und die Geschichte aufgearbeitet wird. Die Jugendlichen schätzen es außerdem sehr, dass sie im Nachbarland Freunde finden, auch wenn sie nicht gut Deutsch oder Tschechisch können.“

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Selb hält den Sommer über insgesamt zwölf Berggottesdienste auf Gipfeln des Fichtelgebirges und des Steinwaldes ab. Der Gottesdienst auf dem Hainberg in Aš ist darunter der einzige auf tschechischem Gebiet. Er wurde bereits zum 8. Mal gefeiert. Der Zeitpunkt 30 Jahre nach der Grenzöffnung verlieh ihm eine besondere Signifikanz. Die Stadt Selb war daher durch den Dritten Bürgermeister, Klaus von Stetten, auch offiziell vertreten.

„Seit fast 30 Jahren leben wir hier in der Region in Frieden, Freiheit und Freundschaft zusammen. Die Kirchengemeinden in Bad Elster, Aš, und Selb haben erheblichen Anteil daran, dass die Menschen wieder aufeinander zugegangen sind. Lassen Sie uns, die Kirchengemeinden beider Seiten der Grenze und die demokratischen politischen Kräfte, weitere 30 Jahre in Frieden, Freiheit und Freundschaft kämpfen. Lassen Sie uns gemeinsam gegen falschen Nationalstolz und Populismus eintreten. Ich wünsche uns, dass wir noch viele Jahre einen so schönen Berggottesdienst wie heute auf dem Hainberg feiern können“, so von Stetten.

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