Tschechische Ehrung für Verfolgten aus der DDR

20-11-2019

Der Verein „Post bellum“ zeichnet jedes Jahr Persönlichkeiten aus, die sich in ihrem Leben für Freiheit und Würde eingesetzt haben. Es ist der Preis des Nationalen Gedenkens (Paměť národa). Diesmal wurden neben einem Tschechen auch vier Persönlichkeiten aus den Nachbarländern geehrt. Zu ihnen gehörte der Physiker Dietrich Koch. Die Staatssicherheit ließ ihn für den Protest gegen den Abriss der Leipziger Universitätskirche einsperren und später in die Psychiatrie einliefern. Die Preise des Nationalen Gedenkens wurden am Sonntagabend im Prager Nationaltheater übergeben.

Dietrich Koch (Foto: Paměť národa)Dietrich Koch (Foto: Paměť národa)

Universitätskirche St. Pauli in Leipzig (Foto: Roger u. Renate Rössing, Deutsche Fotothek, CC BY-SA 3.0 DE)Universitätskirche St. Pauli in Leipzig (Foto: Roger u. Renate Rössing, Deutsche Fotothek, CC BY-SA 3.0 DE) Die Leipziger Universitätskirche St. Pauli stammte aus dem 13. Jahrhundert. Sie galt als wichtiges geistliches und kulturelles Zentrum, einst predigte dort Luther und musizierten Bach oder Mendelssohn. Der Sakralbau überstand die Bombardierung während des Zweiten Weltkriegs, nicht jedoch das kommunistische Regime. 1968 wurde der Abriss der Paulinerkirche entschieden. Trotz Protesten der Bewohner wurde sie im Mai 1968 gesprengt. Der junge Physiker Dietrich Koch nahm damals an den Protesten teil. Deswegen verlor er seine Arbeit bei der Akademie der Wissenschaften, und später wurde er von der Stasi verhaftet. Vor der Preisverleihung wurde im Prager Nationaltheater eine Videoaufnahme mit Dietrich Koch gezeigt, in der er sich an die Sprengung der gotischen Kirche erinnerte.

„Als die Universitätskirche am 30. Mai 1968 in den Staubwolken versank, glaubte sich die SED der Vollendung des Sozialismus wieder einen Schritt näher. Denn auf einen sozialistischen Platz, zu dem der Karl-Marx-Platz werden sollte, passe keine Kirche. Wenig später versank auch das Augusteum. Der wichtigste Leipziger Schnittpunkt der geistlichen, geistigen und kulturellen Geschichte war verschwunden.“

Dietrich Koch, sein Bruder Eckhard und ihre Freunde gaben jedoch nicht auf. Ein paar Wochen später entrollte sich vor dem Publikum des Bachwettbewerbs in Leipzig automatisch ein Plakat. Auf diesem stand: „Wir fordern den Wiederaufbau.“ Wer hinter dem stillen Protest stand, war lange unklar. Erst nach mehr als zwei Jahren verhaftete die Staatssicherheit dann Dietrich Koch. In der Haft hielt er jedoch dem Druck der Stasi stand und verriet seine Mittäter nicht.

 

Eckhard Koch (Foto: Martina Schneibergová)Eckhard Koch (Foto: Martina Schneibergová) Dietrich Koch konnte aus gesundheitlichen Gründen am Sonntag nicht nach Prag kommen. Sein Bruder Eckhard nahm den Preis daher für ihn entgegen. Mit ihm entstand folgendes Gespräch, kurz bevor er auf die Bühne ging.

Herr Koch, Sie werden den Preis des Nationalen Gedenkens entgegennehmen. Sie waren damals auch an den Protesten gegen den Abriss der Paulinerkirche beteiligt. Was hat Sie zu der mutigen Tat bewegt?

„Die Leipziger Universitätskirche St. Pauli war ein Kunstwerk von außerordentlich großer Bedeutung. So etwas macht man einfach nicht. Es war uns damals klar, dass wir das nicht verhindern können, aber wir konnten es auch nicht einfach hinnehmen.“

Sie haben jedoch bald auf spezielle Weise einen Wiederaufbau der Kirche gefordert. Wie ist es Ihnen gelungen, ein Plakat mit dem entsprechenden Aufruf während der Bach-Festspiele dem Publikum zu zeigen?

Bach-Festspiele 1968 in Leipzig mit dem Protestplakat Foto: Archiv der Evangelischen VerlagsanstaltBach-Festspiele 1968 in Leipzig mit dem Protestplakat Foto: Archiv der Evangelischen Verlagsanstalt „Ich habe damals nur an dem Auslösemechanismus mitgearbeitet. Der eigentliche Akteur war Stefan Welzk. Er hat das Plakat dort angebracht und alles organisiert. Ich war nicht bei der Veranstaltung, das habe ich mich nicht getraut. Es war beim Abschlusskonzert der Bach-Festspiele. Als die Orgel-Preisträger auf der Bühne standen und der dritte Preisträger gerade seinen Preis entgegennahm, da entrollte sich das Plakat. Das war Zufall, dass es sich zu diesem Zeitpunkt entrollte. Denn es war so eingestellt, dass dies nicht am Anfang geschehen sollte. Aber mehrere glückliche Umstände trugen dazu bei, dass es so gut gelungen ist.“

War Ihr Bruder damals im Saal?

„Nein, wir wollten uns nicht verraten.“

Wie waren die ersten Reaktionen des Publikums?

„Es gab Minuten lang Beifall, es war ein stürmischer Beifall. In der DDR wurde das natürlich verschwiegen, aber international hat man das schon beachtet. Es gab dort ausländische Fernsehteams, die die Veranstaltung live übertrugen. Aber insgesamt hat man sich in Westdeutschland dafür nicht so sehr interessiert.“

Ihr Bruder wurde nach mehr als zwei Monaten verraten. Wissen Sie, wie es dazu kam?

„Ein Freund von uns ist in den Westen geflüchtet – ganz abenteuerlich über das Schwarze Meer. Und er ist im Westen in Kreise geraten, die ziemlich links waren. Er hat dort – mir völlig unverständlich – einen ganz Linken mit Kurierdiensten beauftragt, mit Bücherschmuggel und so weiter. Und dieser Linke konnte es nicht mit seinem Gewissen verantworten, dass in der DDR eine staatsfeindliche Gruppe existiert. Er ist zur Stasi gerannt und hat das verraten. Die Stasi hat gesagt: ,Mach das ruhig weiter und berichte uns darüber.‘ Auf diese Weise ist die ganze Gruppe aufgeflogen. Es ging zunächst um Republikflucht und weitere Dinge. Ich war zu dieser Zeit nicht mehr in Leipzig. Als die Gruppe eingesperrt wurde, war ich schon in Dresden und bin auf diese Weise dem entgangen. Später ist auch der Plakatprotest durch Verrat herausgekommen. Aber da nur mein Bruder von meiner Beteiligung wusste und auch nach 23 Monaten in der Haft nicht gesagt hat, dass auch ich dabei gewesen war, bin ich davongekommen. Ich wurde selbst aber auch vernommen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F063257-0015 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)Carl Friedrich von Weizsäcker (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F063257-0015 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0) Ihr Bruder hat niemanden verraten, er ist nicht dem Druck der Stasi unterlegen. Wurde er aus diesem Grund später in die Psychiatrie eingeliefert?

„Ja, im Gerichtsurteil steht, um die sozialistische Gesellschaft vor ihm zu schützen. Es war ein reiner Fall von politischem Psychiatriemissbrauch. Ich habe nach 1990 dem sächsischen Sozialminister den Fall vorgetragen. Er hat eine Psychiatriemissbrauchskommission eingesetzt. Und da ist der Fall anerkannt worden.“

Der Physik- und Philosophie-Professor Carl Friedrich von Weizsäcker hat dafür gesorgt, dass Ihr Bruder nach ein paar Jahren in die Bundesrepublik kam. Ging das ohne Probleme?

„Nein, das war nicht problemlos. Aber Professor Weizsäcker ist eine so bekannte Persönlichkeit, dass er es geschafft hat, meinen Bruder auf die Liste der Freizukaufenden setzen zu lassen.“

Was bedeutet für Sie dieser Preis?

„Ich überreiche ihn meinem Bruder. Ich freue mich darüber, dass er eine solche Anerkennung findet.“

 

Eckhard Koch wurde mit großem Beifall auf der Bühne begrüßt, er galt aber vor allem seinem Bruder Dietrich.

Dietrich Koch gelang 1972 die Ausreise in die Bundesrepublik. Er studierte Philosophie und arbeitete dann an der Universität in Essen, wo er bis heute mit seiner Frau lebt.

Jeder der Preisträger konnte sich auch ein Lied wünschen. Dietrich Koch entschied sich für „Die Gedanken sind frei“. Intoniert wurde es von Halka Třešňáková, der Tochter des tschechischen Liedermachers und Regimekritikers Vlasta Třešňák.

20-11-2019