Lucas Cranach in der Prager Nationalgalerie

In der jüngsten Zeit haben Ausstellungen aus dem Schaffen von Lucas Cranach in mehreren Städten Europas Erfolge gefeiert. Eine Auswahl seiner Gemälde war in Brüssel, Frankfurt, London, Paris oder Rom zu sehen. Einige Werke dieses namhaften Künstlers der deutschen Reformation wurden nun für eine Ausstellung von der Prager Nationalgalerie ausgeliehen. Sie hat selbst auch mehrere Cranach-Werke in ihren Sammlungen und zeigt nun im Prager Sternberg-Palais auf dem Hradschin seit vergangenem Mittwoch ein restauriertes Gemälde des Malers aus. Das beiderseitig bemalte Bild stammt aus der Zeit um 1520 und stellt das segnende Jesuskind und den leidenden Christus dar. Im selben Ausstellungssaal sind noch weitere Werke Cranachs zu sehen.

Segnendes Jesuskind (Foto: Archiv der Nationalgalerie)Segnendes Jesuskind (Foto: Archiv der Nationalgalerie) Über das frisch restaurierte Cranach-Bild sprach Radio Prag mit der Kuratorin der Sammlungen der alten Kunst, Olga Kotková, gesprochen. Mit dem Leiter der Nationalgalerie, Vít Vlnas, sprachen wir über die weiteren Werke von Lucas Cranach dem Älteren, die im Palais Sternberg zu sehen sind.

Frau Kotková, was für eine Geschichte steckt hinter diesem Doppelgemälde?

„Wir kennen leider nicht die Entstehungsgeschichte dieses Bildes. Wir wissen aber, dass es ein sehr beliebtes Thema während der Reformationszeit aufgreift: den segnenden Jesusknaben. Mit der einen Hand segnet er und in der anderen hält er das Kreuz. Es ist sozusagen eine allegorische Darstellung, denn auf dem Bild scheint der kleine Knabe schon zu wissen, was ihn später erwarten wird. Auf der anderen Seite des Gemäldes ist Jesus als der so genannte Schmerzensmann gezeigt. Es bildet also schon den gekreuzigten Christus ab.“

War das Bild Bestandteil eines Altars oder eines größeren Gemäldes?

Jesus als der so genannte Schmerzensmann (Foto: Martina Schneibergová)Jesus als der so genannte Schmerzensmann (Foto: Martina Schneibergová) „Nein, ich glaube, dass es sich um ein kleines Andachtsbild handelt, das jemand bei sich zu Hause aufbewahrt hat.“

Woher stammt das Gemälde?

„Das wissen wir nicht. Wir haben zu vielen Gemälden schriftliche Quellen, auf die wir uns berufen können, aber ausgerechnet zu diesem Gemälde gibt es keinen Nachweis.“

Das Gemälde wurde erst vor kurzem restauriert. Wo befand sich das Bild zuvor?

„Das hat einige Zeit gedauert. In der Nationalgalerie befinden sich Tausende von Kunstobjekten. Natürlich schaffen wir es nicht, alles gleichzeitig restaurieren zu lassen. Vor einigen Jahren nun ließen wir dieses Bild restaurieren und man kann erst nun erkennen, dass das Gemälde sehr fein gemalt ist. Wir dachten eigentlich, dass es aus der Cranach-Werkstatt stammt. Nun vermuten wir jedoch, dass es von Lucas Cranach dem Älteren persönlich angefertigt wurde.“

Olga Kotková (Foto: ČT24)Olga Kotková (Foto: ČT24) Wie kann man diese Unterschiede erkennen?

„Die Werke von der Werkstatt sehen ganz anders aus, das bemerken die Restauratoren.“

Existieren außerhalb der Nationalgalerie noch ähnliche Gemälde wie dieses?

„Christus als Schmerzensmann ist ab und zu auch in Auktionskatalogen zu finden, allerdings nicht bestehend aus zwei Bildhälften.“

Konnte man das Bild gelegentlich umdrehen, also die zwei Seiten vertauschen?

„Ja, man könnte zunächst auf der einen Seite die Geschichte betrachten, und dann auf der anderen. Es ist eine Allegorie, die wir in der kunsthistorischen Terminologie der Sakralkunst als Antithese bezeichnen.“

 

Vít Vlnas (Foto: Archiv Radio Prag)Vít Vlnas (Foto: Archiv Radio Prag) Herr Vlnas, wie kamen Cranachs Bilder in die Sammlung der Nationalgalerie?

Die meisten dieser Bilder kamen während des 19. und 20. Jahrhunderts hinzu. Sie stammen aus Privatsammlungen der böhmischen Adelsfamilien, aber auch von Bürgern wie zum Beispiel dem Kunstsammler Dr. Johannes Kaňka. Das berühmte Bild von Adam und Eva kommt aus einer Kirchensammlung, aus dem Kloster Osek / Ossegg in Nordböhmen.

Wir stehen gerade vor dem Gemälde „Das Gesetz und Gnade“, auf dem zahlreiche biblische Gestalten zu sehen sind.

„Das ist ein sehr wichtiges Bild, da es sozusagen eine bildliche Erklärung des Katechismus von Luther und Melanchthon ist. Das Thema ist die Synagoge – also das Alte Testament und die Ekklesia, eine christliche Gemeinschaft, also das Neue Testament. Das Gemälde zeigt typologische Parallelen zum Alten und Neuen Testament auf. Dieses Bild wurde oft reproduziert, auch in Cranachs Werkstatt. Es gibt etliche Holzstiche des Bildes. Von dem Gemälde existieren zwei ursprüngliche Versionen: Die erste befindet sich in Prag, das ist das Bild hier in der Nationalgalerie. Die zweite ist die Gothaer Version, die in der Schlossgalerie in Gotha ausgestellt ist.“

Das Gesetz und Gnade (Foto: Martina Schneibergová)Das Gesetz und Gnade (Foto: Martina Schneibergová) Wie soll man das Bild verstehen? Man sieht zum Beispiel Adam und Eva, außerdem Moses mit den zehn Geboten.

„Moses steht auf dem Berg Sinai. Er symbolisiert das Alte Testament. Eine Parallele dazu ist die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Auf der einen Seite sind zudem Adam und Eva, und auf der anderen Seite Christus am Kreuz zu sehen. Außerdem sieht man Christus als Erlöser und Sieger auf Seite der Ekklesia. Der Mensch, ein Christ, ist da in der Gesellschaft von Johannes dem Täufer und dem heiligen Paul abgebildet.“

Was für eine Bedeutung hat der Baum inmitten des Bildes?

Verliebter alter Mann (Foto: Martina Schneibergová)Verliebter alter Mann (Foto: Martina Schneibergová) „Auf der Seite der Ekklesia – des Neuen Testaments - ist der Baum voll Blätter, aber auf der Seite der Synagoge - des Alten Testaments - ist er kahl und schmächtig.“

Das nächste Gemälde mit dem verliebten Alten ist wahrscheinlich das bekannteste unter all den Gemälden von Cranach, die hier zu sehen sind.

„Ja, das Thema dieses Bildes ist beliebt: Ein verliebter alter Mann und ein junges Mädchen, das aber nur sein Geld liebt.“

Gibt es zu diesem Gemälde Variationen?

„Es gibt eine zweite Fassung: ´Die verliebte Alte und der junge Mann.´ Die Bedeutung des Bildes bleibt dabei gleich.“

Adam und Eva (Foto: Martina Schneibergová)Adam und Eva (Foto: Martina Schneibergová) Kommen wir nun zu dem Gemälde „Adam und Eva“.

„´Adam und Eva´ ist eines der besten Cranach-Bilder. Es stammt nicht aus Cranachs Werkstatt, sondern wurde von Lucas Cranach dem Älteren persönlich angefertigt. Adam und Eva wurde als Thema häufig aufgegriffen, nicht nur von Cranach, sondern auch von anderen deutschen Meistern, vor allem auch von Graphikern.“

Wir stehen nun vor der „Heiligen Christina“. Gehörte sie nicht zu einem größeren Gemälde?

Heilige Christina (Foto: Martina Schneibergová)Heilige Christina (Foto: Martina Schneibergová) „Die ‚Heilige Christina‘ ist nur ein Fragment. Es ist ein Ausschnitt aus dem großen Marienaltar, der im Prager Veitsdom stand. Dieser große Altar mit der Jungfrau Maria und weiteren heiligen Jungfrauen wurde 1619 während der Bildstürme unter König Friedrich von Pfalz zerstört. Daher existieren heute nur vier oder fünf Teile dieses Altars. Sie befinden sich aber nicht alle in Böhmen, sondern auch in Karlsruhe sowie in einer deutschen Privatsammlung.“

Die Dauerausstellung der Nationalgalerie im Palais Sternberg auf dem Prager Hradschin ist täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.