Königin Judith und die Judithbrücke

"Es war als wäre die königliche Krone verschwunden, als die berühmte Brücke einstürzte." Diese Worte des Chronisten Frantisek Prazsky galten der offensichtlich zweitältesten Steinbrücke in Europa - der Prager Judithbrücke. Mehr über diese Moldaubrücke sowie die Königin, deren Namen sie trug, erfahren im folgenden Spaziergang durch Prag von Martina Schneibergova und Olaf Barth.

Wie immer in der jeweils letzten Ausgabe des Spaziergangs im Monat werden wir Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, eine berühmte Frauenpersönlichkeit vorstellen, die mit Prag, bzw. einer seiner architektonischen Sehenswürdigkeiten verbunden ist. In den folgenden Minuten laden wie Sie in das mittelalterliche Prag ein.

Die älteste Prager Brücke war die Judithbrücke, die unter König Vladislav I. erbaut und 1342 durch Hochwasser zerstört wurde - so hat man das in der Schule gelernt. Die Judithbrücke war aber eigentlich nur die älteste Steinbrücke, die die beiden Moldauufer miteinander verbunden hatte. Die Geschichte der Prager Brücken und Furten beginnt schon zur Zeit der ersten Besiedlung des Prager Territoriums. Im Prager Kessel ließen sich die Menschen wegen den vorteilhaften Lebensbedingungen nieder und offensichtlich auch wegen den Furten, die über den Fluss führten.

Aufgrund der Besiedlung des Kessels kann man ungefähr sehen, wo es damals Furten über die Moldau gab. Der nördliche Besiedlungsstreifen erstreckte sich vom Sarka über die jetzigen Stadtteile Dejvice und Bubenec bis nach Liben und Hloubetin mit einer Furt im heutigen Podbaba. Der südliche besiedelte Streifen umfasste das Gebiet von Motol über Smichov und das Botic-Tal bis zu den Stadtteilen Nusle und Michle. Eine Furt gab es unweit des Vysehrad. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts wurde höchstwahrscheinlich auch eine dritte Furt zwischen der heutigen Karls- und der Manes-Brücke errichtet.

Eine Moldaubrücke gab es nach Meinung der Historiker in Prag schon im 10. Jahrhundert. Für die Existenz der Brücke spricht auch die sogenannte Kristian-Legende, die die Überführung des ermordeten Fürsten Wenzel aus Stara Boleslav-Altbunzlau auf die Prager Burg beschreibt und erwähnt, dass die Moldaubrücke beschädigt war und der Trauerzug eine Furt benutzen musste.

Den Anlass zum Bau der ersten Steinbrücke - der Brücke der Königin Judith - gab aller Wahrscheinlichkeit nach das Hochwasser, von dem Prag Mitte des 12. Jahrhunderts betroffen wurde. Die Angaben darüber, wann die Brücke genau erbaut wurde, unterscheiden sich voneinander - sie entstand irgendwann zwischen den Jahren 1158 und 1171. Die Brücke wurde nach der zweiten Gattin des böhmischen Königs Vladislav I. benannt, die den Bau initiiert haben soll. Der Chronist Vincencius Prazsky hat der Gattin des Herrschers die folgenden Verdienste zugeschrieben:

"Ihre Taten, unsere werte Judith, berühmteste Königin von Böhmen, zeigen, wie klug, edel und tüchtig Sie sind. Was jedoch alles überragt, ist das Werk der Prager Brücke. Das, was keiner der Fürsten, Herzoge und Könige bis zu Ihrer Regierung durchzuführen vermochte, haben Sie, unsere ruhmvolle Herrscherin, innerhalb von drei Jahren geschafft."

Die lobenden Worte des Chronisten - auch wenn sie übertrieben sind - zeugen zweifelsohne von der großen Bewunderung, mit der die Zeitgenossen die kühne technische Leistung des Brückenbaus betrachteten, der nördlich von den Alpen ungewöhnlich war. Die Juditbrücke war neben der älteren Brücke in Regensburg die zweite steinerne Brücke mit einer ähnlichen Konstruktion in ganz Mitteleuropa.

Auf der Kleinseite wurde die Brücke durch zwei Türme abgeschlossen, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut wurden. Der kleinere Brückenturm auf der Kleinseite, der heute Bestandteil der Karlsbrücke ist, war vorher auch ein Teil auch der Judithbrücke. Am rechten Moldauufer gab es nur einen Turm, der ca. 100 Jahre später als die Brücke selbst errichtet wurde.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Brücke auch mit Plastiken verziert. Erhalten geblieben ist die Plastik, die als "Bradac" - zu deutsch etwa der "Bärtige" - bezeichnet wird. Diese war - jedoch nur bis 1846 - auf dem Altstädter Kai an der Karlsbrücke angebracht. Angeblich soll es sich um ein Porträt des Baumeisters der Brücke handeln, dessen Name jedoch unbekannt ist. Die Plastik diente den Pragern als eine Art Wasserstandsmesser. Wenn das Wasser in der Moldau bis zum Bart des Mannes reichte, bedeutete dies eine Warnung vor der Überschwemmung der Altstadt.

Ein weiterer erhaltengebliebener Teil der Ausschmückung der Judithbrücke ist ein Relief auf dem Kleinseitner Brückenturm, auf dem zwei Gestalten zu sehen sind, von denen die eine höchstwahrscheinlich den Herrscher darstellte, der einer knienden Person eine Urkunde überreicht. Es soll sich um König Vladislav handeln, der den Pragern die fertige Brücke überreicht. Andere Experten behaupten jedoch, dass die Herrscherfigur den Kaiser Friedrich darstellt, der Vladislav den königlichen Titel verleiht. Die zuletzt genannte Version erscheint wahrscheinlicher, denn Vladislav hat den ihm verliehenen Titel zweifelsohne hoch geschätzt.

Am 3. Februar 1342 fiel die Judithbrücke dem Hochwasser zu Opfer - sie zerfiel in drei Teile. Der Chronist Frantisek Prazsky kommentierte das traurige Ereignis mit den Worten:

"Als die berühmte Brücke zusammenbrach, war es, als ob die königliche Krone verschwunden wäre..."

Die Brücke ist jedoch nicht spurlos verschwunden. In der Altstadt ist ein Bogen unter dem Vorderteil des Kreuzherrenklosters erhalten geblieben. Bereits erwähnt wurde schon die Plastik des bärtigen Mannes. Auf dem Kreuzherrenplatz gibt es Pflaster aus Tonschiefer - dies sind auch noch Reste der Judithbrücke. Am Kleinseitner Moldauufer sind in den Hausfundamenten Teile der Brückenpfeiler erhalten geblieben. Wie bereits erwähnt, kann man heute noch den romanischen Turm der Judithbrücke bewundern.