Freundeskreis Fulda-Litoměřice begeht 10. Jubiläum mit Ausstellung

Die nordböhmische Stadt Litoměřice / Leitmeritz und das hessische Fulda sind durch eine Städtepartnerschaft verbunden. Die Partnerschaft hat historische Wurzeln. In diesem Jahr begeht der Freundeskreis Fulda-Litoměřice zehn Jahres seines Bestehens. Aus dem Anlass wurde am vergangenen Donnerstag eine tschechische Ausstellung über zerstörte Sakraldenkmäler Nordböhmens feierlich eröffnet.

Michael Gösel (Foto: Archiv der Stadt Fulda)Michael Gösel (Foto: Archiv der Stadt Fulda) Mit Musik wurde das Treffen eröffnet, das am Donnerstag im Vortragssaal des Bonifatiushauses in Fulda stattfand. Im Publikum waren Kommunalpolitiker, Vertreter der Kirche und vor allem Bürger aus Fulda, die sich für die Geschichte und Gegenwart Böhmens interessieren. Michael Gösel ist Erster Vorsitzender des Freundeskreises Fulda-Litoměřice. Er erinnerte an die Beweggründe, die zur Entstehung dieser Bürgerinitiative führten und blickte auf die bisherigen Aktivitäten zurück. Zudem empfahl er allen anwesenden Fuldaern:

„Sehr geehrte Damen und Herren, besuchen Sie unsere Partnerstadt Litoměřice am Zusammenfluss von Eger und Elbe, im Böhmischen Mittelgebirge gelegen, die auch der ‚Böhmische Garten Eden’ genannt wird.“

Der Freundeskreis Fulda-Litoměřice hat im Bonifatiushaus eine Wanderausstellung installieren lassen, die zuvor im Prager Clementinum gezeigt wurde. Sie entstand dank einiger tschechischer Bürgerinitiativen und dokumentiert das Schicksal von 575 Sakralbauten, die während des Kommunismus in Nordböhmen aus den verschiedensten Gründen zerstört wurden. Der tschechische Gesandte, Botschaftsrat Milan Čoupek, ist Historiker. Seinen Worten zufolge zeigt die Ausstellung nicht nur das traurige Schicksal von Sakralbauten in Nordböhmen, sondern erinnert auch an das zerstörte Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden in dieser Grenzregion. Milan Čoupek in seiner Eröffnungsrede:

„Für die Sudetendeutschen endete das jahrhundertelange Zusammenleben mit den Tschechen mit einer Tragödie der Nachkriegsjahre, als sie ihre Heimat unfreiwillig, oft unter tragischen Umständen, verlassen mussten. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde der Prozess eines Dialogs verhindert, da auf die Diktatur im Krieg die kommunistische Diktatur folgte. Die hier installierte Ausstellung zeigt die verheerenden Folgen der kommunistischen Herrschaft für die Kirchen in Nordböhmen. Erst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime bei uns sowie in anderen Teilen Europas war es möglich, die Lasten der Vergangenheit zu überwinden.“

Milan Čoupek (Foto: Martina Schneibergová)Milan Čoupek (Foto: Martina Schneibergová) Der Diplomat würdigte danach die Schritte zur Versöhnung, die beide Seiten seit der Wende unternommen haben. Čoupek sprach dabei lobend über Aktivitäten der Kirchen:

„Das deutsche Wort ‚Versöhnung’ ist übrigens mit dem Wort Sühne verwandt. Das tschechische Äquivalent ‚smíření’ ist vom Wort ‚mír’ (Frieden) abgeleitet. Interessant ist der lateinische Begriff ‚reconciliatio’, den wir als ‚gemeinsame Beratung’ übersetzen können. Und das ist das Wichtigste: Versöhnung braucht Gespräch, Diskussion, Kommunikation. In diesem Sinne ist in den letzten Jahren zwischen Tschechen und Deutschen viel passiert: zuerst auf der privaten Ebene, später auf der zivilgesellschaftlichen, kirchlichen und kommunalen Ebene und nicht zuletzt auf der Ebene der ‚großen Politik’. Immer mehr Tschechen interessieren sich für die Geschichte unserer ehemaligen deutschen Landsleute. Das Kulturerbe der aus den Böhmischen Ländern stammenden Deutschen ist uns sehr wichtig. Es ist doch ein Bestandteil unserer Identität. Der Schlüssel zur Bewältigung der Vergangenheit ist in den beiden Ländern zu suchen. Es ist ein Prozess, der von den Menschen, von unten ausgehen muss. Darum schätze ich die Partnerschaftsbeziehungen zwischen Fulda und Litoměřice sehr. Ich bin zudem sehr dankbar dafür, dass es sich um eine sehr lebendige Städtepartnerschaft handelt. Ich möchte allen Initiatoren der Ausstellung, insbesondere dem Freundeskreis Fulda-Litoměřice, für ihre hervorragende Arbeit danken!“

 

Litoměřice / LeitmeritzLitoměřice / Leitmeritz Nachdem die Ausstellung über eröffnet war, schauten sich die ersten Besucher schauten bereits die Schwarz-Weiß-Fotos an. Die Fotos sind mit tschechischen und deutschen Texten versehen. Vor einer der Ausstellungstafeln stand auch eine ältere Dame, die Tschechisch sprach. Herta Kallenbach ist in aber beiden Sprachen zuhause:

„Leitmeritz ist meine Kreisstadt. Ich stamme aus Trebnitz - tschechisch Třebenice. Dort gibt es ein Museum der böhmischen Granate.“

FuldaFulda Kann man also sagen, dass Sie zu den so genannten ´Altleitmeritzern´ gehören?

„Ja schon. Wir sind aber auf Umwegen nach Fulda gekommen. Wir sind schon im Juli 1945 ausgesiedelt worden.“

Sie sprechen auch hervorragend Tschechisch. Wie kommt das?

„Das habe ich ganz einfach als Kind gelernt, von meinen Freundinnen aus der Nachbarschaft. Zudem hatte ich eine Tante, die mit uns Tschechisch gesprochen hat. Aber das war normal: Die Deutschen haben auch Tschechisch gesprochen und die Tschechen Deutsch.“

Sie haben sich die Ausstellung ein wenig angeschaut. Haben Sie hier bekannte Ortschaften gefunden?

Ausstellung über zerstörte Sakraldenkmäler Nordböhmens (Foto: Archiv der Nationalbibliothek Prag)Ausstellung über zerstörte Sakraldenkmäler Nordböhmens (Foto: Archiv der Nationalbibliothek Prag) „Ja, ich kenne mehrere davon. Ich weiß, wo sie sind, aber habe nicht alle damals besucht. Es gibt darunter auch Kirchen in tschechische Gemeinden: Lahovice, Řisuty oder Merunice.“

Besuchen Sie die Region von Leitmeritz und ihre Heimatgemeinde?

„Ja, ich besuche mein Zuhause fast jedes Jahr, allerspätestens aber jedes zweite Jahr. To je můj domov.“

„Das ist mein Zuhause“, fügte Herta Kallenbach vom Freundeskreis Fulda-Litoměřice tschechisch hinzu.

 

Gerhard Möller (Foto: Martina Schneibergová)Gerhard Möller (Foto: Martina Schneibergová) Die Entstehung des Freundeskreises beschrieb der Fuldaer Oberbürgermeister Gerhard Möller gegenüber Radio Prag:

„Die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg hat viele Leitmeritzer und aus der Umgebung stammende Sudetendeutsche nach Fulda geführt, nicht nur in die Stadt Fulda, sondern auch in die Region von Fulda. Das hat dann dazu geführt, dass die Stadt und der Landkreis eine Patenschaft für diese neuen Bürger übernommen haben. Das Entscheidende war, als dann 1989 der Eiserne Vorhang fiel und in den folgenden Jahren das Interesse an der alten Heimat neu erwacht ist. Man konnte jetzt ohne jegliche Visa und Grenzkontrollen hinfahren. Das fand Resonanz auch bei den ‚neuen Leitmeritzern’, die in Leitmeritz nun zu Hause waren. Aus der Patenschaft entwickelte sich eine Partnerschaft zwischen den ‚neuen’ und ‚alten’ Leitmeritzern sowie eine Städtepartnerschaft zwischen Fulda und Leitmeritz. Der Freundeskreis hat sich gebildet, die Kirche hat sich engagiert.“

Dom in Fulda (Foto: Martina Schneibergová)Dom in Fulda (Foto: Martina Schneibergová) Sie erwähnten zuvor den Schüleraustausch, gibt es ein konkretes Projekt in der nächsten Zeit, das Sie besonders schätzen?

„Wir unterstützen die Beziehungen aus der Sicht der Kommune, halten Kontakte zum Bürgermeister von Leitmeritz, Ladislav Chlupáč, der oft auch nach Fulda kommt. Ein konkretes Projekt für die nächsten Wochen ist momentan nicht in Sicht, aber das braucht es auch nicht unbedingt - sondern einfach hinfahren, den Leuten begegnen, einladen, so wie es auch jetzt der Fall ist. Die Treffen der alten Leitmeritzer sind immer der Anlass, dass auch die neuen Leitmeritzer hierherkommen. Wir hatten vor ein paar Jahren ein Treffen noch mit der dritten Partnerstadt: Meißen, Leitmeritz, Fulda. Wir haben einen Städtewettbewerb organisiert, waren mit Jugendgruppen und Politikern in Leitmeritz. Alle erinnern sich sehr gerne daran. Unten an der Elbe haben wir damals auch Bäume gepflanzt. Insofern sage ich: Man muss wieder nach Leitmeritz fahren, um zu schauen, wie es dort geht.“

Und nach Nordböhmen geht es wirklich bald, denn schon im Juni steht ein Treffen mit den tschechischen Freunden in Litoměřice auf dem Programm.

 

Die Ausstellung „Zerstörte Sakraldenkmäler in Nordböhmen 1945-1989“ ist noch bis 10. Juni 2012 im Bonifatiushaus in Fulda zu sehen. Im Rahmen der Ausstellung wurde eine Spendensammlung für die Instandsetzung der Kirche in Církvice / Zirkowitz initiiert. Die Wanderausstellung soll später auch in weiteren Städten gezeigt werden.