Alexandr Brandejs und Adolf Wiesner: Der Kunstmäzen und sein Schwiegersohn

Ohne seine Unterstützung wären wohl viele Kunstwerke nicht entstanden, die heutzutage zu den besten Beispielen der tschechischen bildenden Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gezählt werden. Künstler, die sich an der Gestaltung des Prager Nationaltheaters beteiligten, aber auch Literaten waren bei ihm oft zu Gast und wurden von ihm großzügig gefördert. Die Rede ist von dem Kunstmäzen und bedeutenden Kunstsammler und -kenner Alexandr Brandejs. In diesen Tagen kann man in Prag eine Ausstellung besuchen, die eine Art Huldigung an Brandejs, seinen Schwiegersohn, den Maler Adolf Wiesner, und die ganze Familie des Kunstmäzens darstellt, deren Angehörige in einigen Generationen die Entwicklung der tschechischen Kunst bedeutend beeinflussten. Im folgenden Spaziergang durch Prag laden Sie Martina Schneibergova und Gerald Schubert in die Robert Guttmann-Galerie ein.

Die Ausstellung, die vom Prager Jüdischen Museum in der Robert Guttmann-Galerie installiert wurde, konzentriert sich auf zwei namhafte Persönlichkeiten einer tschechischen jüdischen Familie - den Kunstmäzenen Alexandr Brandejs (1848-1901) und seinen Schwiegersohn Adolf Wiesner. Alexandr Brandejs war mit zahlreichen bekannten tschechischen Künstlern des 19. Jahrhunderts gut befreundet, viele von ihnen hat er auch unterstützt. Auf seinem Gut in Suchdol bei Prag (heute ist Suchdol ein eigenständiger Prager Stadtbezirk) trafen oft bildende Künstler und Schriftsteller zusammen. Trotzdem findet man heute verhältnismäßig wenige Informationen über Brandejs.

Alexander Brandejs und seine Frau Jenny, geborene Witz, sind in einer Zeit aufgewachsen, in der die alten Regeln, die das Leben der Juden eingeschränkt hatten, allmählich an Geltung verloren. Die ökonomische und rechtliche Emanzipation brachte auch das Bedürfnis mit sich, am öffentlichen und kulturellen Leben teilzunehmen. Wohlhabende Familien luden bekannte Literaten und Künstler zu Diskussionen in ihre Salons ein, die zu den wichtigsten Zentren des Kulturlebens wurden.

Alexandr Brandejs begann 1878 das Gut in Suchdol zu verwalten. Die Familie lebte in dem dortigen kleinen Schloss. Brandejs sammelte Bücher, Gemälde, Drucke, Waffen, Möbeln und Textilien. Er war ein großzügiger Gastgeber junger Künstler. Bei Brandejs traf die Mehrheit der Künstler der so genannten "Generation des Nationaltheaters" zusammen. Zu den Besuchern des Schlosses gehörten vor allem die Maler Frantisek Zenísek, Mikolás Ales, Václav Brozík, Josef Tulka, Antonín Chitussei, Jakub Schikaneder, Hanus Schweiger, die Bildhauer Josef Václav Myslbek und Josef Mauder, die Architekten Jan Zeyer und Antonín Wiehl sowie die Schriftsteller Julius Zeyer und Jaroslav Vrchlický. Dem Kurator der in Prag eröffneten Ausstellung, Arno Parík, zufolge hat Brandejs wirklich große Verdienste um die tschechische Kunst:

"Brandejs war als Persönlichkeit bekannt. Er spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Kunst in Böhmen. Bei der Familie Brandejs schuf z. B. Mikolás Ales seine Entwürfe für die Ausgestaltung des Nationaltheaters. Die Künstler haben Brandejs gerne besucht. Sie hatten dort u. a. die Gelegenheit, Tiere zu studieren. So skizzierte Josef Václav Myslbek seinen ersten Entwurf für das St. Wenzels-Denkmal, das heute auf dem Prager Wenzelsplatz steht, eben in Suchdol. Brandejs stellte dem Bildhauer eines seiner Pferde als Modell zur Verfügung. Myslbek zog Brandejs wieder als Experten zu Rate, als er schließlich das Pferd Ardo aussuchte, das für die endgültige Fassung des Denkmals als Modell benutzt wurde."

Bei Brandejs ging es dem Kurator zufolge nicht um einen oberflächlichen Versuch, die Räumlichkeiten seines Schlosses auszuschmücken, sondern er war wirklich ein passionierter Kunstliebhaber, Sammler und Kenner. Er unterstützte mehrere Künstler, sagt Arno Parík:

"Da Brandejs die adeligen Familien gut kannte, half er den Künstlern auch dadurch, dass er ihnen Aufträge vermittelte. Außerdem versorgte er einige Künstlerfamilien wortwörtlich mit Nahrungsmitteln - konkret mit Kartoffeln, die er ihnen nach Prag liefern ließ. Aus dem Grund wurde er auch "Kartoffelmäzen" genannt."

Die Beziehung zur Kunst wirkte sich auf das ganze Familienmilieu und auch auf das Schicksal einiger Nachkommen von Alexandr Brandejs aus. Die älteste Tochter Helena (1877-1975) besuchte die Künstlerschule des bekannten tschechischen Malers Antonín Slavícek. 1903 reiste sie nach Paris, wo sie ihren späteren Mann, den Maler Adolf Wiesner (1871-1942) kennen lernte, der damals schon ein berühmter Künstler war. Ähnlich wie sein Schwiegervater Brandejs unterstützte auch Wiesner damals die tschechische Nationalbewegung. Der Kurator der Ausstellung dazu:

"Die Möglichkeit, das Schicksal und das Werk des Malers Adolf Wiesner mit der Lebensgeschichte des Mäzens Brandejs vor dem Hintergrund einer Familie zu präsentieren, ist für uns einzigartig. Neben den Porträts von Wiesner findet man in der Ausstellung Exponate, die an weitere künstlerisch orientierte Persönlichkeiten erinnern, die aus dieser Familie stammten. Der Architekt René Wiesner (1904-1974), der Sohn von Helena und Adolf Wiesner, war ein Experte für Glasbetonkonstruktionen. Diese Technologie war in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts sehr populär, und bis heute findet man in Prag mehrere Beispiele dafür, vor allem im Glasgewölbe der Prager Passagen. René Wiesner benutzte diese Konstruktionsweise z. B. auch beim Bau eines teilweise aus Glas gebauten Hauses in der Palacký-Straße."

In der Ausstellung wird auch ein weiterer Architekt vorgestellt - und zwar Emil Weiss (1896-1965), der mit einer Enkelin von Alexandr Brandejs verheiratet war. Weiss war in den zwanziger und dreißiger Jahren in Prag als Karikaturist und Graphiker bekannt. In der Emigration arbeitete Weiss später für die tschechoslowakische Exilregierung in London. Schließlich wird in der Ausstellung an Erika Stránská erinnert, eine Urenkelin von Alexandr Brandejs. Ihr gelang es nicht mehr, 1939 zu ihrer Mutter nach England zu flüchten. Helena und Adolf Wiesner haben sich um Erika gekümmert, später wurden sie alle nach Theresienstadt deportiert.

Adolf Wiesner starb drei Monate nach der Deportation in Theresienstadt. Seine Frau Helena überlebte den Krieg und lebte bis zu ihrem Tod in England. Erika Stránská nahm in Theresienstadt an den Zeichenkursen teil, die dort von Friedl Dicker-Brandeis organisiert wurden. Dank dessen ist in den Sammlungen des Jüdischen Museums eine ganze Serie von ihren Zeichnungen erhalten geblieben, die das letzte Zeugnis über Erikas Leben darstellen. Kurz vor ihrem 14. Geburtstag wurde Erika Stránská nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde.

In der Ausstellung kann man nur einen Bruchteil aus dem Werk des Malers Adolf Wiesner sehen. Wiesner gehörte zur Gruppe junger Künstler, die Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts Mitglieder des Künstlervereins Mánes waren und 1896 die unabhängige Zeitschrift der tschechischen Moderne mit dem Titel "Volné smery" (zu Deutsch etwa Freie Richtungen) gründeten. Wiesner studierte bei Max Pirner in Prag, bei Leon Pohl in Dresden und bei Otto Seitz in München. 1893 wurde er Schüler von Maler Vojtech Hynais, der damals an der Prager Akademie zu unterrichten begann. Wiesner regte mit seinem Artikel "Die Schablone in der Malerei" die Gründung einer unabhängigen Künstlerzeitschrift an. Die erste Nummer der Zeitschrift erschien im November 1896, den Umschlag hatte Wiesner gestaltet.

Wiesner bemühte sich auch darum, selbstständige Ausstellungsräumlichkeiten für die neue tschechische Kunst zu finden. Gemeinsam mit den anderen Vereinsmitgliedern nahm er 1898 an den ersten Ausstellungen des Vereins Mánes im Salon Topis teil. In den Jahren 1900 bis 1910 hielt sich der Maler vorwiegend in Paris auf, wo er in Kontakt mit Alfons Mucha und mit anderen tschechischen Künstlern war. Wiesner stellte regelmäßig seine Werke im Salon der französischen Künstler aus. Nach seiner Rückkehr nach Prag wurde er für einen der besten Prager Porträtisten gehalten. 1916 organisierte er mit seiner Frau Helena eine Ausstellung in der Rubes-Galerie in der Ferdinand-Straße in Prag, wo er sein Schaffen der Prager Öffentlichkeit vorstellte. Seitdem war er ein sehr gefragter Porträtist in der Prager Gesellschaft. Er schuf sehr viele Porträts, aber nicht viele sind erhalten geblieben, meint Arno Parík:

"Während des Krieges sind die Porträts genauso wie die Menschen, die sie bestellt hatten, verschwunden. Die meisten überlebten den Holocaust nicht. Wir haben etwa zwanzig Porträts für die Ausstellung zusammengetragen. Seine letzte Einzelausstellung hatte Wiesner 1936 in der Rubes-Galerie, 1938 nahm er im Rahmen des Verbands der bildenden Künstler noch an gemeinsamen Präsentationen teil. Seitdem wurden Wiesners beste Werke, die in der Nationalgalerie aufbewahrt werden, nicht mehr ausgestellt. Über Wiesner hat man seitdem auch kaum etwas gelesen."

Wiesners Werk sowie seine Verdienste um die tschechische Kunst dürfen dem Kurator Parík zufolge nicht vergessen werden. Mit der Ausstellung wird an eine bedeutende Prager Familie erinnert, die die Geschichte der tschechischen bildenden Kunst beeinflusste. Zur gegenwärtigen Generation von Urenkeln von Alexandr Brandejs gehören viele Personen, die zur Realisierung der Ausstellung beigetragen haben. An der Prager Vernissage nahm auch Jan V. White aus Westport in den USA teil, der eine Familienchronik verfasste. Jan Whites Vater, der Architekt Emil Weiss, war - wie bereits gesagt - in den zwanziger und dreißiger Jahren ein berühmter Prager Karikaturist und arbeitete später in London mit der tschechoslowakischen Exilregierung zusammen. Jan White, der als 10jähriger mit seinen Eltern nach Großbritannien flüchtete und sich später in den USA niederließ, hat seine Erinnerungen aus der Kindheit an seinen Onkel, den Maler Adolf Wiesner, während der Vernissage in einem ausgezeichneten Tschechisch geschildert.

Die Ausstellung über Alexander Brandejs und Adolf Wiesner in der Robert-Guttmann-Galerie ist noch bis zum 9. Januar geöffnet. Die Galerie befindet sich in der Straße U Staré skoly hinter der Spanischen Synagoge und ist täglich außer Samstag von 9 bis 17.30 Uhr geöffnet.