Anna Fingerhutova (Naprstkova) und das Haus "U Halanku"

27-01-2001

Von Martina Schneibergova.

Willkommen zum heutigen Spaziergang durch Prag. Wenn man nach Persönlichkeiten fragen würde, die mit Prag verbunden und die in die Geschichte der Moldaumetropole eingegangen sind, würde man zweifelsohne Herrschernamen wie Karl IV., Rudolf II. oder vielleicht den Literaten Franz Kafka oder einen Komponistennamen als Antwort hören. Es gab jedoch auch viele mehr oder weniger bekannte Frauenpersönlichkeiten, die das Leben der tschechischen Hauptstadt bedeutend beeinflusst haben. Man findet unter ihnen Frauen aus den Herrscherfamilien, aber auch Töchter aus ehrwürdigen bürgerlichen Kreisen des 19. Jahrhunderts. Einige dieser Pragerinnen, die sich um ihre Stadt verdient machten und die mit ihr besonders verbunden sind, möchten wir Ihnen in diesem Jahr in einer Sendereihe vorstellen, die wir jeden Monat jeweils in der letzten Ausgabe des Spaziergangs durch Prag im Monat bringen werden. Nun laden wir Sie in das Haus "U Halanku" auf dem Betlehemsplatz in der Prager Altstadt ein.

Das Haus Nr. 269 auf dem Betlehemsplatz wird nach einem seiner früheren Besitzer - Jan Halanek z Jicina , der das Haus 1676 gekauft hat, Haus "U Halanku" genannt. Zu den bekanntesten Besitzern des Hauses gehörte jedoch die Familie Fingerhut-Naprstek, die das Haus 1826 kaufte. Am bekanntesten von dieser Familie ist sicherlich Vojtech Naprstek, ein tschechischer Patriot und Forschungsreisender, dessen Namen das von ihm einst als Industriemuseum gegründete heutige ethnografische Museum trägt, das sich eben in diesem Objekt befindet. Das Haus "U Halanku" ist jedoch auch als ein Treffpunkt führender tschechischer Literaten und anderer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bekannt geworden.

Die Person, die eigentlich hinter allen diesen Aktivitäten steckte und dank der auch Vojtech Naprstek nicht nur seine Überseereise, sondern auch seine späteren Aufkläreraktivitäten entwickeln konnte, war seine Mutter - Anna Fingerhutova oder Naprstkova, wie ihr Name später in tschechischer Übersetzung benutzt wurde. Anna Naprstkova - die in der tschechischen Gesellschaft damals als "panimama od Halanku" - etwa "die Mutter vom Haus U halanku" bekannt war, möchten wir Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, in den folgenden Minuten näher vorstellen. Ihr Schicksal könnte ein Thema für einen Roman im Stil von Charles Dickens sein. Historikerin Pavla Vosahlikova bemerkte dazu:

"Sie stammte aus schwierigen Familienverhältnissen, sie wurde zwar in keiner allzu armen Familie geboren - sie war Tochter des Prager Müllers Vincenc Hom. Da ihr Vater jedoch bald starb, wurde sie von verschiedenen Verwandten erzogen, bei denen sie aber eher als Dienerin arbeiten musste. Sie wurde aber immer für ein aktives, unternehmungslustiges Mädchen gehalten, das in Krisensituationen Rat wusste. Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts gehörte sie zu den reichsten Prager Bürgerinnen - das Eigentum, das sie während ihres Lebens angehäuft hatte, war für die damaligen Verhältnisse recht imposant."

Anna Naprstkova wurde 1788 geboren, sie war zweimal verheiratet. Mit ihrem ersten Mann Jan Novak hat sie allmählich einige Gaststätten in der Altstadt und auf der Kleinseite gemietet. Jedes neue Gasthaus war immer besser und größer als die bisherigen Gasthäuser. In den ersten zehn Jahre ihrer Ehe verzeichnete ihre Familie einen bedeutenden Aufstieg, der nicht einmal durch den staatlichen Bankrott im Jahre 1811 verhindert werden konnte. Ihr erster Mann, mit dem sie - wie es der damaligen Norm entsprach - wahrscheinlich 9 Kinder hatte - starb nach 12 Jahren. Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit kümmerte sich Anna auch um ihre Kinder, von denen allerdings nur drei das Erwachsenenalter erreichten.

Mit Antonin Fingerhut - ihrem zweiten Mann - kaufte Anna das später berühmte Haus "U Halanku". Mit dem Namen Fingerhut - zu tschechisch Naprstek war es so: Alle Brüder Antonins hießen Naprstek, Antonin, der in der Zeit der josefinischen Reformen zur Welt kam, wurde jedoch in die Matrikel als Fingerhut eingetragen. Sein Sohn Vojtech kehrte später als ein begeisterter tschechischer Patriot zu der tschechischen Form des Familiennamens zurück.

Ein langes Eheglück war Anna Naprstkova jedoch auch diesmal nicht beschieden. Auch ihr zweiter Mann starb schon bald, und sie war wieder auf sich allein gestellt. Für sie war es kein großes Problem, weil sie nie nur mit dem Haushalt beschäftigt war, sondern sich um das Gewerbe und das ganze Unternehmen kümmerte. Der Kauf des Hauses U Halanku war ein Zeichen des ökonomischen Aufstiegs. Neben dem später berühmteren Vojtech, hatte sie mit ihrem Man Antonin noch einen älteren Sohn namens Ferdinand. Vor allem ab dem Jahr 1848 beteiligten sich beide sehr intensiv an der Organisation des tschechischen Nationallebens. Vojtech Naprstek reiste 1848 nach Amerika, wo er 10 Jahre verbrachte. Dies hing mit seinen Aktivitäten in der Studentenbewegung zusammen, denn wäre er in der Monarchie geblieben, wäre er - ähnlich wie andere Aktivisten von 1848 - verhaftet worden. Wie engagierte sich jedoch Anna Naprstkova und inwieweit hat sie ihre Söhne beeinflusst - dazu noch einmal Pavla Vosahlikova:

"Die Mutter Fingerhutova war mit ihren Aktivitäten in der ganzen Stadt populär. Sie wusste nicht nur ihr ganzes Unternehmen zu organisieren, sondern kaufte auch neue Immobilien in Prag. Daran wurde damals der unternehmerische Erfolg gemessen. Ihr forsches Vorgehen war jedoch für die Familie nicht immer günstig. Frau Naprstkova herrschte mit so zu sagen eiserner Hand über ihr Unternehmen - zu dem nicht nur Gaststätten, sondern auch eine Spiritusfabrik und eine Branntweinbrennerei gehörten. Sie versuchte aber auch, das Schicksal ihrer Nachkommen zu bestimmen. Einerseits zeigte sie sich sehr tolerant, was die gesellschaftlichen Aktivitäten ihrer Söhne betraf. Ihre Großzügigkeit war in diesem Bereich grenzenlos - sie förderte die verschiedensten patriotischen Veranstaltungen - wie Bälle oder Diskussionen und Vorträge.

Wenn es jedoch um die Wahl der Lebensgefährtin ging, bemühte sie sich auch hier ihre Söhne zu beeinflussen. So verdächtigte sie ihren Sohn Vojtech, als er zehn Jahre lang in Amerika blieb, dass er auf diese Weise dem Einfluss seiner Mutter zu entfliehen versuchte. In der damaligen Gesellschaft wurde Anna Naprstkova jedoch wegen ihrer unglaublichen Wohltätigkeit bewundert. Es war damals fast in ganz Prag bekannt, dass jeder, der bedürftig war, im Haus "U Halanku" etwas zu essen bekommen konnte. Es passierte oft, dass Anna Naprstkova für arme Familien Miete bezahlte und ihnen Kleidung besorgte. Wenn dann ihre Söhne das Geld, das sie während ihres Lebens verdiente, für die Förderung verschiedener nationaler Institutionen und auch Persönlichkeiten ausgegeben haben, hat Anna Naprstkova sie in diesem Bereich nie irgendwie eingeschränkt."

Wie bereits gesagt, ist das Haus der Familie Naprstek mit der Zeit zum populären Treffpunkt führender Persönlichkeiten der tschechischen Gesellschaft geworden. In diesen Begegnungen, an denen z.B. auch die Schriftstellerinnen Karolina Svetla und Eliska Krasnohorska teilnahmen, kann man aus der heutigen Sicht die Anfänge der tschechischen Frauenbewegung sehen. Denn im Haus "U Halanku" entstand der sog. "Amerikanische Damenklub". Die Historikerin beschrieb diese Institution wie folgt:

"Dazu kam es 1865. Es gab schon früher unformale Treffen hier, bei denen man sich mit einem Thema aus dem kulturellen oder wissenschaftlichen Bereich befasste. Vojtech Naprstek selbst hatte nach seinem Aufenthalt in Amerika auch viel Stoff, über den er Vorträge halten konnte. Unter den Teilnehmenden waren am Anfang nur wenige Frauen - z.B. die Schriftstellerinnen Bozena Nemcova oder Karolina Svetla. Denn es entsprach nicht den damaligen Vorstellungen darüber, was anständig ist. Aber Naprstek war dank dem Einfluss seiner aktiven Mutter und seinen Erfahrungen aus Amerika ein großer Anhänger der ökonomischen Selbständigkeit der Frau. Er wusste, dass die Voraussetzungen dafür jedoch bestimmte Kenntnisse und Bildung sind. Seine Mutter hatte in ihrer Jugend Pech, dass sie keine Chance hatte, eine bessere Bildung zu bekommen. Trotzdem wusste sie eine gute Bildung hochzuschätzen und achtete darauf auch bei ihren Kindern. 1865 bei einem Vortrag über Astronomie beschlossen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, einen Damenzirkel zu gründen, der anlässlich verschiedener Vorlesungen zusammentreffen sollte, um über Probleme zu diskutieren, über die Frauen nur wenig wussten. Diese Institution wurde als Amerikanischer Damenklub bezeichnet und hat sich um die Frauenemanzipation sehr verdient gemacht. Die Bemühungen des Klubs betrafen nicht nur die sog. "bessere" Gesellschaft, sondern auch breitere Bevölkerungsschichten. Die Frauen versuchten einen Produktionsverein zu gründen, sie machten sich nicht nur mit den theoretischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch mit den praktischen Neuigkeiten vertraut. Z.B. mit der Nähmaschine. Im Sommer organisierten die Frauen Exkursionen in die Prager Umgebung, wo sie landwirtschaftliche Güter, Werkstätten und Fabriken besuchten und sich mit der Herstellung verschiedener Waren vertraut machten. Anna Naprstkova hatte einen großen Einfluss auf die praktische Orientierung der Tätigkeit des Damenklubs. Auch wenn sie nicht viel Zeit hatte, war sie eine beliebte Gastgeberin und manchmal auch willkommene Teilnehmerin der Veranstaltungen des Amerikanischen Damenklubs. Der Klub lebte weiter sein eigenes Leben, das mit den Aktivitäten von Anna Naprstkova nicht direkt zusammenhing."

27-01-2001