Tschechien ist Europameister im Kunststoff-Recycling

In vielen der so genannten neuen EU-Mitgliedsländer fristet das Thema Mülltrennung ein Schattendasein. Der Großteil des Abfalls landet ungetrennt auf der Deponie oder im Müllofen. Aber auch große EU-Staaten wie Frankreich, Italien, Spanien oder Großbritannien sind bei weitem keine Musterschüler auf diesem Gebiet. Tschechien liegt in Sachen Abfallrecycling in Europa im Spitzenfeld. Dennoch gibt es auch hierzulande jede Menge Verbesserungsbedarf.

Die Tschechische Republik ist Europameister im Plastik-Recycling. Dies vermeldete die hierzulande mit dem Abfall-Recycling beauftragte Agentur Ekokom. 44,3 Prozent der Plastik-Verpackungen wurden im Jahr 2006 in Tschechien recycelt. Aktuellere Zahlen der europäischen Statistik-Agentur Eurostat liegen noch nicht vor. Zum Vergleich: In Deutschland wurden nur 41,3 Prozent der Verpackungen aus Kunststoff wiederverwertet, in Österreich knapp 36. Warum liegt Tschechien so weit voran? Die Gründe dafür erklärt Milan Havel von der tschechischen Umweltschutzorganisation Arnika:

„Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass in Tschechien die Anzahl der Sammelcontainer laufend erhöht wird und die Bürger nicht mehr so weit gehen müssen. Im Kunststoff-Recycling sind wir auch deshalb führend in Europa, weil man bei uns im Gegensatz zu wirtschaftlich viel stärkeren Ländern wie Schweden, Deutschland oder Österreich dem Plastikabfall mehr Aufmerksamkeit schenkt. Die Wiederverwertung von Kunststoffen ist kompliziert und daher verbrennen viele Länder den Plastikmüll lieber. Es ist also die Frage, ob Tschechien die richtige Wahl getroffen hat und nicht ein zu teures System hat.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern habe Mülltrennung in Tschechien Tradition, so Havel. Bereits im Kommunismus habe die Sammlung von Glas und Papier gut funktioniert. Dennoch fordert Arnika eine Umkehr im Denken:

„Worauf bei uns überhaupt nicht geachtet wird, ist die Müllvermeidung. Jeder Tscheche verbraucht im Jahr 130 Joghurtbecher. Aus unserer Sicht wären die Pfandgläser und -flaschen, wie es sie früher gab, viel vorteilhafter. Die Becher lassen sich nur schlecht recyceln, und wenn man sie verbrennt, gewinnt man nur fünf Prozent der Energie zurück, die für die Produktion nötig war. Das ist der Nachteil der thermischen Verwertung.“

À propos Flaschen: Die Tschechische Republik ist wohl im Recycling von Kunststoff-Verpackungen europaweit führend, beim Glas-Recycling ist das Land von einem Spitzenplatz jedoch weit entfernt: Beinahe jede dritte Glasflasche landet hierzulande nach wie vor in der Mülltonne. Mit einer Recycling-Rate von 70,5 Prozent übertrifft Tschechien Länder wie die Slowakei mit einer Wiederverwertungs-Quote von gerade einmal 18 Prozent, aber auch Spanien und Frankreich mit um die 50 Prozent zwar deutlich. Die belgischen 99,8 Prozent werden aber klar verfehlt. Und auch der Abstand zu den Nachbarländern Österreich und Deutschland ist deutlich: Dort werden 84,5 beziehungsweise 82,4 Prozent der Glasverpackungen wiederverwertet. Milan Havel von der Umweltschutz-Organisation Arnika kennt die Gründe:

„Das hat wirtschaftliche Gründe: Die Abnehmer für Altglas verschärfen die Anforderungen an die Qualität des Materials. Die kann Tschechien oft nicht erfüllen und die Glashütten importieren besseres Altglas aus dem Ausland. Man könnte bei uns die Qualität erhöhen, doch die Gemeinden haben nicht genügend Geld für getrennte Container für Weiß- und Buntglas. Dabei ist Weißglas besonders gefragt, weil man daraus alles herstellen kann.“

Immerhin mangle es in Tschechien nicht an Abnehmern für Altglas, mehrere Verpackungsglashersteller sorgen für genügend Nachfrage. Das Fehlen geeigneter Verarbeiter sei etwa einer der Gründe für die Niedrige Recycling-Rate in der Slowakei.

Auch im tschechischen Umweltministerium sieht man die geringe Wiederverwertungsquote bei Altglas mit Unbehagen. Daniel Vondrouš ist Experte für Abfallwirtschaft und Leiter des Beraterstabes von Minister Martin Bursík:

„Wir verlangen von der Recycling-Agentur Ekokom einer Erklärung. Tschechien war bei der getrennten Sammlung von Glas schon viel besser. Die jüngsten Zahlen bedeuten einen deutlichen Rückgang. Die Firma Ekokom überprüft gerade ihre Zahlen und sucht nach den Ursachen. Man muss auch bedenken, dass die Recycling-Quote bei Glas verzerrt dargestellt wird: Es sollten nur Glasverpackungen erfasst werden, aber die Leute werfen auch andere Glasgegenstände in die Container. Daher haben manche Länder sogar Wiederverwertungs-Quoten von über 100 Prozent.“

Die tatsächlichen Recycling-Raten liegen daher also noch um einiges unter den Angaben in der offiziellen Statistik.

Ein Grund für die Mängel im Glas-Recycling ist auch das geringe Umweltbewusstsein vieler Gewerbebetriebe. In der Prager Innenstadt etwa kann man tagtäglich beobachten, wie Restaurantbetreiber säckeweise Glasflaschen in die Restmülltonnen kippen. Dazu Milan Havel von der Umweltorganisation Arnika:

„Bis vor kurzem wurde in Tschechien der Gewerbemüll nicht erfasst. Erst jetzt hat man festgestellt, dass er rund 30 Prozent des gesamten Abfallvolumens ausmacht. Im Gegensatz zu den Bürgern müssen die Gewerbetreibenden für die Abholung der Altstoffe bezahlen. Und dabei sparen die meisten Betriebe. Es gibt keine Motivation, den Müll zu trennen. Aber oft gibt es auch noch ein anderes Problem: Viele Betriebe im Zentrum haben ihre Räume nur gemietet. Und der Hauseigentümer ermöglicht oft nicht die Aufstellung von getrennten Sammelcontainern. Ich habe das in den Prager Stadtbezirken 2 und 3 selbst beobachtet - dort, wo es genug Platz für das Aufstellen von Containern gibt, dort trennen die Betriebe auch.“

Freilich könnten die Gewerbetreibenden ihre Abfälle auch zu den öffentlichen Sammelcontainern bringen. Doch die sind oft zu weit entfernt und rasch überfüllt. Außerdem müssen Betriebe dazu einen Vertrag mit der Stadtverwaltung abschließen und Gebühren entrichten. Andernfalls drohen saftige Strafen.

Zwar sind Gewebebetriebe gesetzlich zur Mülltrennung verpflichtet, doch Kontrollen gebe es so gut wie keine, gibt man auch im Umweltministerium zu. Nur schwer ließe sich nachvollziehen, von wem die Abfälle stammen und außerdem fehle es an Personal. Man wolle aber in Zukunft den Betrieben strengere Vorgaben zur Mülltrennung machen. Eine entsprechende Novelle des Abfallgesetzes sei in Vorbereitung, heißt es im Umweltressort.

Bisher überhaupt nicht getrennt gesammelt werden in Tschechien Metallverpackungen wie Konservenbüchsen und Getränkedosen. Milan Havel von der Umweltschutzorganisation Arnika erklärt warum:

„Weil wir hier eine andere Situation haben als in anderen Ländern Europas. Bier wird bei uns etwa traditionell aus Glasflaschen und nicht aus Dosen getrunken. Es werden also nur wenige Getränkedosen verkauft. Damit sich die getrennte Sammlung aber rechnet, müsste eine größere Menge an Metallverpackungen auf den Markt kommen. Daher wird Metall bisher nur in Werststoff-Höfen gesammelt. Nun denkt man über ein Pfandsystem für Einwegflaschen und Getränkedosen nach. Eine andere Möglichkeit wäre, die Dosen gemeinsam mit anderen Wertstoffen zu sammeln, etwa mit Plastik.“

Doch Havel gibt der bereits seit Längerem geplanten Einführung eines Dosenpfandes in Tschechien kaum mehr eine Chance. Zu groß seien die Widerstände von Seiten der Getränkeindustrie und der Handelsketten. Aber auch für viele Gemeinden habe sich die Verwertung von Plastikflaschen mittlerweile zu einer Einnahmequelle entwickelt. Würde das Einweg-Pfand eingeführt, hätten auch die für teures Geld errichteten Sortieranlagen für Kunststoffabfälle mit Auslastungsproblemen zu kämpfen. Im tschechischen Umweltministerium zeigt man sich hingegen entschlossen, das Dosenpfand umzusetzen. Spätestens ab Mitte 2010 sollen die Tschechen wie früher ihre Einweg-Getränkeverpackungen in den Supermarkt zurückbringen. So, wie sie es von den noch weit verbreiteten Pfand-Bierflaschen gewohnt sind.

Bleibt abzuwarten, ob es Minister Martin Bursík gelingt, auch seine bürgerlich-konservativen Koalitionspartner und vor allem die Wirtschaft von der Sinnhaftigkeit des Projekts zu überzeugen.