Das fehlende Monument: Vor 90 Jahren wurde die Mariensäule abgerissen

Auf dem Altstädter Ring stand sie 268 Jahre lang: die 15 Meter hohe Mariensäule. Kurz nach der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik ist sie verschwunden. Am vergangenen Montag sind 90 Jahre seit dem Abreißen des einzigartigen Barockmonuments vergangen.

Der Altstädter Ring sah vor etwas mehr als 90 Jahren ganz anders als heute aus. Das Altstädter Rathaus war natürlich viel größer, denn ein Teil des Gebäudes wurde im Mai 1945 vernichtet. Gegenüber dem Rathaus und dem Jan-Hus-Denkmal, das erst 1915 entstand, stand eine barocke Mariensäule. Sie wurde als Ausdruck der Dankbarkeit für die Rettung Prags vor den schwedischen Truppen errichtet, sagt Bildhauer Jan Bradna:

„Die Mariensäule wurde als die vierte Mariensäule in Europa im Jahre 1650 auf dem Altstädter Ring erbaut. Es war das erste monumentale barocke Bildhauerwerk in diesem Land.“

Kurz nach der Entstehung der Tschechoslowakei, am 3. November 1918 wurde sie von einer wütenden Masse abgerissen. Kunsthistoriker Jan Kotalík ist nicht nur an der Prager Akademie der Künste tätig, sondern er leitet zudem die Expertenkommission im Prager Magistrat, die über eventuelle Änderungen auf dem Altstädter Ring entscheidet. Was ist damals vor 90 Jahren passiert?

„Es war das erste Wochenende nach der Ausrufung der selbständigen Tschechoslowakei. Zufälligerweise fiel es auf den Jahrestag der Schlacht am Weißen Berg. Auf dem Weißen Berg fand an dem Tag eine Kundgebung statt, die sich später Richtung Altstädter Ring begab. Heute ist es klar, dass es keine Spontaninitiative war, sondern dass alles schon im Voraus vorbereitet wurde. Auf dem Altstädter Ring wartete schon die Feuerwehr aus dem Prager Stadtteil Žižkov, die entsprechend ausgerüstet war. Der Initiator des Abreißens der Säule war der Prager Anarchist Franta Sauer. Diese Tat wurde als ein revolutionärer Protest gegen die Habsburger empfunden. Zudem galt sie damals als eine Art Happening, die aber meiner Meinung nach einfach nur eine barbarische Vandalentat war.“

Auf das Abreißen der Mariensäule reagierte damals gleich Malerin Zdenka Braunerová, die dagegen protestierte. Sie gehörte zu Künstlern, die sich für das alte Prag stark eingesetzt hatten, sagt Jan Kotalík:

„Mich fasziniert daran die Tatsache, dass im Moment, als die Säule abgerissen wurde, die Stadt gar nichts unternommen hatte. Einige Fragmente der Säule wurden anstelle im Lapidarium nur provisorisch in einem Schuppen gelagert.“

Als Symbol der Unterdrückung durch die Habsburger wurde die Säule von denjenigen gedeutet, die sie zerstört hatten. Die Säule konnte nichts dafür, sagt Kotalík:

„Die Säule wurde nicht nach der Schlacht am Weißen Berg, sondern erst nach dem Dreißigjährigen Krieg errichtet. Sie wurde auf Wunsch der Prager erbaut als Danksagung für den Westfälischen Frieden sowie dafür, dass die Jungfrau Maria Prag vor den Schweden gerettet hatte. Schwedische Truppen waren hier zweimal und es ist dabei eigentlich nicht viel passiert.“

Am vergangenen Montagabend versammelte sich eine Gruppe von Menschen auf dem Altstädter Ring am Ort, wo früher die Mariensäule stand. In der Mitte des betenden Kreises der Gläubigen konnte man ein kleines Modell der Mariensäule besichtigen. Die Mitglieder der Gesellschaft für die Erneuerung der Mariensäule kommen jedes Jahr am 3. November auf dem Altstädter Ring zusammen. Bereits 1994 haben sie ins Pflaster einen Grundstein für die neue Säule gelegt. Auf den Gedanken, die barocke Kolumne, die einst den Platz dominierte, wieder zu errichten, sind sie noch vor der Wende gekommen, sagt der Vizevorsitzende der Gesellschaft Karel Kavička:

„Den ersten Impuls gab uns Kardinal František Tomášek, als er 1988 – also noch ein Jahr vor dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes – die Gläubigen aufgefordert hat, in Marien-Wallfahrtsorte zu pilgern. Zu diesen Orten gehört auch Prag – der Ort, wo einst die Mariensäule stand. Sobald es möglich war, gründeten wir die Gesellschaft für die Erneuerung der Mariensäule – das war im Frühjahr 1990.“

Zuerst haben die Leute um Karel Kavička gedacht, dass sie ihr Vorhaben bald in die Tat umsetzen werden. Unterstützt wurden sie von Anfang an von den im Ausland lebenden Tschechen. Weder die Landsleute, noch die Mitglieder der Gesellschaft, hatten die Situation richtig geschätzt,sagt Karel Kavička.

„In der Vergangenheit gab es einige Initiativen zur Erneuerung der Mariensäule – vor allem während der Ersten Republik. Deren Bemühen wurde durch den Zweiten Weltkrieg abgebrochen. Wir meinen, dass wir die letzte Initiative dieser Art sind und dass es uns gelingt, das Werk zu vollenden. Die Erneuerungsarbeit betrifft zweierlei Bereiche: Einerseits muss die Architektur der Säule und andererseits die Statuen erneuert werden.“

Oben stand eine Statue der Immaculata in Überlebensgröße, auf vier Pfeilern wurden die Engelfiguren platziert. Wegen der neuen Mariensäule hat Bildhauer Petr Váňa mit einigen Kollegen die so genannte „Marienhütte“ gegründet, die seit zehn Jahren tätig ist. Inzwischen seien 80 Prozent der Architektur der Säule fertig gebaut, sagt Karel Kavička. Die Bildhauer nutzten die erhalten gebliebenen Fragmente des Originalwerks:

„Von den Fragmenten ließen wir Gipsabgüsse machen, diese wurden zusammengelegt und durch die fehlenden Teile ergänzt. Anhand der Vorlage aus Gips schuf Bildhauer Petr Váňa die Marienstatue. Vor fünf Jahren haben wir sie der Öffentlichkeit vorgestellt und vor den Seiteneingang der Teyn-Kirche installiert. Dort wartet sie auf ihre Rückkehr auf den Altstädter Ring.“

Bereits dreimal hatte die Gesellschaft die Bewilligung beantragt, die Säule auf dem Altstädter Ring errichten zu dürfen. Bislang erfolglos. Am Anfang zweifelten auch viele Experten daran, dass die Gesellschaft in der Lage wäre, die Mariensäule wirklich zu bauen, sagt Kavička.

„Wenn die Experten heutzutage die konkreten Ergebnisse unserer Arbeit sehen, tendieren sie allmählich dazu, uns zu unterstützen. Diese Tatsache wäre für die verantwortlichen Beamten des Magistrats wichtig. Wenn wir die Erlaubnis bekommen würden, könnte die Säule innerhalb eines Jahres hier stehen.“

Die Gründe für die Ablehnung des Antrags wurden der Gesellschaft vom Magistrat nie genannt. Die Säule würde die Gesellschaft der Stadt Prag schenken. Jan Kotalík leitet die Kommission im Prager Magistrat, die über Änderungen auf dem Altstädter Ring entscheidet. Würde er die Rückkehr der Mariensäule empfehlen?

„Heute schon. Denn erstens habe ich die bewundernswerten Ergebnisse der Arbeit der Gesellschaft für die Erneuerung der Mariensäule gesehen, die 18 Jahre lang sehr intensiv daran arbeitet. Sie stellten eine Kopie der Marienstatue her, die von einer sehr guten Qualität ist. Der 6 Meter hohe Schaft ist auch schon fertig und die Bildhauer setzen die Arbeit fort. Der zweite Grund ist der folgende: Ich bin vor allem Historiker und da meine ich, dass das Gedächtnis des Volkes respektiert und wieder belebt werden soll. Das, was wir erneuern können, sollte erneuert werden.“