Im Zeichen der Romantik: Kunst des 19. Jahrhunderts im St.-Georgs-Kloster

24-05-2008

Vor etwa zwei Monaten wurde auf der Prager Burg eine neue ständige Ausstellung der Nationalgalerie eröffnet: Seit März kann man im rekonstruierten Palais Schwarzenberg auf dem Hradschiner Platz die böhmische Kunst des Barock bewundern. Neu ist nun, dass man auf dem Hradschin auch die Kunst des 19. Jahrhunderts, die in Böhmen entstand, besichtigen kann.

Nach einem halben Jahr ist das St.-Georgs-Kloster nun erneut wieder für die Öffentlichkeit zugängig. Anstelle der Kunst des Barocks, die sich hier früher befand, ist nun eine ständige Ausstellung der Kunst des 19. Jahrhunderts aus Böhmen installiert. Es handelt sich um 350 Gemälde und 54 Plastiken, die vorwiegend aus den Sammlungen der Prager Nationalgalerie stammen. Um den Besuchern den Lebensstil des 19. Jahrhunderts näher zu bringen, hat die Nationalgalerie die Ausstellung um Glas, Porzellan, Silber, Möbel und Kleidungsstücke ergänzt. Diese wurden vor allem vom Prager Kunstgewerbemuseum ausgeliehen. Naděžda Blažíčková-Horová leitet bei der Nationalgalerie die Sammlung der Kunst des 19. Jahrhunderts. Die neue Ausstellung im St.-Georgs-Kloster, die sie vorbereitet hat, ist chronologisch gestaltet:

Naděžda Blažíčková-Horová (in der Mitte)Naděžda Blažíčková-Horová (in der Mitte)„Die Exponate sind in der Reihenfolge angeordnet, in der sich die Kunst in den böhmischen Ländern im 19. Jahrhundert im Zusammenspiel mit der europäischen Kunst entwickelt hat. Die Kunst entstand in Böhmen nicht wie auf einer Insel, sondern war Bestandteil der gesamteuropäischen künstlerischen Strömungen, insbesondere der Entwicklung in Mitteleuropa.“

Für das Plakat zur neuen Kunstsammlung wurde ein Gemälde von Josef Mánes genutzt, das die Öffentlichkeit im Unterschied zu vielen weiteren seiner Werke kaum kennt. Naděžda Blažíčková-Horová:

„Als Hauptgemälde, das die Aufmerksamkeit auf die Ausstellung lenken soll, habe ich das Gemälde „Der kleine rote Regenschirm“ von Josef Mánes gewählt. Dieses Gemälde ist lange Zeit nicht gezeigt worden, eine Zeit lang galt es sogar als verschwunden. Jetzt ist es als ständige Leihgabe in der Abteilung zur Künstlerfamilie Mánes zu sehen. Es gibt hier auch noch weitere Leihgaben. Aber 90 Prozent der Kunstwerke stammen aus den Sammlungen der Prager Nationalgalerie. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das, was hier zu sehen ist, nur eine Auswahl der besten Kunstwerke ist. Wenn man 350 Gemälde von insgesamt etwa 6.000 Gemälden aussuchen soll, kommt wirklich das Allerbeste zusammen, was die Sammlungen hergeben.“

Die neu eröffnete Ausstellung wird sicher einige Jahre im St.-Georgs-Kloster beheimatet sein. In der weiteren Zukunft soll sie aber umziehen, und zwar in das Palais Salm nahe dem Palais Schwarzenberg auf dem Hradschiner Platz, das zurzeit von der Nationalgalerie restauriert wird. Wie sollen danach dann die Ausstellungsräume des St.-Georgs-Klosters genutzt werden?

„In den Räumlichkeiten des St.-Georgs-Klosters soll in der Zukunft die gotische Kunst ausgestellt werden, die heutzutage im Agneskloster zu sehen ist. Das Agneskloster liegt jedoch im Hochwassergebiet. Aus dem Grund will die Nationalgalerie die Kunstwerke anderswo hinbringen. Nachdem die Kunst des Barock in das rekonstruierte Palais Schwarzenberg auf dem Hradschin umgezogen ist, wurden uns für die Sammlung des 19. Jahrhunderts die Räumlichkeiten des St.-Georgs-Klosters zur Verfügung gestellt. Ich bin dafür sehr dankbar, und meine, dass die neue ständige Ausstellung gelungen ist.“

Die Sammlung im St.-Georgs-Kloster knüpft chronologisch an die vor kurzem eröffnete Sammlung böhmischer Barockkunst an. Der Kunsthistorikerin zufolge ist für das 19. Jahrhundert vor allem die Verflechtung von Musik, Bildhauerei, Malerei und Literatur charakteristisch.

„Maler und Bildhauer haben sich damals oft bemüht, Motive aus der Musik zu nutzen. Josef Václav Myslbek schuf beispielsweise eine Plastik der Musik. Mehrere Maler malten Wassernixen, wie sie in bei Antonín Dvořák in der Oper Rusalka auftauchen. Die Romantik war in Böhmen so stark vertreten, dass man über ein ganzes Jahrhundert der Romantik sprechen kann. Die Romantik hat nicht nur das Denken, die Philosophie und die Literatur, sondern auch die Moral und die gesamte Lebensweise beeinflusst. Dieser Trend spiegelt sich natürlich auch in der bildenden Kunst wider.“

Die Romantik hatte der Expertin zufolge zwei Folgen: Das Interesse für die Natur führte zum Aufschwung der Landschaftsmalerei. Zudem gewann das historische Bewusstsein an Bedeutung und in Böhmen stand nachfolgend der Patriotismus hoch im Kurs.

Die Kunst des 19. Jahrhunderts wurde vor ihrem Umzug im Prager Messepalast ausgestellt. Die Räumlichkeiten des St.-Georgs-Klosters sind jedoch größer und ermöglichen mehr Werke zu präsentieren – so zum Beispiel ein Monumentalgemälde, das sich in der Abteilung „Historische Malerei“ befindet:

„Dort ist das große Gemälde ´Die bezwungenen Mailänder´ von Karel Svoboda zu sehen. Alle Großformatgemälde, die hier zu sehen sind, konnten im Messepalast nicht installiert werden. Zu ihnen gehört beispielsweise auch das Bild der Irrenden von Lev Lerch. Und natürlich die Sammlung der großen Statuen von Josef Václav Myslbek konnte erst hier ausgestellt werden. Die Sakralkunst wurde in der ehemaligen Kapelle installiert. Die vier Plastiken der böhmischen Landespatrone in Überlebensgröße wirken sehr monumental. Diese Heiligenstatuen findet man in Bronze ausgeführt am Denkmal des Heiligen Wenzel auf dem Prager Wenzelsplatz. Zudem wird in der Kapelle die Plastik des Gekreuzigten von Emanuel Max ausgestellt. Dies ist ein herrliches Kunstwerk, und es ist gut, dass wir es endlich zum ersten Mal ausstellen können.“

Die tschechischen Künstler haben sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eher an der deutschen Kunst orientiert. Erst etwa 1850 fingen sie an, sich mehr von der französischen Kunst inspirieren zu lassen. Dies hing mit der neuen künstlerischen Richtung des Realismus zusammen, die eben in Frankreich entstand. Zuvor bereits war der Maler Jaroslav Čermák durch die französische Kunst beeinflusst. Er reiste oft nach Frankreich, ließ sich später dort sogar nieder und blieb dort bis zu seinem Tod. Die Künstler um Karel Purkyně, Viktor Barvitius oder Soběslav Pinkas arbeiteten alle eine gewisse Zeit lang in Frankreich. Sie waren bereits sehr stark auf Frankreich konzentriert.

Damit sind wir am Ende des heutigen Spaziergangs durch Prag angelangt, in dem wir Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, in die Räumlichkeiten des ehemaligen St.-Georgs-Klosters, in die neu eröffnete Sammlung böhmischer Kunst des 19. Jahrhunderts eingeladen haben. Falls Sie wissen, wann das Georgskloster gegründet wurde, können Sie es uns schreiben, denn so lautet die heutige Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Buch über Prag gewinnen können. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradská 12, PLZ 120 99 Prag 2.

Vor einem Monat haben wir Sie nach dem Stadtteil gefragt, in dem sich das Nationalmuseum für Landwirtschaft befindet. Das Museum liegt im siebten Stadtbezirk in Prag-Letná. Ein Buch geht an Bernd Seiser aus Ottenau.

Fotos: Autorin

 

24-05-2008