Das älteste Karussell Europas steht im Letna-Park

Jahrzehnte lang stellte es ein beliebtes Ziel für viele Prager Familien während ihres Sonntagsspaziergangs dar. Für Generationen von Pragerinnen und Pragern ist es Bestandteil ihrer Kindheitserinnerungen. Die Rede ist von dem einzigartigen Karussell, das bis heute am Rande des Letna-Parks im siebten Prager Stadtbezirk steht. Mehr über die Geschichte des ältesten erhalten Karussells Europas erfahren von Martina Schneibergova und Thomas Kirschner im folgenden Spaziergang durch Prag.

Die Geschichte des einzigartigen Karussells, das heute hinter den Rollläden in einem hölzernen Altan im Letna-Park versteckt ist, ist verhältnismäßig gut dokumentiert. Denn erhalten geblieben ist nicht nur der ursprüngliche Entwurf, sondern auch sämtliche Akten der Prager Baubehörde aus den Jahren 1892-1894. Zuerst stand das Karussell in den Jahren 1892-1893 in den Königlichen Weinbergen / Kralovske Vinohrady unweit des heute nicht mehr existierenden Gasthauses "Na Kravine". Josef Nebesky ließ das Karussell in der Sommersaison 1892 als eine Vergnügungsstätte nicht nur für Kinder, sondern vor allem auch für Erwachsene herstellen, wie man nach der Größe der Pferde urteilen kann, mit denen das Karussell ausgestattet wurde, und die bei Kleinkindern Respekt oder sogar Angst erweckten.

Foto: AutorinFoto: Autorin Da das Karussell damals nur als ein hölzernes Provisorium entstand, war für seine Errichtung keine Baubewilligung notwendig. Mit dem Entwurf und dem Bau des Karussells wurde Zimmermann Matej Bilek beauftragt, der in Vinohrady lebte. 1894 ließ Josef Nebesky das Karussell auf den Sommerberg, den Letna übertragen. Dort wurde es an einem sehr frequentierten Ort platziert. Damals galt das Karussell als eine bewunderte Rarität, sagt Karel Ksandr vom Nationalmuseum für Technik:

"Das Karussell wurde im Letna-Park installiert. Der befand sich zwar schon auf dem Gebiet der königlichen Stadt Prag, aber war aber ein beliebtes Ausflugsziel der Bewohner der Prager Altstadt und anderer Stadtteile. Das Karussell stand neben einem Gartenrestaurant. Von unten - von der damaligen Elisabeth-Brücke aus - konnte man eine Seilbahn benutzen, die bis zum Restaurant führte. Von der anderen Seite konnte man mit der ersten Prager elektrischen Bahn reisen, die Frantisek Krizik anlässlich der Jubiläumsausstellung im Jahre 1891 errichtet hat."

Foto: AutorinFoto: Autorin Die Geschichte der Karussells begann nach Worten von Karel Ksandr 1662, als ein hölzernes Karussell in Bayern auftauchte. Das Karussell auf dem Letna ist jedoch das älteste erhalten gebliebene Karussell in Europa, sagt der Experte. Denn beispielsweise das berühmte Karussell, das sich am Fuße des Montmartre in Paris dreht, ist um vier Jahre jünger als das Prager Karussell.

"Das Karussell ist noch aus einem anderen Grund einzigartig. Auf einer Drehplatte stehen neunzehn Pferde, die ausgestopft sind. Sie sind mit Pferdeleder bezogen und tragen echte Reitsattel. Sie sind außerdem recht groß - so wie die Pferde, deren Leder bei der Herstellung des Karussells benutzt wurde. Zwei Pferde sind aus Holz geschnitzt. Die Pferde wurden in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts durch vier kleine Holz- und Blechautos ergänzt. Das Karussell ist seit dem 11. Juli 1894 in Betrieb, nachdem es im Letna-Park von der damaligen Baubehörde der Hauptstadt Prag abgenommen worden war. So hatte es ganze 111,5 Jahre bis zum 17. November 2004 funktioniert. Das ist bewundernswert. Die Pferde sind die ganzen Jahre lang im Kreis galoppiert."

Foto: AutorinFoto: Autorin Das Karussell drehte sich mehr als hundert Jahre lang ohne gründlich renoviert zu werden. Erstaunlicherweise gehörte das Karussell auch während der kommunistischen Ära einem Privatbesitzer und nicht dem Staat, wie sonst alles andere. Karel Ksandr meint:

"Die Kommunisten hatten in ihren Verstaatlichungsdekreten höchstwahrscheinliche keine Rubrik für Karussells vorgesehen. Aus dem Grund blieb das Karussell sogar bis 2004 in Privatbesitz. Ich würde sagen, dass dadurch das Karussell gerettet wurde. Die Besitzerfamilie kümmerte sich sehr sorgfältig darum und bemühte sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten es in Stand zu halten. Sie putzte die Rinnen, ließ den Abfluss reparieren und vieles mehr. Ich möchte die Verdienste dieser Familie hervorheben. Denn dank ihr existiert das Karussell bis heute."

Bestandteil des historischen Karussells war auch ein Orchestrion, das 1994 leider gestohlen wurde. Das Nationalmuseum für Technik, das das Karussell im November 2004 gekauft hat, bemüht sich, wieder ein Orchestrion zu besorgen. Die Museumsmitarbeiter begannen gleich mit einer gründlichen Renovierung des Karussells, das sich im ursprünglichen hölzernen Pavillon befindet. Zuerst wurden die Rollläden repariert, um das zwölfeckige hölzerne Häuschen abschließen zu können.

Wenn die Rollläden hoch gehen, dann ist der Blick auf die Pferde nicht mehr der, wie man ihn aus der Kindheit kennt. Und sie erwecken auch kaum mehr Angst. Kein Wunder, dass die Rösser nach mehr als hundert Jahren Galopp so erschöpft und abgenutzt aussehen. Das Museum versucht nun die notwendigen finanziellen Mittel zusammen zutragen, um die technische Sehenswürdigkeit zu retten:

"Das Karussell hat Gott sei Dank keine statischen Schäden. Es dringt kein Wasser ein. Aber die Pferde, die 111 Jahre geritten sind, haben ihre besten Tage schon hinter sich. Unser Hauptziel ist es, die Pferde zu renovieren."

Die Gesamtkosten der Renovierungsarbeiten werden auf 6,5 Millionen Kronen (217.000 Euro) geschätzt. Das Museum hat zu diesem Zweck eine Spendensammlung gestartet und sucht nach Sponsoren. Kurz vor Weihnachten wurde im Museumsgebäude ein Benefizkonzert für die Rettung des historischen Karussells organisiert.

Karel Ksandr und seine Mitarbeiter hoffen, dass es ihnen gelingen wird, dem Karussell und vor allem seinen Pferden ihren ursprünglichen Glanz wieder zu verleihen. Die technische Sehenswürdigkeit würde es verdienen, europaweit beachtet zu werden. Bislang war es im Ausland kaum bekannt, meint Ksandr:

"Das Karussell war hier auf dem Letna irgendwie versteckt. Der Eiserne Vorhang verhinderte die Kontakte mit dem Ausland. Wir möchten auch auf diese Weise den Mitbürgern in Europa zeigen, dass es hier in Prag eine technische Rarität gibt, die beispielsweise das Technische Museum oder das Spielzeugmuseum in München in seinen Sammlungen nicht haben."

Das Museum hat vor, die Renovierungsarbeiten bis 2008 zu beenden, wie Karel Ksandr verrät:

"Wir haben dazu einen guten Grund. Im Jahre 2008 wird das Nationalmuseum für Technik sein 100. Jubiläum feiern. Das glänzende und sich wieder drehende Karussell soll vor allem unsere kleinen Besucher an den runden Gründungstag des Museums erinnern."