"Die Seele Europas": Tschechische Filmemacher über ihr Bild von der EU

11-07-2004

Einige Aspekte der europäischen Integration, die in der politischen Diskussion oft zu kurz kommen, sind Thema des nun folgenden Schauplatzes: Zwei tschechische Filmemacher haben sich mit der "Seele Europas" beschäftigt, Gerald Schubert hat mit ihnen gesprochen:

Integration und Anpassung, Kaufkraft und Arbeitsmarkt, Verhandlung und Einigung. So und ähnlich lauten die Begriffe, mit denen die Erweiterung der Europäischen Union meist diskutiert wurde und wird. Auch in Tschechien. Einen ganz anderen Zugang haben Zdenek Velísek und Josef Císarovský gefunden. Beide arbeiten für das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen (Ceská televize), und beide hatten sich zum Ziel gesetzt, eine Dokumentarfilmreihe der etwas anderen Art zu produzieren. Nicht weniger als "die Seele Europas" wollten sie darin beschreiben. Und "Die Seele Europas" ist auch der Name des Dreiteilers, der schließlich im Juni auf Sendung ging. Zdenek Velísek ist ein bekannter tschechischer Journalist, von ihm stammt das Konzept für den Film:

"Die Idee besteht in etwas Immateriellem - der Seele. Aber wie kann das Fernsehen die Seele beschreiben? Meine erste Idee war: In der Landschaft ist auch die Seele Europas eingeschrieben, die Seele des Landwirts, von Urzeiten an. Und wir konservieren die Kultur dieser Landschaft. Das war die erste Idee. Dann habe ich mir gesagt: Konstitution, Demokratie, Republik - das alles ist absolut europäisch. Das ist das, was Europa der Welt gegeben hat. Wir denken zwar nicht jeden Tag daran, aber wir haben es alles in unserer Seele. Wir sind Bürger! Auch hier denken wir nicht darüber nach, woher das kommt. Aber es ist ein europäisches Wort. Die Idee ist unsere Idee. Auch viele andere Ideen der Staatlichkeit kommen aus Europa, aus unseren Ländern! Oder die europäische Kultur: Auch das ist etwas, was nur die Europäer der Welt gegeben haben. Also, das alles ist die Seele Europas, und daran wollte ich unsere Zuschauer erinnern."

Das Projekt wurde von der Europäischen Kommission finanziert, für die konkrete Umsetzung war Regisseur Josef Císarovský verantwortlich:

"Einen Film-Essay über die Seele Europas zu drehen - darunter stellt sich wohl jeder Autor etwas völlig anderes vor. Ich habe mich dabei an einen Traum erinnert, den ich einst als Jugendlicher hatte: Aus irgendeinem Meer oder irgendeiner Tiefe tauchten verschiedene Gesichter auf, die ich irgendwie kannte, obwohl ich sie zum ersten Mal sah. Als ich dann viel später über diesen Traum nachdachte, wurde mir bewusst, warum mir diese Gesichter damals so bekannt vorgekommen waren. Es waren eigentlich Gesichter aus Bildern, Gesichter aus der europäischen Kunstgeschichte. Sie ähnelten den Gestalten von Bosch, Greco, Leonardo da Vinci, Botticelli oder Caravaggio. Und damit habe ich dann eigentlich auch diese ganze Serie über die Seele Europas in Verbindung gebracht. Natürlich stellt sich darunter jeder etwas anderes vor. Ein Filmemacher aber muss eine bildhafte Vorstellungskraft haben."

Der gegenwärtige Diskurs über die Europäische Integration und über das, was die europäischen Völker tatsächlich gemeinsam haben, der kratzt für Císarovský eigentlich nur an der Oberfläche:

"Das, was mich zurzeit vielleicht am meisten stört, das sind die Auswirkungen des Postmodernismus, das Relativieren jeglicher Werte. Ich bin ein Mensch, der sehr stark von antiken Mythen geprägt ist. Das habe ich immer wahnsinnig geliebt. Ich bin in den fünfziger und sechziger Jahren aufgewachsen, einer Zeit, in der es zum Beispiel keine Fotografien nackter Frauen gab, was jeder junge Mann für eine gesunde Entwicklung braucht. Die Illustrationen der antiken Sagen waren die einzige Informationsquelle darüber, wie ein nackter Frauenkörper aussieht. Im Christentum ist das ganz anders: Da wird die Frau immer sorgfältig von Kopf bis Fuß verhüllt. Also ich bin eigentlich ein Ziehsohn der antiken Mythen. Und das, was mich am Postmodernismus stört, das ist eben das Anzweifeln dieser Wurzeln, die für mich ein nicht wegdiskutierbarer Grundstein der europäischen Kultur sind."

 

Die Seele Europas - beginnend beim Einfluss von Landschaft und Klima auf die Kultur, über antike Philosophen, christliche Mythen und Gutenbergs Buchdruck bis hin zur Entstehung moderner Demokratien. Und das alles in dreimal 20 Minuten. Für Regisseur Josef Císarovský keine leichte Aufgabe. Das Thema Wirtschaft, das in den gängigen EU-Diskussionen meist den Ton angibt, kommt dabei übrigens keinesfalls zu kurz. Allerdings bleibt es in dem Film stets eingebettet in einen großen Gesamtzusammenhang: Noch einmal Josef Císarovský:

"Es ist mir schon klar, dass die Ökonomie einfach etwas Grundlegendes ist - die grundlegende Triebkraft unserer Gesellschaft. Aber wenn nur die Wirtschaft bleibt, dann bleibt nur der Körper. Und die Seele beginnt zu verkümmern. Wenn Europa die Mystik einbüßt, die das Europa der Megalithkultur geformt hat und später auch das antike oder das christliche Europa, dann beginnt der Geist der Völker auseinanderzufallen. Die menschliche Gemeinschaft wird dann durch nichts mehr zusammengehalten. Das einzige, was die Menschen vereinen kann, ist die Mystik. Denn Geld hat die Menschen immer getrennt. Das könnte das Motto dieses ganzen Projekts über die Seele Europas sein: Eine Seele ohne Körper ist ein Gespenst. Aber ein Körper ohne Seele ist eine Leiche."

 

Zum Abschluss hat noch einmal der Autor des Konzepts für den Film " Die Seele Europas", Zdenek Velísek, das Wort. Als Berichterstatter in der Auslandsredaktion des Tschechischen Fernsehens kommt er viel herum. Er beobachtete nicht nur in Tschechien, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas die Diskussionen rund um die größte Erweiterung in der Geschichte der EU. Und letztlich kommt er zu einem Schluss, der auch von Politikern immer wieder formuliert wurde - wenn auch mit etwas anderen Worten: Nämlich, dass die Europäer auch durch all das miteinander verbunden sind, was sie im zurückliegenden - und im historischen Vergleich kurzen - Jahrhundert voneinander getrennt hat:

"Ich glaube, dass die Menschen in Europa etwas von uns wissen: Und zwar, dass wir in der Mitte Europas sind, und dass wir alles, was Europa gemacht hat, mitgemacht haben. Die Kultur - und leider auch die Antikultur. Also, man kann darüber nicht rätseln, ob wir Europäer sind. Wir sind im Herzen Europas, und wir möchten mit dem Herzen Europas pulsieren!" sagt Zdenek Velísek.

11-07-2004