Wenzelsplatz - ein Boulevard? / Nach wem wurde die Hybernska-Strasse benannt

23-03-2002

Der Wenzelsplatz mit seiner Reiterstatue des berühmtesten Schutzheiligen Böhmens ist mit der Zeit zu einem der Symbole der tschechischen Hauptstadt geworden. Nach Meinung der Architekten, ist es jedoch notwendig, dem Wenzelsplatz seinen früheren Charakter einer Promenade wieder zu verleihen. Mehr darüber erfahren Sie von Martina Scheibergova. Es lesen Silja Schultheis und Olaf Barth.

Die Prager Neustadt, die 1348 von Karl IV. gegründet wurde, stellte in ihrer Zeit ein hervorragendes urbanistisches Projekt dar. Als sich der Kaiser entschloss, am südöstlichen und östlichen Abhang über der Altstadtmauer und in den Tälern an der Moldau und am Bach Botic die Prager Neustadt zu errichten, befanden sich auf diesem Gebiet - wie es in der Gründungsurkunde stand - "Dörfer, Felder und Schluchten". Das Territorium umfasste mehr als 250 Hektar, erstreckte sich Richtung Süden bis zum Vysehrad und östlich bis zur Moldau unweit der Strasse Na Porici. Die Achse des mittleren Teils dieses Gebiets bildete der Rossmarkt - der heutige Wenzelsplatz.

Als Marktplatz diente er fast bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Rossmarkt fand jeden Donnerstag in der unteren Hälfte des Platzes statt. Durch die heutige Vodickova-Strasse war der Platzt mit einem anderen Neustädter Marktplatz - dem Viehmarkt - dem heutigen Karlsplatz verbunden. Der obere Teil des Marktplatzes wurde bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht genutzt. Der Platz wurde durch ein gotisches Stadttor abgeschlossen, das 1876 abgerissen wurde.

Der neue Name des Platzes stammt vom Schriftsteller Karel Havel Borovsky, der ihn 1848 vorgeschlagen hatte. Eine Reiterstatue des Hl. Wenzel gab es auf dem Rossmarkt schon im 17. Jahrhundert - damals war jedoch noch eine andere Statue als heute. Die Wenzel-Statue vom Bildhauer Bendl wurde 1879 auf den Vysehrad übertragen. Das berühmte Wenzeldenkmal von Josef Vaclav Myslbek wurde 1913 enthüllt. Bis heute stellt es für die Prager einen beliebten Treffpunkt dar. Sonst scheint es jedoch, dass die Prager kaum noch gerade auf dem Wenzelsplatz spazieren würden. Die Experten sowie die Stadtbewohner sind der Meinung, dass der Wenzelsplatz heutzutage so aussieht, dass bestimmte Änderungen dringend notwendig wären.

Der Prager Abendblatt "Vecernik Praha" stellte sich vor kurzem in einem Artikel mit dem Titel "Warum stirbt der Wenzelsplatz" die Frage, wie der Platz wieder in eine Promenade verwandelt werden könnte. Einleitend hieß es in dem Artikel: "Das einst lebendige Zentrum der Hauptstadt ist heute nicht mehr das, womit sich Prag rühmen könnte."

Es gibt da weniger Cafes und Konditoreien, von der einstigen Allee ist nur noch ein Betonstreifen mit etwas Grün in der Mitte übrig geblieben. Was fehlt also dem Wenzelsplatz, um wieder ein beliebtes Ziel der spazierenden Prager zu sein? Die Urbanisten und Architekten sind der Meinung, dass der Platz in der Vergangenheit schon immer eher ein Großstadtboulevard als ein Marktplatz im echten Sinne des Wortes war. Der Wenzelsplatz soll ihrer Meinung nach wieder den Charakter einer Promenade bekommen.

Dies würde bedeuten, die Barrieren zu beseitigen, die Fußgänger heute überwinden müssen - all diese Blumenbeete in Betontöpfen, die man nicht überqueren kann. Ähnlich dürften die Autos, die anderswo als am Straßenrand parken, den Spazierenden nicht im Wege stehen. Einst gab es auf dem Platz eine Allee, die Bäume würden zu einer angenehmeren Atmosphäre des Boulevards beitragen. Der mittlere Streifen sollte nach Meinung der Experten so gepflastert werden, um eine natürliche Promenade zu bilden. Diese könnte durch kleine Springbrunnen ergänzt werden.

Man müsste zweifelsohne auch den Verkehr auf dem Wenzelsplatz besser lösen. Es gibt z. B. Überlegungen, die Straßenbahn wieder über den Platz zu führen. Der erste Prager Stadtbezirk bemüht sich darum, den Platz in eine Fußgängerzone mit Straßenbahnverkehr und beschränktem Automobilverkehr zu verwandeln. Endgültige Entscheidungen wurden bislang aber nicht gefasst. Im April wird im Altstädter Rathaus eine aktualisierte urbanistische Studie des Prager Denkmalschutzreservats ausgestellt, in der urbanistische sowie Verkehrslösungen unterbreitet werden sollen.

Die Ratsherren von Prag 1 betonen, mit dem Wenzelsplatz muss man etwas machen, denn sein jetziges Aussehen entspreche nicht der Bedeutung des Ortes. Der Oberbürgermeister von Prag, Jan Kasl, vor Beruf Architekt, ließ gegenüber dem Abendblatt verlauten, der Wenzelsplatz sehe schrecklich aus. Der Architekturhistoriker Zdenek Lukes meinte in derselben Zeitung: " Hoffnungslosigkeit ist das rechte Wort dafür." Seinen Worten zufolge ist es möglich, dass die Investoren den entsprechenden Druck auf eine Kultivierung des Ortes entwickeln werden, sobald alle Gebäude auf dem Platz renoviert werden.

Der Prager Abendblatt veröffentlichte einige der Bemerkungen der Prager Bewohner, die vor einigen Jahren im Rahmen einer Umfrage erklangen:

- Mehr Grün, Promenaden, Harmonie

- Ein Paradies der Bäume und Blumen, pulsierendes Leben von der Früh bis in die Nacht, Cafes

- Der gegenwärtige Wenzelsplatz verliert seine Attraktivität durch die Verwandlung vieler Objekte in Banken und Büros, die nach der Arbeitszeit tot sind.

Soweit einige Meinungen und Wünsche der Prager, was den Wenzelsplatz betrifft. Falls einige der bereits erwähnten Änderungen verwirklicht werden, werden wir Sie darüber bestimmt informieren.

In Prag findet man mehrere Straßen, die nach einem Land benannt wurden - vor allem im Stadtteil Vinohrady gibt es einige davon - wie die Americka-, Belgicka- oder Rumunska-Straße. Nicht jeder Bewohner der tschechischen Hauptstadt würde jedoch wissen, wo die Straße zu suchen ist, die nach Irland benannt wurde. Sie befindet sich in der Prager Neustadt, heißt jedoch nicht "Irska" - wie zu erwarten wäre - sondern "Hybernska". Denn der Name wurde von der lateinischen Bezeichnung Irlands abgeleitet.

In den vergangenen Tagen hat man sich in Prag wieder an diese - nicht allzu sehr bekannte Verbindung der tschechischen Hauptstadt mit dem Land Namens Hibernia wieder erinnert - nämlich im Zusammenhang mit den St. Patrick-Feierlichkeiten, die seit einigen Jahren auch in Prag wieder veranstaltet werden. Man kann annehmen, dass der Landespatron Irlands hier schon vor einigen Jahrhunderten von seinen Landsleuten gefeiert wurde.

Im Jahre 1629 kamen nach Prag Franziskanermönche aus Irland, die "Hyberner" genannt wurden. Ferdinand II. erlaubte ihnen, anstelle des einstigen Franziskanerklosters beim Hl. Ambrosius in der Neustadt, das während der Hussitenkriege zerstört wurde, ihren eigenen Konvent zu errichten. Der Grundstein für das neue Kloster wurde 1637 und für die neue Kirche 1652 gelegt. Die Mönche waren in Prag auch als Seelsorger tätig. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts haben sich die Mönche um die Verbreitung des Kartoffelanbaus in Böhmen verdient gemacht. Die Hyberner wirkten dann im Kloster bis 1786, als das Kloster durch Josef II. aufgehoben wurde.

Das Klostergebäude, das eine Zeit lang als Kasernen und später als Zollamt diente, wurde mehrmals umgebaut. Heute ist das Haus, das immer noch den Namen "U Hybernu" trägt, geschlossen und befindet sich im Umbau - wie wir übrigens vor kurzem in einem unserer Spaziergänge berichteten. Über sein weiteres Schicksal wurde bislang nicht entschieden.

23-03-2002