„Gauck hätte deutlicher werden können“ – Journalistin Rakušanová über Besuch des Bundespräsidenten

12-05-2014

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck war in der vergangenen Woche auf Einladung seines Amtskollegen Miloš Zeman zu einem Staatsbesuch in Tschechien. Auch für die tschechischen Beobachter war dies ein Großereignis. Ludmila Rakušanová ist Journalistin, lebte ab 1968 in München im Exil und verfolgt schon seit vielen Jahrzehnten die Entwicklungen in den tschechisch-deutschen Beziehungen. Im folgenden Gespräch kommentiert den Besuch von Gauck.

Ludmila Rakušanová (Foto: Jan Bohdal, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Ludmila Rakušanová (Foto: Jan Bohdal, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Frau Rakušanová, Sie haben den Besuch des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck in Tschechien intensiv verfolgt. Was war für Sie das Eindrücklichste oder Interessanteste an dem dreitägigen Besuch?

„Es war eben ein Staatsbesuch mit allem Drum und Dran, wie es sich gehört zwischen zwei Partnerländern. Es wurden hohe Staatsauszeichnungen ausgetauscht und auch viele Höflichkeiten. Gauck und Zeman haben gemeinsam die Holocaust-Gedenkstätte in Theresienstadt besucht und auch das Vorzeigeprojekt der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit, die Škoda-Werke in Mladá Boleslav. Dass dieser Besuch hier in Tschechien dennoch mit so viel Aufmerksamkeit verfolgt wurde, hat bestimmt damit zu tun, dass es - trotz gegenseitigen Beschwörens ganz und gar problemloser Beziehungen - in der Verarbeitung der gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte offensichtlich immer noch Defizite gibt. Und zwar bestehen diese Defizite, meiner Meinung nach, vor allem auf der tschechischen Seite. Deswegen wird hier immer sehr aufmerksam verfolgt, ob deutsche Besucher beim Gespräch über die gemeinsame Vergangenheit sozusagen die richtige Reihenfolge einhalten. Das bedeutet, zuerst die deutsche Schuld am Krieg einzugestehen und dann erst von der Vertreibung zu sprechen, also davon, dass die Sudetendeutschen kollektiv – also schuldig oder nicht – dafür büßen mussten. Bundespräsident Gauck hat diesen wunden Punkt der Geschichte wohl am deutlichsten in seiner Rede an der Prager Karlsuniversität erwähnt. Deswegen fand ich gerade dieses Ereignis am interessantesten.“

Joachim Gauck (Foto: ČTK)Joachim Gauck (Foto: ČTK) Fanden Sie denn die Passage von Gaucks Rede zu den Sudetendeutschen deutlich genug?

„Für meine Begriffe hätte er es noch viel deutlicher sagen können. Schließlich hat er soviel Einfühlungsvermögen für die Seelenlage der tschechischen Seite an den Tage gelegt, dass er von dem ‚letzten Akt des Dramas‘ 1945 sprach. Gauck hat dabei außer dem Begriff Vertreibung auch das tschechische Wort ‚odsun‘ – also Transfer – benutzt und angedeutet, dass es egal sei, wie man es nenne. Dann hätte er aber auch auf den Frust der Sudetendeutschen eingehen können. Sie warten bis heute – also ein Vierteljahrhundert nach der Wende – jedes Jahr zu Pfingsten auf ihrem Sudetendeutschen Tag vergeblich auf den Besuch eines tschechischen Staatsmannes, also auf einen Menschen, der ein hohes politisches Amt bekleidet. Es kommen zwar durchaus tschechische Politiker, und zwar quer durch das Parteienspektrum, aber meines Wissens immer nur dann, wenn sie gerade keine bedeutende Funktion ausüben – kein Regierungsamt oder keinen Vorsitz im Parlament innehaben. Andererseits: Als Václav Havel im Februar 1995 an der Karlsuniversität vom deutsch-tschechischen Verhältnis sprach, war seine Rede in punkto Vertreibung von den Sudetendeutschen auch mit sehr viel Spannung erwartet worden. Sie wurde aber dann ebenfalls nicht als besonders mutig empfunden. Offensichtlich verleitet die Atmosphäre im Karolinum nicht dazu, dass man potenziell kontroverse Formulierungen benutzt.“

Gauck hatte für seine Rede das Thema „Europas Vielfalt, Europas Reichtum“ angekündigt. Von Europa hat aber der Bundespräsident vergleichsweise wenig geredet…

„Da haben sie Recht. Er hat hauptsächlich am Anfang zwar von europäischem Reichtum und Vielfalt gesprochen, aber da bezog er dies auf Prag in der Geschichte vor dem Krieg. Er nannte Prag ein Symbol eines offenen und vielfältigen Europas – übrigens hätte diese Passage sicher Václav Havel sehr gefallen, weil er Prag immer als einen intellektuellen Knotenpunkt Europas bezeichnet hat. Und Gauck schlug dann einen historischen Bogen bis zur Gegenwart, aber blieb meistens im Grundriss des deutsch-tschechischen Verhältnisses. Ich weiß nicht, aber vielleicht ist es nicht weit hergeholt zu sagen, dass sich gerade in diesem Verhältnis die europäischen oder genauer: die mitteleuropäischen Begebenheiten und Befindlichkeiten widerspiegeln. Bundespräsident Gauck hat also ganz bestimmt zumindest über Mitteleuropa gesprochen.“

Angela Merkel (Foto: ČTK)Angela Merkel (Foto: ČTK) Die Zeitungen in Tschechien waren teils großen Lobes für Gauck. Woran liegt das, und würden Sie in die Lobeshymnen einstimmen?

„Es liegt einerseits ganz bestimmt an der sehr sympathischen und beachtenswerten Persönlichkeit von Joachim Gauck, an seiner offenen Art, mit der er auf die Menschen eingeht, und an seinem Einfühlungsvermögen. Und es liegt womöglich daran, dass er kein Berufspolitiker ist. Er ist sozusagen ein Quereinsteiger. Zweitens ist sicher von Vorteil, dass er aus der ehemaligen DDR stammt und hier in Tschechien als jemand empfunden wird, der auch persönliche Erfahrungen mit dem Kommunismus gemacht hat. Er liegt praktisch von vornherein auf der gleichen Wellenlänge. Auch Bundeskanzlerin Merkel genießt daher hierzulande automatisch einen Bonus, der vielleicht noch größer ist, als der von Joachim Gauck, weil sie als junge Wissenschaftlerin in Prag auch noch ein paar Monate studiert hat.“

Miloš Zeman (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Miloš Zeman (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Wie würden Sie das einschätzen: Bieten die tschechisch-deutschen Beziehungen überhaupt noch spannende Themen? Es geht ja doch ziemlich harmonisch zu…

„Spannende Themen wird es so lange geben, bis die Beziehungen wirklich normal werden. Derzeit werden sie eher normal geredet, als dass von einer entspannten Normalität gesprochen werden könnte. Und sie werden eben nicht normal sein, so lange die Vergangenheit nicht bis in die letzten dunklen Ecken bereinigt wird. Das darf man aber offensichtlich nicht von Politikern erwarten. Die sind wegen ihrer Wiederwahl wohl in einer schwierigen Lage und scheuen sich aber auch nicht, zu unfairen Praktiken zu greifen. Das haben wir hier vor einem Jahr bei den Präsidentenwahlen gesehen. Damals hat Miloš Zeman seinem Gegenkandidaten Karel Schwarzenberg ganz kaltblütig einen Strick aus den Beneš-Dekreten gedreht. Das war absolut erbarmungslos und hatte – wie sich gezeigt hat – auch noch Erfolg. Das heißt, die Angst vor den Deutschen zu schüren, bringt offenbar in Tschechien immer noch Punkte im Wahlkampf. Viel eher als Politiker und ihre Reden sind es konkrete Taten von Menschen, die etwas ändern können. Ich denke da zum Beispiel an die Aufdeckung von Massengräbern deutscher Vertreibungsopfer sowie an Dokumentarfilme oder Bücher, die ganz offen das Thema Vertreibung behandeln. Das alles passiert nun zunehmend in Tschechien und gibt Anlass zur Hoffnung, dass eben eine Normalität in die deutsch-tschechischen Beziehungen einkehrt. Und Bundespräsident Gauck hat das in seiner Rede im Karolinum angesprochen, aber nicht nur das: Er hat auch einen sehr wichtigen Anstoß gegeben, indem er angeregt hat, ähnlich wie die deutschen Nazi-Gegner auch die vielen namenlosen Tschechen zu würdigen, die 1945 ihre deutschen Mitbürger in Schutz genommen oder ihnen Schutz geboten haben. Das ist in der Tat ein Thema, das hier nur sehr selten registriert wird – zum Beispiel im Zyklus ‚Gedächtnis der Nation‘, wo Zeitzeugen über ihr Schicksal berichten. Dort wird vereinzelt auch über solche Fälle gesprochen. Nur: Jene Menschen, die sich mit Taten und nicht nur mit Gedanken gegen den allgemeinen Strom der Nachkriegs-Rachenhysterie gestellt haben, wird man nun fast 70 Jahre nach dem Krieg kaum mehr lebend auffinden können. Wir sind ihnen aber, und da hatte Gauck sicher recht, eine öffentliche Diskussion darüber schuldig und eine Würdigung – und zwar auf beiden Seiten.“

12-05-2014

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