Weinproduktion in Tschechien

27-12-2003

Anlässlich des Weihnachtsfestes kommen heutzutage, wesentlich anders als in alten Zeiten, die meisten Familien an einer Tafel zusammen, die nicht nur festlich, sondern vor allem reichlich gedeckt ist. Das üppige Angebot mag sich höchstens durch Einzelheiten unterscheiden, die mit dem Geschmack der jeweiligen Tafelrunde zu tun hat. In dieser Hinsicht hat mittlerweile auch die tschechische, mit Riesensprüngen auf den Konsum hinsteuernde Gesellschaft große - in Anführungsstrichen - "Fortschritte" gemacht. Was aber hierzulande auch früher bei verschiedensten Gelegenheiten auf der Tafel kaum fehlen durfte, das war der Wein. Daran hat sich nichts verändert. Über den Wein, seine Produktion bzw. seinen Konsum in Tschechien erfahren Sie mehr von Jitka Mladkova und Gerald Schubert.

Das Getränk der Götter, das die sterblichen Schweiger zum Reden und selbst die Miesepeter zum Lachen bringt, erfreut sich auch bei der tschechischen Nation, die sich stolz zur Weltspitze der Bierkonsumenten zählt, großer Beliebtheit. Der durchschnittliche Weinverbrauch beläuft sich hierzulande auf etwa 15 Liter pro Kopf.

Das ist eine weniger bekannte Tatsache, wie übrigens auch die, dass der tschechische Weinbau auf eine tausendjährige Tradition zurückblicken kann. Als Patron der einheimischen Winzer gilt ja schon seit Jahrhunderten der Hl. Wenzel höchstpersönlich. Heutzutage wird der Weinkonsum ungefähr zur Hälfte aus eigener Produktion gedeckt, der Rest durch Importe. Mit dem EU-Beitritt Tschechiens wird sich auch für die Winzer vieles verändern, viele von ihnen sehen diesem Moment mit großen Befürchtungen um ihre weitere Existenz entgegen.

Mit dem Wegfall der Zollgrenze könnten sie nämlich noch mehr unter Druck geraten, als dies bereits seit Jahren der Fall ist, also seit der tschechische Markt von Weinexporten, namentlich von Billigweinen aus einigen EU-Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich, nahezu überschwemmt wird. Mit dem EU-Beitritt muss aber der Ausbau der Weinanbaugebiete in Tschechien definitiv beendet werden. Das ist auch der Grund, warum sich tschechische Winzer in den letzten Jahren in dieser Hinsicht sputen mussten und jetzt - wenige Monate vor dem 1.Mai 2004 - sozusagen ins Finale ihrer Ausbauaktivitäten geraten sind. Allein in diesem Jahr sind neue Weinberge mit insgesamt über 1000 Hektar Fläche entstanden, und bis zum genannten "Stichtag" sollen weitere etwa 1 500 Hektar Weinanbaugebiete gegründet werden. Im Jahre 2004 sollte es in Tschechien dann rund 15 000 Hektar Weinanbauflächen geben.

Vinecko bile, ses od mej milej - "Mein lieber Weißwein, der du von meiner Geliebten kommst" - singt man in diesem alten südmährischen Lied, in dem aber etwas später auch der Rotwein als Geschenk einer Geliebten Nummer Zwei besungen wird. Von solchen Liedern kennt die südmährische Folklore eine ganze Menge, und dies kann auch kaum jemand verwundern, denn Südmähren ist die bekannteste Weinregion der Tschechischen Republik. Die geografischen Verhältnisse schaffen hier vor allem eine geeignete Klimazone, aber auch eine Vielfalt von Lagen, die für den Weinbau nützlich sind. Gerade in dieser Region wird der Weißwein produziert, der auch bei verschiedenen internationalen Weinausstellungen bzw. Weinproben dem renommierteren Wein aus dem Ausland Konkurrenz machen kann.

Mit fast 15 Prozent galt bis vor kurzem der eigentlich schon in den k. und k. Zeiten meistangebaute Wein, und zwar der Grüne Veltliner, als Nummer eins. Mittlerweile ist er jedoch nur noch die Nummer zwei unter den Weinen hierzulande. Produziert wird er fast nur in Mähren. Auf dem dritten Platz rangiert in derselben Kategorie mit rund 14 Prozent der Müller Thurgau, gefolgt vom Welschriesling mit über zehn Prozent. Seit Urzeiten wächst in Tschechien, und dies sowohl in Böhmen als auch in Mähren, die französische Weißweintraube Chardonnay, doch erst in den vergangenen Jahren ist sie richtig in Mode gekommen und ist auch zum Spitzenreiter des tschechischen Weinbaus avanciert.

In den Jahren 1996 bis 2002 ist die Rebsorte Chardonnay auf rund 350 Hektar angebaut worden, der Grüne Veltliner hingegen wurde im selben Zeitraum nur auf 130 Hektar angebaut. Es mehren sich jedoch Stimmen unter den Weinexperten, namentlich in Südmähren, die den Chardonnay als nicht besonders geeignet für ihre Region bezeichnen.

Aus der Sicht des Fremdenverkehrs und der Konkurrenzfähigkeit der einheimischen Winzer nach dem EU-Beitritt - so die Hauptargumente - wäre es besser, die traditionellen Weinsorten in höherem Maße anzubauen. Dem stellen zahlreiche Winzer die Behauptung entgegen, der in Südmähren produzierte Chardonnay, der auf der Preisliste höher liegt als andere Sorten, zeichne sich durch hohe Qualität aus und gelte zugleich als erfolgreicher Handelsartikel.

Bisher haben wir eigentlich nur Südmähren als bekannte Weinregion erwähnt. Es gibt aber auch andere Weinanbaugebiete in der Tschechischen Republik, die ebenfalls auf eine reichhaltige Tradition zurückblicken können. Zu diesen gehört ohne Zweifel das von den Kegel- und Kuppenbergen des Mittelböhmischen Gebirges umsäumte Elbtal rings um die alte Bischofsstadt Litomerice / Leitmeritz. Die basaltischen Verwitterungsböden sind von großer Fruchtbarkeit und begünstigen nicht nur einen ausgedehnten Obst-, sondern eben auch den Weinbau.

In Leitmeritz wird der Weinanbau bereits im Jahre 1057 urkundlich erwähnt. 1143 kamen Mönche aus Steinfeld am Rhein an die Elbe und trugen wesentlich zu seiner Erweiterung bei. Sie gründeten und erweiterten Weinberge bei Groß-Zernosek und Lobositz. Der erstere Ort entwickelte sich zum zentralen Weinort dieser nordböhmischen Elbegegend. An der mittleren böhmischen Elbe war es seit eh und je Melnik, wo auch der Hl. Wenzel selbst in den Weinbergen gearbeitet haben soll. Historischen Quellen zufolge spielte sich die Blütezeit des Weinbaus in diesen Regionen offensichtlich noch vor dem 30jährigen Krieg ab. In ganz Böhmen soll es damals schätzungsweise 10 000 Hektar und in Mähren 20 000 Hektar Rebfläche gegeben haben.

Im Laufe der Zeit ist die Weinproduktion sowohl in Böhmen als auch in Mähren um einiges zurückgegangen, die nordböhmische ist aber eindeutig in den Schatten der südmährischen Konkurrenz geraten. Die Weinregion Leitmeritz möchte aber nun doch im Rahmen der Möglichkeiten etwas aus diesem Schatten hervortreten. Worum es dabei konkret geht, das sagte uns der Bürgermeister von Leitmeritz, Ladislav Chlupac:

"Es geht im Prinzip darum, an die Tradition anzuknüpfen, das heißt daran, was unsere Vorfahren hier errichtet haben und was hier im Laufe der Zeit zum Teil vernichtet wurde. Es geht als vor allem um die Erweiterung der Weinberge. Dies hängt wiederum davon ab, Menschen zu finden, die bereit wären, die damit verbundenen Risiken, vor allem aber die harte Arbeit in Kauf zu nehmen. Die Stadt könnte sie dadurch unterstützen, indem sie geeignete Grundstücke für diese Rebflächenerweiterung findet. Obendrein kann sie sich natürlich auch auf dem Gebiet der Propagierung des in der Gegend von Zernosek produzierten Weins engagieren. Dieser Wein hat zwar mittlerweile z. B. wieder den Weg auf die Prager Burg gefunden, wo er bei festlichen Gelegenheiten genauso wie der aus den Nachbarregionen rund um Roudnice und Melnik serviert wird. Aber man kann nie genug Werbung haben."

Die Touristen, die zum ersten Mal nach Leitmeritz kommen, sind nach Meinung von Bürgermeister Chlupac immer wieder überrascht, wie viele kostbare historische Denkmäler sie in der Stadt und welch schöne Natur sie im nahe gelegenen Mittelböhmischen Gebirge finden können. Im Bild dieser Kleinregion habe nämlich immer noch die Vorstellung überlebt, dass ganz Nordböhmen von Kohletagebau und Industrieproduktion schwer gezeichnet sei. Im Rahmen der Werbebemühungen habe auch die EU geholfen, sagt Chlupac:

"Mithilfe der finanziellen Unterstützung aus dem Phare-Programm ist es uns in diesem Jahr gelungen, eine Werbebroschüre über die Leitmeritzer Region herauszugeben, in der interessierte Touristen viele nützliche Informationen für den Aufenthalt in unserer Region finden können. Allen, die unsere Stadt besuchen werden, möchte ich empfehlen, zunächst das direkt im Rathaus befindliche Infozentrum aufzusuchen, das sehr gut funktioniert."

Folgen Sie diesem Rat des Leitmeritzer Bürgermeisters, liebe Freunde und potentielle Leitmeritz - Besucher, und vergessen Sie nicht! Auch hier und in der ganzen Umgebung dieser Stadt wird guter Wein produziert. Mit virtuellen Weingläsern stoßen jetzt mit Ihnen Ihre heutigen realen Begleiter durch das Regionaljournal von Radio Prag - Gerald Schubert und Jitka Mladkova - auf Ihre Gesundheit an!

27-12-2003