"Prag am Anfang der Geschichte" - Ausstellung im Museum der Hauptstadt Prag

"Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm bis in den Himmel reichen wird" - dies soll die legendäre Fürstin Libussa einst der damals noch nicht gegründeten tschechischen Hauptstadt prophezeit haben. Legende bleibt Legende. Wie es wirklich in der Zeit der Völkerwanderung und einige Jahrhunderte später im Prager Kessel ausgesehen hat, das erfahren Sie in dem folgenden Spaziergang durch Prag von Martina Schneibergova und Olaf Barth.

KeramikKeramik Das Territorium der tschechischen Hauptstadt ist schon Jahrtausende lang ununterbrochen besiedelt. Ihre Spuren haben hier die Menschen der Stein-, der Bronze- sowie der Eisenzeit hinterlassen. Das Aussehen von Prag wurde von Kelten, Germanen und Slawen beeinflusst. Die frühmittelalterliche Besiedlung erfüllte den Raum des Prager Kessels mit einer ganz neuen Bedeutung - Prag war fortan nicht mehr nur der geographische Mittelpunkt Böhmens, sondern wurde zum wirklichen historischen Zentrum.

Der Weg von den ersten slawischen Besiedlungen bis zur Entstehung des mächtigen - politischen sowie geistlichen - Zentrums des Premysliden-Staates dauerte ungefähr fünf Jahrhunderte. Für die Zeitspanne vom 6. bis zum 10. Jahrhunderts gibt es jedoch nur eine sehr beschränkte Zahl schriftlicher Quellen. Eine Vorstellung über das Leben im Prager Kessel in der erwähnten Epoche kann man sich vor allem anhand archäologischer Ausgrabungen machen. Diese stehen auch im Mittelpunkt der Ausstellung mit dem Titel "Prag am Anfang der Geschichte", in die wir Sie in den folgenden Minuten gemeinsam mit der Archäologin Miroslava Smolikova führen möchten, die eine der Autoren und Autorinnen der Ausstellung ist.

Am Ende des 5. Jahrhunderts erlebte Europa große Wanderungen und Kämpfe, an denen Franken, Goten, Sachsen, Allamannen, Thüringer, Rügier und Langobarden teilnahmen. In dieser Zeit siedelten auch nach Böhmen neue Bevölkerungsgruppen über. Über das einstige Gebiet der Markomannen zogen die Elb-Germanen Richtung Süden und ein Teil ließ sich hier auch nieder. Kurz danach wurde das Gebiet Böhmens von einem weiteren germanischen Stamm besiedelt - von den Langobarden. Es ist bislang schwierig, die beiden Siedlungswellen in den archäologischen Quellen voneinander zu unterscheiden.

In Prag mangelt es an deutlichen Belegen über Siedlungen, die größten Informationsquellen stellen deswegen archäologische Funde aus den Grabstätten dar. Die Germanen haben im 6. Jahrhundert ausschließlich nicht verbrannte Körper bestattet. Auch wenn die Gräber oft ein beliebtes Ziel für Diebe waren, zeugen die Funde aus den Gräbern von der Struktur der damaligen Gesellschaft.

Silberne vergoldete Spangen aus dem Grab einer ca. 30-jährigen Frau in HostivarSilberne vergoldete Spangen aus dem Grab einer ca. 30-jährigen Frau in Hostivar In der Ausstellung kann man Funde aus dem Grab einer ca. 30-jährigen Frau besichtigten. Das Grab wurde beim Bau einer Straße vom Stadtviertel Hostivar nach Chodov entdeckt und stammt aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Gefunden wurden unter anderem vier silberne vergoldete Spangen, Glas- und Bernsteinperlen, ein Kamm und ein Bronzering.

In der hiesigen germanischen Gesellschaft spielte die Schicht der Kämpfer eine wichtige Rolle, die in Prag durch zahlreiche Gräber mit Waffen belegt ist. Es ist nicht ganz klar, wann die Germanen Böhmen verließen, teilweise sind sie offensichtlich noch den ersten Slawen begegnet.

Funde aus dem Grab einer ca. 30-jährigen Frau in HostivarFunde aus dem Grab einer ca. 30-jährigen Frau in Hostivar Während die erste Etappe der Völkerwanderung im Zeichen der Bewegung germanischer Stämme war, wurde die zweite Hälfte der Völkerwanderung von slawischen Bewegungen dominiert. In Prag lassen sie sich ungefähr seit zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts nachweisen. Aus archäologischer Sicht sehen die Funde so aus, als ob sie aus einer anderen Welt stammten. Der Reichtum der Gräber der letzten Germanen steht in krassem Widerspruch zu den einfachen Gegenständen, die für die Kultur der ältesten Slawen typisch waren. In der Ausstellung stellte die Archäologin Miroslava Smolikova fest:

"Wir sehen hier eine relativ primitive materielle Kultur. Die Gefäße unterscheiden sich stark von den schönen germanischen und noch schöneren keltischen Produkten. Denn die Slawen haben die Töpferscheibe nicht gekannt. An den vasenartigen Gefäßen ist zu sehen, dass sie nur per Hand hergestellt wurden, erst später wurde wenigstens eine Unterlage bei der Topfherstellung benutzt. Die Slawen haben die Verstorbenen verbrannt, die hier ausgestellten Gegenstände stammen aus einem Grab, man sieht an ihnen noch die Brandspuren. Es handelt sich um Reste eines Kamms und einer Pinzette. Neben Grabfunden gibt es hier auch Funde aus den slawischen Siedlungen, die sich über das Gebiet der heutigen Stadtteile Bubenec und Veleslavin erstreckten. Ausgestellt ist eine einfache Keramik vom sog. "Prager Typ". So wurde sie von dem Archäologen Borkovsky genannt, und mit dieser Bezeichnung war ursprünglich nur eine Sorte von Gefäßen gemeint. Mit der Zeit wurde dieser Begriff auf sämtliche Materialien übertragen, die von den ältesten Slawen stammte."

Zu dieser Zeit, also im 6. Jahrhudnert, wohnten die Bewohner des Prager Kessels in einfachen Behausungen, die "zemnice" genannt wurden, da sie teilweise in die Erde - auf tschechisch "zeme" - versenkt waren. Der Anschaulichkeit halber ließen die Autoren der Ausstellung für die Besucher eine solche "zemnice" in Originalgröße herstellen. Das Dach ist mit Strohbündeln bedeckt, die Wände aus Reisig mit Ton geklebt. Geheizt wurde in einem Ofen aus Stein bzw. aus Ton.

Am Anfang des 7. Jahrhunderts kam eine zweite Welle von slawischen Stämmen nach Böhmen. Damals entstand vielleicht auch der Stamm, der dem ganzen Land den Namen gab. Es mangelt jedoch an jeglichen schriftlichen Quellen, die diesen Stamm erwähnen würden. Deswegen stellen die archäologischen Ausgrabungen immer noch die einzige Informationsquelle für diese Zeitetappe dar. Die unruhigen Zeiten sowie der gesellschaftliche Aufschwung bestimmter Bevölkerungsschichten führten zur Errichtung der ersten befestigten Siedlungen - der Burgstätten. Archäologen bezeichnen den ganzen folgenden Teil des Frühmittelalters als Zeit der Burgstätten. Eine Vorstellung darüber kann man sich in der Ausstellung anhand von Modellen und Zeichnungen machen. Miroslava Smolikova erklärte:

Burgstätte im Stadtteil ButoviceBurgstätte im Stadtteil Butovice "Die bekanntesten und ältesten Burgstätten befanden sich im heutigen Stadtteil Butovice, außerdem in Bohnice am rechten Moldauufer und in Sarka am gleichnamigen Bach. Die zuletzt genannte Burgstätte bestand aus drei Teilen und hatte eine sogenannte Akropolis und zwei Vorburgen. Es wird angenommen, dass die Burgstätte von Sarka vor der Prager Burg das Zentrum des ganzen Stammes war. Die Funde aus dieser Burgstätte zeugen von den Kontakten ihrer Bewohner mit der Welt. Es wurde dort auch eine Münze von Karl dem Kahlen gefunden. Dies ist die einzige fränkische Münze, die bislang in Böhmen gefunden wurde. Außerdem fand man dort ca. 12 awarisch-slawische Gürtelverzierungen. Die Gliederung der Burgstätte belegt die Struktur der Gesellschaft. In dem von uns als "Akropolis" bezeichneten Teil lebten die Führer des Stammes, in der Vorburg lebten die Handwerker."

Die ersten Slawen im Prager Kessel verbrannten ihre Toten. Für die nächsten 100 Jahre gibt es keinerlei Spuren, man weiß nicht, wie die Toten bestattet wurden. Seit Anfang des 9. Jahrhunderts tauchen schon Skelettgräber auf, so dass auch die materiellen Belege über die Kultur reichhaltiger sind. Der Verstorbene bekam seine Attribute oder Alltagsgegenstände mit ins Grab. In der Ausstellung sind Bilder eines auf der Prager Burg gefundenen Grabs zu sehen, in dem ein Kämpfer bestattet wurde. Er hatte ein Schwert, ein Gefäß, kleine Messer und eine Lanze mit im Grab. Anhand der Funde haben die Initiatoren der Ausstellung zwei Figurinen mit slawischer Kleidung bekleidet. Die Archäologin beschrieb das Äußere eines slawischen, besser situierten Paares der Zeit:

"Die Männer trugen einen Rock mit Gürtel, einen Mantel aus Wolle, der mit dem sog. "gombik" zusammengeknöpft wurde. In einem am Gürtel befestigten Beutelchen trug man Feuerzug, Messer und Schleifstein. Das Frauenkleid bestand aus dem unteren Leinenkleid, das obere Kleid war aus Seide. Frauen trugen oft Ketten mit Glasperlen. "