Dienstbier und Genscher erhielten Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung

17-10-2004

Im deutschsprachigen Programm von Radio Prag, geht es nun weiter mit einer neuen Ausgabe der Sendereihe "Schauplatz". Und diesen Schauplatz, liebe Hörerinnen und Hörer, wollen wir heute in die bayrische Stadt Bamberg verlegen. Dort haben ja in der vergangenen Woche die ehemaligen Außenminister der Tschechoslowakei und Deutschlands, Jirí Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher, den "Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung" erhalten. Was es mit dieser Auszeichnung auf sich hat, warum Politiker einen Kunstpreis bekommen, und wieso gerade in diesem Jahr die beiden Exminister geehrt wurden - das alles und mehr erfahren Sie im folgenden Rückblick von Gerald Schubert:

Bamberg (Foto: Gerald Schubert)Bamberg (Foto: Gerald Schubert) Vom Zweiten Weltkrieg blieb Bamberg fast völlig verschont. Viele Barockbauten gibt es hier, und viele Fachwerkhäuser, die sich im Stadtzentrum eng ans Wasser und rund um die zahlreichen Brücken schmiegen. Wer will, kann gerade in dieser Schönheit das Ausmaß der Zerstörung erkennen, die der von Deutschland entfesselte Krieg auch in Deutschland angerichtet hat. Eine Zerstörung, die aber weit mehr Narben hinterließ als die sichtbaren in den Städten Europas.

Villa Concordia (Foto: Gerald Schubert)Villa Concordia (Foto: Gerald Schubert) Im Internationalen Künstlerhaus "Villa Concordia", direkt am Ufer der Regnitz, wird am Abend der "Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung" verliehen. Eine der beiden Organisationen, die ihn vergeben, ist der in München ansässige Adalbert Stifter Verein. Kurz vor der Preisübergabe stehen wir mit seinem Geschäftsführer Peter Becher auf der Terrasse der Bamberger Villa Concordia:

Villa Concordia (Foto: Gerald Schubert)Villa Concordia (Foto: Gerald Schubert) "Es ist eigentlich immer eine gemeinschaftliche Angelegenheit", sagt Becher. "Der Kunstpreis wird ja heuer schon zum zehnten Mal vergeben. Der Adalbert Stifter Verein, der in München ansässig ist, vergibt ihn mit einer Prager Partnereinrichtung, und zwar mit der Union für gute Nachbarschaft deutsch- und tschechischsprachiger Länder. Der Preis wird immer abwechselnd in einer deutschen und einer tschechischen Stadt vergeben. Wir haben auch zwei Jurys, die immer die Preisträger auswählen. Das heißt, die Jury der Union wählt den deutschen Preisträger, und umgekehrt. Aber wir verständigen uns immer, aus welchem Gebiet der Preisträger kommen soll. Im letzten Jahr waren es Vertreter der Kirchen, im Jahr davor waren es Schriftsteller. Es sind immer ganz unterschiedliche Bereiche."

Dieses Jahr waren es Politiker. Die beiden ehemaligen Außenminister Jirí Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher. Hat das etwas mit dem Jubiläum zu tun, das Europa in diesem Herbst feiert? Also mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 15 Jahren? Peter Becher:

Jirí Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher (Foto: Gerald Schubert)Jirí Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher (Foto: Gerald Schubert) "Ganz genau. Dienstbier und Genscher waren ja die beiden, die symbolisch den Grenzdraht zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei aufgezwickt haben. Aber es hat auch damit zu tun, dass Tschechien in diesem Jahr der Europäischen Union beigetreten ist. Damit wurde eine gewisse Übergangsphase abgeschlossen. Wir wollten einfach einmal Persönlichkeiten auszeichnen, die am Anfang dieser Phase sehr viel zur Verständigung beigetragen haben."

Warum aber handelt es sich bei der Auszeichnung um einen so genannten Kunstpreis? Nun, die Preise selbst sind Kunstwerke. Wie entstand die Idee, Menschen, die sich um die tschechisch-deutschen Beziehungen verdient gemacht haben, mit Kunstwerken zu ehren? Noch einmal Peter Becher vom Adalbert Stifter Verein:

"Im Grunde wurde das aus einer gewissen Verlegenheit geboren. Denn damals, vor zehn Jahren, hatten wir einfach kein Geld. Da kamen wir auf die Idee: Wie wäre es, wenn wir tschechische und deutsche Künstler gewinnen könnten, ein Kunstwerk zu stiften? Wir haben es versucht, und die Künstler haben erfreulicherweise bis heute immer sehr positiv darauf reagiert. Das hat sich nun als eine wirkliche Besonderheit erhalten: Die Preisträger bekommen keine Geldbeträge, sondern Kunstgegenstände."

 

Jirí Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher (Foto: Gerald Schubert)Jirí Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher (Foto: Gerald Schubert) Hans-Dietrich Genscher ist als ehemaliger Außenminister der Bundesrepublik ganz eng mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und nicht zuletzt mit dem der Berliner Mauer verbunden. Immer wieder wird betont, dass ein vereintes Deutschland ohne ein geeintes Europa nicht denkbar wäre. Deshalb hat der Preis für ihn auch eine große Bedeutung, sagt Hans-Dietrich Genscher gegenüber Radio Prag:

"Der Preis ist außerordentlich wichtig. Und zwar, weil er ein Kunstpreis ist. Als Kunstpreis steht er für die Achtung der Kulturen und für das Bewusstsein, dass die große europäische Kultur nicht denkbar ist ohne die kulturellen Beiträge aller europäischen Völker. Hinzu kommt aber noch, dass ich diesen Preis mit meinem guten Freund und Kollegen Jirí Dienstbier empfangen konnte, der für mich seit langem ein Begriff ist. Ich bin ihm während des Prager Frühlings 1968 zum ersten Mal begegnet. Ich habe auch später, während der ganzen schwierigen Zeit, den Kontakt mit Jirí Hájek, dem Außenminister der Dubcek-Zeit, gegen manche Widerstände gehalten und hatte damit auch eine Verbindung zu Dienstbier. Das alles bleibt bestehen. Und Dienstbier gehört zu den ganz großen Persönlichkeiten, die durch ihren intellektuellen Einfluss dazu beigetragen haben, dass letztlich die Mauer vom Osten her friedlich zum Einsturz gebracht wurde."

Ein Moment verbindet den damaligen deutschen Außenminister ganz besonders mit Prag; ein Moment der heute schon fast symbolhaft für die politische Wende in ganz Europa steht: Am 30. September 1989 verkündet Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag, dass die tausenden DDR-Flüchtlinge, die im Botschaftsgarten campierten, in den Westen ausreisen können. Genscher blickt zurück:

"Das war ja in Wahrheit ein Freiheitssignal nicht nur für die viereinhalbtausend Menschen in der Botschaft, sondern für alle Deutschen und für ganz Europa. Wenn die 'Mauer' in Prag geöffnet wurde - und das geschah ja durch die Öffnung der Botschaft mit Zustimmung der DDR-Führung, von der die damalige tschechoslowakische Führung diese Öffnung abhängig gemacht hat - dann war das auch ein Signal: Die Mauer ist nicht zu halten."

 

"Ich glaube, es hat einen gewissen Symbolwert, dass hier als Preis der tschechisch-deutschen Verständigung ein Tscheche ein deutsches Kunstwerk bekommt und ein Deutscher ein tschechisches", sagt der ehemalige tschechoslowakische Außenminister Jirí Dienstbier. An das Jahr 1989 hat natürlich auch er, als ehemaliger Dissident, freudvolle Erinnerungen. Die Rolle, die die Vergangenheit aber in der heutigen Politik oft spielt, die behagt ihm meist nicht so ganz, sagt er im Gespräch mit Radio Prag:

"Sie wissen ja, wie oft irgendwelche Fragen der Vergangenheit hervorgekramt werden. Ich habe das immer abgelehnt. Ich bin natürlich bereit, mich darüber mit Jedem privat zu unterhalten. Aber ich bin nicht bereit, auf offizieller Ebene über das zu diskutieren, was vor fünfzig oder sechzig Jahren war. Die Politik ist dazu da, dass wir uns darauf einigen, was wir tun werden, und was wir nicht tun werden. Und nicht dazu, dass wir die Vergangenheit beurteilen. Das ist Unsinn. Historiker oder Schriftsteller werden das immer tun, und sie werden dazu immer unterschiedliche Ansichten haben. Es ist ja auch gut nicht zu vergessen, es ist gut zu wissen, wie die Vergangenheit war. Aber nur, damit wir dazu in der Lage sind, die Warnsignale zu erkennen, wenn sich da etwas zu wiederholen droht."

 

Hans-Dietrich Genscher bekam übrigens eine Karikaturensammlung des tschechischen Zeichners Jirí Jirásek. Und Jirí Dienstbier bekam eine Plastik des Bamberger Künstlers Bernd Wagenhäuser. Der erklärt uns zum Abschluss selbst, was er für Dienstbier gemacht hat:

"Meine Formensprache als Künstler ist sehr minimalistisch. Und so habe ich auch die Gestaltung dieser Preisträger-Skulptur vorgenommen. Sie ist ein Teilelement einer Säule, sozusagen ein lang gezogenes Tortenstück, ein Teil eines Ganzen. An der unteren linken Seite ist ein Zitat von Hermann Hesse eingraviert: 'Die Tat, die ward noch niemals von jemand getan, der zuvor fragte: Was soll ich tun?' Das ist bezeichnend für die Person von Jirí Dienstbier. Ich habe seine Biographie ja auch verfolgt, und es hat mir nun große Freude gemacht, diese Plastik jetzt dem Herrn Dienstbier zu überreichen."

 

Den Adalbert Stifter Verein übrigens, der den Kunstpreis zur deutsch-tschechischen Verständigung alljährlich mit vergibt, den stellen wir Ihnen in der kommenden Ausgabe der Sendereihe "Heute am Mikrophon" etwas näher vor.

17-10-2004