„Unglaubliche Atmosphäre, die es nicht wieder gab“

16-11-2019

Katrin Bock kommt aus Deutschland, lebt derzeit aber in Tschechien. Sie studierte jedoch bereits Ende der 1980er Jahre in Prag und hat so auch die Samtene Revolution von 1989 hautnah erlebt.

Katrin Bock (Mitte links) auf dem Wenzelsplatz 1989 (Foto: Archiv von Katrin Bock)Katrin Bock (Mitte links) auf dem Wenzelsplatz 1989 (Foto: Archiv von Katrin Bock) Frau Bock, Sie haben im Jahr 1989 als Westdeutsche an der Prager Karlsuniversität studiert. Was hat Sie in die Tschechoslowakei geführt, und wann sind Sie nach Prag gegangen?

„Ich bin Mitte September 1989 hierher umgezogen. Ich komme aus Westdeutschland und habe dort osteuropäische Geschichte studiert. Ich hatte ein Stipendium für ein Jahr, um in Prag für meine Magisterarbeit in den Archiven zu forschen, aber auch Vorlesungen und Seminare zu besuchen.“

Welchen Eindruck machte die Tschechoslowakei vor der Wende auf Sie?

„Ich war bereits 1985 das erste Mal hier und bin dann jedes Jahr im Sommer wiedergekommen. 1989 waren es also keine neuen Eindrücke für mich. Es gab aber natürlich einen großen Unterschied zu dem Leben, das ich aus Westdeutschland kannte. Wenn ich es mit heute vergleiche, habe ich noch im Kopf, dass einfach weniger Touristen hier waren. Die Stadt war weniger restauriert und grauer, es gab viel weniger Restaurants und Einkaufsläden. Viel mehr Prager lebten im Zentrum. Die Stadt war eher für die Prager da und nicht für die Touristen.“

„Ich fand das relativ schwierig, Tschechinnen und Tschechen richtig gut kennenzulernen.“

Wie sah eigentlich das Leben einer Auslandsstudentin aus? Waren Sie mit tschechischen Kommilitonen in Kontakt, oder lebten Sie eher in einer „Blase“ mit anderen Ausländern?

„Wir waren alle in einem Wohnheim untergebracht, in dem nur Ausländer wohnten. Ich hatte ein Zimmer zusammen mit einer Polin. Es war relativ schwierig, Tschechinnen und Tschechen kennenzulernen. Ich weiß nicht, ob es bei manchen die Angst vor dem West-Kontakt war, oder ob sie ihren festen Freundeskreis hatten und einfach nicht so offen waren. Wir hatten Kontakte zu Germanistik-Studenten. Aber ich fand es relativ schwierig, Tschechinnen und Tschechen richtig gut kennenzulernen.“

Nationalstraße (Foto: Archiv von Katrin Bock)Nationalstraße (Foto: Archiv von Katrin Bock) Wie haben Sie den Umbruch erlebt, die sogenannte Samtene Revolution? Haben Sie von der Demonstration am 17. November gewusst?

„Am 17. November, das war ein Freitag, war ich in der Mensa der Philosophischen Fakultät im Stadtzentrum essen. Dort hat mich eine Studentin, die ich kannte, angesprochen, ob ich am Nachmittag nicht zu einer Demonstration gehen will und dass das bestimmt ganz interessant wird. Ich bin hingegangen. Das heißt, ich war von Anfang an bei der Demonstration beim Albertov dabei, dann ging ich zum Vyšehrad und bis zur Národní (Nationalstraße, Anm. d. Red.). Dort bin ich gegen acht Uhr gegangen, weil ich mit Freunden auf dem Wenzelsplatz verabredet war. Sie kamen nicht mehr, sie sind ni8cht mehr aus der Národní weggekommen. Ich bin dann wieder zurückgegangen und kam nicht mehr auf die Národní. Ich stand dann auf der anderen Seite vor den Polizisten, bis die Demonstration gewaltsam aufgelöst wurde.“

„Ich war von Anfang an bei der Demonstration beim Albertov dabei, dann ging ich zum Vyšehrad und bis zur Národní.“

Diesen Eingriff der Polizei haben Sie nicht miterlebt?

„Den Eingriff habe ich von der anderen Seite erlebt. Als die Polizisten anfingen, auf die Demonstranten zuzugehen, sind sie in beiden Richtungen gegangen. Das heißt in die Richtung, wo die Demonstranten waren, und in die Richtung, wo ich war, wo die Schaulustigen standen, die zufällig dazugekommen waren. Und da die Polizisten mit Schlagstöcken auf uns zukamen, sind wir einfach nur weggerannt.“

Wenzelsplatz (Foto: Archiv von Katrin Bock)Wenzelsplatz (Foto: Archiv von Katrin Bock) Können Sie sich noch an die Atmosphäre der Demonstration erinnern? Am Anfang, auf dem Albertov, war es eigentlich eine offizielle Demo, die genehmigt wurde. Haben Sie schon damals das Gefühl gehabt, dass da der Umbruch bevorsteht?

„Man hat es eigentlich gleich gesehen. Als ich zum Albertov gekommen bin, war ich überrascht, denn es war ja eine Gedenkveranstaltung zu den Ereignissen von 1939. Damals war nur ein Student gestorben, Jan Opletal, aber auf den Plakaten standen auch die Namen Jan Palach und Jan Zajíc. Die hatten sich ja 1969 aus Protest gegen die Okkupation durch die Warschauer-Pakt-Staaten verbrannt. Und da war es klar: Das kann nicht offiziell sein, das ist auch etwas anderes.“

Wie ging es an den nachfolgenden Tagen weiter?

„Ich war ab dem 18. November jeden Tag auf dem Wenzelsplatz. Da ich am 17. November zwei Stunden nach dem Polizeieingriff noch einmal auf der Národní-Straße war, habe ich gesehen, wie es dort aussah. Es waren Blutflecken an den Häuserwänden, es lagen Handschuhe, Mützen und Schuhe auf der Straße herum. Als es die Nachricht gab, dass ein Student gestorben sein soll, habe ich das auch gleich geglaubt. Am 19. November fand die erste größere Demonstration in der Reaktion auf die Nachricht statt, und dann bin ich jeden Tag zu den Protesten gegangen. Es gab unter uns ausländischen, westlichen Studenten auch die Diskussion, ob man dort hingehen sollte oder ob es zu gefährlich sei. Also, ob es eben auch diese chinesische Lösung geben würde, dass Panzer kommen oder Soldaten eingreifen. Ein paar von uns sind nicht zu den Demonstrationen gegangen und ich stand meist irgendwo an der Straßenecke.“

„Es waren Blutflecken an den Häuserwänden, es lagen Handschuhe, Mützen und Schuhe auf der Straße herum.“

Was waren die stärksten Eindrücke für Sie an diesen Tagen?

„Ich fand schon das am 17. November sehr beeindruckend. Es gab dort eine Szene: Noch bevor der Demonstrationszug die Národní erreicht hat, wurde er in einer Straße von Polizisten gestoppt. Und als Protest gegen die Polizisten haben alle angefangen, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen. Neben mir stand ein Herr, der 1939 auch schon diese Hymne gesungen hat, gegen die deutschen Besatzer. Ich fand das ein sehr beeindruckendes Instrument des Protestes gegen die Regierung. Das konnte ich mir in Deutschland zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen.“

Wenzelsplatz (Foto: Archiv von Katrin Bock)Wenzelsplatz (Foto: Archiv von Katrin Bock) Nein?

„Nein, in Deutschland gab es zu dem Zeitpunkt Demonstrationen der Friedensbewegung gegen die Aufrüstung, gegen den Bau von Atomkraftwerken. Dort kam es immer zu Auseinandersetzungen auch von Seiten der Demonstranten. Es flogen immer Steine oder ähnliches. Und hier war die Seite der Demonstranten einfach friedlich. Es kam zu keiner Gewaltanwendung von der Seite der Demonstranten. Das hat mich auch beeindruckt. Es lagen überall Pflastersteine auf den Straßen herum, und es wurde keiner aufgehoben.“

Sie haben die Samtene Revolution nicht nur miterlebt, sondern als Geschichtsstudentin auch bewusst Zeugnisse gesammelt. Einige der Dokumente liegen nun vor uns auf dem Tisch…

„In Schaufenstern hingen, Plakate Erklärungen und Flugblätter. Überall standen Leute und haben gelesen.“

„Ich habe in der Prager Innenstadt sehr viel fotografiert. Mich haben vor allem die Plakate fasziniert und auch, dass in sehr vielen Schaufenstern Erklärungen, Flugblätter und ähnliches hingen und überall Leute standen und gelesen haben. Davon habe ich sehr viele Fotos gemacht, auch von den einzelnen Plakaten, von den Sprüchen, die drauf standen, und von den Demonstrationen, solange es noch relativ hell war. Ich habe ein paar Flugzettel von der philosophischen Fakultät, wie etwa Streikaufrufe. Und dann auch später vom Mai 1990 Wahlplakate für die ersten freien Wahlen, das Wahlprogramm vom Bürgerforum und ähnliches.“

Streikaufrufe der Studenten (Foto: Archiv von Katrin Bock)Streikaufrufe der Studenten (Foto: Archiv von Katrin Bock) Unter den Materialien sind auch einige Dokumente auf Deutsch…

„Das sind die ersten Streikaufrufe der Studenten, vor allem für Journalisten, die hierher kamen, damit die wussten, warum man streikt.“

Wie lange haben Sie in Prag gelebt, bis wann konnten Sie das Geschehen hier verfolgen?

„Mein Stipendium lief im Sommer 1990 aus, aber ich habe es dann noch mal für ein halbes Jahr verlängert. Das heißt bis März 1991.“

Wenn Sie sich jetzt 30 Jahre später an die Ereignisse von damals erinnern, was ist für Sie besonders wichtig?

„Also der stärkste Eindruck, den ich immer noch habe, war die Atmosphäre damals in Prag. Es war eine unglaubliche Atmosphäre, die es seitdem nicht wieder gab. Es war eine Aufbruchsstimmung. Ich hatte das Gefühl, dass alle gute Laune hatten, dass alle miteinander kommuniziert haben, dass man sich auf der Straße gegenseitig geholfen hat. Das ist der hauptsächliche bleibende Eindruck von mir, der sich leider seitdem nicht mehr so ganz wiederholt hat.“

16-11-2019