Hieronymus von Prag – Kirchenreformator, Aufrührer und Märtyrer

Der 6. Juli ist in Tschechien ein Feiertag. Erinnert wird an den Kirchenreformator Jan Hus, der 1415 in Konstanz verbrannt wurde. Weniger bekannt ist, dass ein Jahr später in derselben Stadt am Bodensee noch ein weiterer religiöser Denker aus Böhmen auf dem Scheiterhaufen endete: Hieronymus von Prag. Am 30. Mai sind genau 600 Jahre seit seiner Verbrennung vergangen.

Hieronymus von PragHieronymus von Prag Über Hieronymus´ Herkunft ist fast nichts bekannt. Angenommen wird, dass er um das Jahr 1368 in der Prager Neustadt zur Welt kam, wahrscheinlich in einer Bürgerfamilie. Sicher ist jedoch, dass Hieronymus einer der am besten ausgebildeten Gelehrten seiner Zeit war. Erstmals erwähnt wurde er 1389, als er die Baccalaureus-Prüfung an der Prager Universität bestand. Unter 27 Kandidaten soll er der zweitbeste gewesen sein. Während des Studiums lernte er auch Jan Hus kennen, der die Schirmherrschaft über seinen Baccalaureus übernahm. Später erwarb Hieronymus noch an vier Universitäten den Magister: in Prag, Köln, Paris und Heidelberg. Er unternahm auch viele Reisen, unter anderem nach Jerusalem, Russland oder Litauen. Zudem studierte er in Oxford, wo er mit der Lehre des englischen Kirchenreformators John Wyclif bekannt wurde. Dies bestimmte auch sein weiteres Schicksal.

Jan HusJan Hus Die Lage an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert war nämlich sehr unruhig. In ganz Europa gab es Reformbewegungen, die die katholische Kirche zu ihren ursprünglichen Ideen zurückführen wollten. Immer häufiger wurden den katholischen Würdenträgern Heuchelei vorgeworfen, weil sie in Pomp lebten und sich hochmütig verhielten.

Im Vergleich zu Hus eine wilde Natur

Hieronymus stellte sich an die Seite von Jan Hus, dem informellen Leiter der Reformbewegung in Böhmen. Im Gegensatz zu Hus war er jedoch eine ziemlich wilde Natur. Er soll zum Beispiel die Überreste eines Heiligen durcheinandergeworfen haben. Und angeblich zwang er einen Mönch, sich auszuziehen und auf das Kreuz zu pinkeln. Dazu der Publizist Petr Bahník:

Petr Bahník (Foto: ČT24)Petr Bahník (Foto: ČT24) „Meiner Meinung nach war Hieronymus eher ein Intellektueller. Er gab sich zwar als Aufwiegler, weil er seine Botschaft mitteilen wollte. Es ging ihm aber eigentlich nicht um Provokation oder Zerstörung, sondern um die Läuterung der Kirche. Das war damals ein sehr aktuelles Thema, das Hieronymus am meisten am Herzen lag. Außerdem war er im Gegensatz zu Jan Hus nicht Priester. Er war Magister der artistischen Fakultät, das heißt der späteren philosophischen Fakultät. Seine Bühne war nicht die Kanzel, sondern der Lehrstuhl – und die Studenten sind immer sehr aufsässig gewesen. Das ist wichtig für den Vergleich von Hieronymus und Hus."

Kuttenberger Dekret (Foto: Public Domain)Kuttenberger Dekret (Foto: Public Domain) Hieronymus war zusammen mit Jan Hus Initiator einer sehr umstrittenen Sache, nämlich des sogenannten Kuttenberger Dekrets. Diese Urkunde beschränkte den Einfluss der Ausländer an der Prager Universität, indem sie die Stimmenverhältnisse in den Uni-Gremien änderte. Hatten zuvor die Böhmen, Sachsen, Bayern und Polen gleichberechtigt je eine Stimme, wurden den Böhmen mit dem Dekret drei Stimmen zugeteilt, während die Mitglieder anderer Nationen weiter nur eine hatten. 1409 unterschrieb der böhmische König Wenzel IV. das Dekret in der Stadt Kutná Hora / Kuttenberg. Der Hauptgrund für das Dokument war der Streit um die Lehre des englischen Theologen John Wyclif zwischen den Gelehrten der Universität. Während die Böhmen eher Anhänger von Wyclifs Ideen waren, hielten ihre ausländischen Kollegen diese für Ketzerei. Um Nationalismus im heutigen Sinne handelte es jedoch nicht: Als „Böhmen“ wurden alle Studenten und Professoren aus Böhmen, Mähren und Ungarn verstanden, egal welche Sprache sie sprachen.

Mikuláš Vymětal (Foto: Jana Šustová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Mikuláš Vymětal (Foto: Jana Šustová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) In der tschechischen Geschichtsschreibung ist jedoch Jahrhunderte lang vor allem der nationale Aspekt hervorgehoben worden. Es hieß, die Fremden, vor allem die Deutschen, seien gerechterweise aus dem böhmischen Königreich vertrieben worden. Erst heute erinnern die Historiker daran, dass die Universität damals ihr europäisches Prestige verlor, weil 80 Prozent ihrer Lehrer weggehen mussten. Mikuláš Vymětal ist evangelischer Theologe und Mitautor einer Monographie über Hieronymus.

„Aus meiner Sicht war damals die Prager Universität größer, als es der Bedeutung von Böhmen entsprochen hätte. Aus diesem Grund bildeten die Böhmen nur eine Minderheit dort. Außerdem stand diese Minderheit im Konflikt mit der offiziellen Kirchenlehre – und Hieronymus trieb den Konflikt voran. Am 3. Januar 1409 plädierte er während des Quodlibets, einer Art Debatte, für die Wahrheitssuche in Wyclifs Schriften und kritisierte, dass die Böhmen von den Ausländern verleumdet würden. Er erreichte sein Ziel: Wenig später unterschrieb der böhmische König das Kuttenberger Dekret. Doch infolge der Vertreibung der Ausländer verlor die Universität an Bedeutung, und diese hat sie später auch nie mehr zurückgewonnen. Allerdings wurde die Universität dank Hus und Hieronymus zu einem wichtigen politischen Mitspieler – und das ist in der Geschichte nur selten geschehen.“

Hieronymus will Hus in Konstanz helfen

Konzil in Konstanz (Foto: Martina Schneibergová)Konzil in Konstanz (Foto: Martina Schneibergová) Als Vergeltung für den Sieg der Wyclif-Anhänger ließ der Prager Erzbischof die Schriften des englischen Theologen öffentlich verbrennen. In der Hauptstadt Böhmens brachen darauf Unruhen aus, viele Kirchengebäude wurden geplündert. Die Lehre von John Wyclif wurde von der katholischen Kirche als Ketzerei diffamiert. Jan Hus wurde 1412 aus der Kirche ausgeschlossen und mit einem Bann belegt. Zwei Jahre später versammelte sich in Konstanz ein Konzil, das vor allem das päpstliche Schisma lösen wollte. Hus begab sich freiwillig dorthin. Er glaubte, dass er den Kirchenvätern seine Reformideen erläutern könnte. Hus war der Überzeugung, nicht gegen die katholische Lehre gepredigt zu haben. Nachdem er dort aber verhaftet wurde, machte sich auch Hieronymus auf den Weg nach Konstanz, um seinen Freund zu verteidigen. Als er jedoch erfuhr, dass er selbst auch verhaftet werden sollte, schlug er den Rückweg nach Prag ein. In der Oberpfalz wurde Hieronymus verhaftet und von Herzog Ludwig von Bayern an das Konzil ausgeliefert.

Foto: Soňa JarošováFoto: Soňa Jarošová „Die Anklage warf Hus und Hieronymus auch Ideen vor, die beide Männer gar nicht vertreten haben. Es ging vor allem um die theologische Frage der Transsubstantion, das heißt der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi bei der Heiligen Messe. Wyclif behauptete, es handle sich nur um eine symbolische Sache, Hus und Hieronymus vertraten jedoch die katholische Ansicht, es gehe um mehr als nur ein Symbol. Die Debatte ist kompliziert und heute kaum noch zu erklären, aber im Mittelalter erregte die Frage die Gemüter der Menschen, aus welcher Substanz das Brot und der Wein sind, die bei der Messe verwendet werden“, so Bahník.

Hieronymus wurde an das Konzil ausgeliefertHieronymus wurde an das Konzil ausgeliefert Ein weiterer Anklagepunkt betraf die Frage, ob auch „Sünder“ Priester und Bischöfe sein durften. Hus und Hieronymus sagten: nein. Ein solcher Geistlicher sei nicht würdig, das Wort Gottes zu predigen und in der Kirche zu dienen. Vor dem Konzil schwächten sie ihren Standpunkt jedoch ab – Taufen oder Eheschließungen sollten auch dann gültig sein, wenn sie von sündigen Würdenträgern vorgenommen wurden. Beide mussten zugeben, dass es ansonsten zu einem totalen Chaos kommen würde. Den Theologen beim Konzil reichte dieses Eingeständnis jedoch nicht aus, obwohl viele von ihnen die Kritik der beiden Reformer an den Zuständen in der Kirche teilten. Heutige Experten halten die Ansichten von Hus und Hieronymus für wenig durchdacht. Sie werfen den Reformatoren vor, dass man kaum unterscheiden konnte, wer noch eines kirchlichen Amtes würdig gewesen wäre. Darüber hinaus seien laut der christlichen Theologie alle Menschen Sünder. Mikuláš Vymětal versteht trotzdem die Motive der beiden Männer.

In Böhmen wurden Ablässe verkauftIn Böhmen wurden Ablässe verkauft „Man muss den historischen Kontext in Betracht ziehen: Die Kirche steckte in einer großen Krise, seit 1409 gab es sogar drei Päpste. In Böhmen wurden Ablässe verkauft, mit deren Ertrag ‚Heilige Kriege‘ finanziert wurden. Die ganze Gesellschaft war durcheinandergebracht. Jedem war wohl klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Diese Lage führte Hus zu seinen radikalen Vorschlägen, die ansonsten schwer vorstellbar gewesen wären. Meiner Meinung nach sind die theologischen Standpunkte von Hus und Hieronymus heute einfach nicht mehr aktuell. Weiterhin relevant ist aber ihr persönlicher Mut.“

Auf dem Scheiterhaufen verbrannt

Hieronymus starb in den FlammenHieronymus starb in den Flammen Bei Hieronymus findet sich auch ein ziemlich erstaunlicher Moment. Nachdem Jan Hus am 6. Juni 1415 verbrannt worden ist, widerruft er die Lehre seines Freundes. In diesem Sinne schreibt er auch mehrere Briefe nach Böhmen. Wahrscheinlich fühlt er sich nach monatelanger Gefängnishaft gebrochen und will dem Tod auf dem Scheiterhaufen entgehen. Trotzdem wird Hieronymus nicht freigelassen. Schließlich distanziert er sich von seinem Wiederruf. Am 26. Mai 1416 bekennt er sich erneut zu den Lehren von Wyclif und Jan Hus. Vier Tage später wird Hieronymus vom Konzil als Ketzer verurteilt und noch am selben Tag verbrannt. Sein Leben endet ebenfalls in Konstanz, wo Jan Hus schon ein Jahr zuvor in den Flammen starb.

HieronymusHieronymus Hieronymus wurde von Anfang an von böhmischen Protestanten als Märtyrer verehrt. Die katholische Kirche beharrte dagegen auf ihrem Urteil – wie auch bei Jan Hus. Erst in den letzten Jahren legen die kirchlichen Bekenntnisse den Streit über die Reformer langsam bei. Es habe bereits mehrere Gesten der Versöhnung gegeben, sagt der evangelische Theologe Vymětal:

„Für die wichtigste Geste halte ich einen Brief, den Christen unterschiedlicher Konfessionen im vergangenen Jahr in Konstanz an böhmische Protestanten geschrieben haben. In dem Schreiben bedauern sie, dass Jan Hus und Hieronymus von Prag das Recht auf einen gerechten Prozess verweigert wurde, dass sie grausam ermordet und nicht beerdigt wurden. Die Unterzeichner des Briefs drücken auch ihr Mitgefühl mit jenen aus, die sich dadurch betroffen fühlen.“

Konstanz am Bodensee (Foto: Katsutoshi Seki, CC BY-SA 3.0)Konstanz am Bodensee (Foto: Katsutoshi Seki, CC BY-SA 3.0) Mehrere Jahrhunderte lang ist Hieronymus von Prag in der Literatur mit dem Beinamen „Faulfisch“ bedacht worden. Forschungen haben jedoch zutage gebracht, dass er wohl verwechselt wurde – und zwar mit dem Magister der freien Künste Nicolaus Faulfisch, der aber älter war und nie bis zum Bodensee gekommen ist.