Zimmerleute tischlern um die Wette - immer weniger Lehrlinge trotz goldenem Boden

28-03-2010

Zlaté české ručičky – Als golden bezeichnet der Volksmund die tschechischen Hände. Also eigentlich wie geschaffen für einen Handwerkerberuf. Doch nach der Wende ist das Interesse der Tschechen oder Tschechinnen an solchen Berufen rasant gesunken, auch weil ein Hochschulstudium immer größeren Kreisen offen steht. Nach zwanzig Jahren ist die sinkende Zahl der jungen Handwerker zu spüren. Oft müssen deswegen Kräfte aus dem Ausland eingestellt werden. Um den Handwerkernachwuchs aber zu fördern, werden verschiedene Wettbewerbe veranstaltet – so zum Beispiel im ostböhmischen Jaroměř / Jermer.

Sägen, hämmern, feilen, dazu schnelle Striche mit dem Bleistift, um die Stellen für die Schnitte zu kennzeichnen. An der Berufsschule im ostböhmischen Jaroměř waren Zimmermannlehrlinge gegeneinander angetreten: Zwei Tage lang kämpften die angehenden Tischler in der böhmischen Ausscheidungsrunde um den Einzug in das gesamttschechische Finale. Was war die Aufgabe der Lehrlinge? Vladislav Ricik ist Meister an der Handwerksschule in Jaroměř.

„Alle stellen das verkleinerte Modell eines Daches nach eigenen Zeichnungen her. Die Ergebnisse werden nach der Fertigung zusammen mit Tests bewertet, die die Lehrlinge geschrieben haben.“

Wie der fertige Dachstuhl aussehen soll, wurde den Berufsschülern zuvor beschrieben. Sie haben sich dazu dann eigene Zeichnungen angefertigt. Ein Modell dazu wurde ihnen nicht gezeigt. Die Schüler arbeiten in Zweierteams - immer ein Team je Schule. Die jungen Zimmerer müssen allein Rat wissen, Lehrer haben keinen Zutritt zur Werkhalle. Vladislav Ricik zu den Teilnehmern am Wettbewerb.

„Es sind Schüler aus ganz Böhmen, sie kommen von 16 Berufsschulen aus Tábor, Chomutov, Liberec, aus Ostböhmen und Prag. Mähren hat eine eigene Ausscheidungsrunde. Die besten drei Teams nehmen dann an der tschechischen Meisterschaft in Brünn teil, wohin aber auch Teams aus dem benachbarten Ausland kommen werden. Es sind bereits Schulen aus der Slowakei und Polen eingeladen worden.“

In den Zweierteams feilten, sägten, stemmten und hämmerten also insgesamt 32 Schüler. Für die Arbeit hatten sie genau neun Stunden Zeit. Řemeslo má zlaté dno - Handwerk hat goldenen Boden, so lautet auch im Tschechischen das Sprichwort. Und man spricht von den goldenen tschechischen Händen. Die Hände wollen aber nicht mehr so viel arbeiten wie früher. Nach der Wende verlor das Handwerk sein Prestige und dies spiegelt sich auch im geringen Interesse der Jugend an den Fachschulen wieder. Michal aus Pec pod Sněžkou liebt aber den Umgang mit Holz und deswegen hat er seine Ausbildung zum Zimmermann begonnen.

„Es macht mir Spaß, die Arbeit ist mir wichtig. Ich weiß aber noch nicht, ob ich auch nach der Schule bei dem Beruf bleiben werde. Ich habe Angst, dass ich keine Stelle bekomme“, so Lehrling Michal.

Doch solche Ängste seien überflüssig, erläutert Lukáš Dörr vom Berufsverband der Klempner, Zimmerleute und Dachdecker:

„Die Nachfrage nach diesen Handwerksberufen ist groß, was den Arbeitsmarkt und die Kunden angeht. Aber die Ansprüche an die Qualität steigen. Die heutige Jugend bevorzugt lieber Fächer mit Abitur und anderen Vorteilen und macht sich immer seltener die Mühe mit Händen zu arbeiten. Deswegen haben wir einen Mangel an Nachwuchs.“

In den letzten drei Jahren ist die Zahl der Berufsschüler in der Tschechischen Republik um 20 Prozent auf etwa 120.000 gesunken. Handwerker werden also immer rarer und deswegen auch immer gefragter. Kein Wunder, dass sich Berufsschüler, die zum Beispiel zum Klempner ausgebildet werden, keine Sorgen um ihre Zukunft machen müssen. Lukáš Dörr.

„Die Perspektive für die Jungs und Mädchen, die in diesem Fach ausgebildet sind, sich bemühen und das Handwerk liebhaben, ist gut. Sie werden nie Not leiden müssen. Handarbeit wird derzeit von Jahr zu Jahr besser bezahlt. Hoffentlich kommen auch die Eltern darauf und zwingen ihre Kinder nicht zu unsinnigen Fächern wie zum Beispiel Kellner. Wir haben in Tschechien viele Kellner und Automechaniker, aber Arbeit, die gibt es für sie nicht.“

Viele der angehenden Zimmerleute arbeiten sogar schon in der Berufsschule an verschiedenen Aufträgen. Wenn sie die Schule verlassen, gibt es eigentlich kein Hindernis, einen eigenen Weg zu gehen. Doch Lukáš Dörr rät etwas Anderes.

„Natürlich hat er die Möglichkeit, seine eigene Firma zu gründen. Vernünftiger finde ich es aber, als Angestellter bei einer Firma anzufangen. Denn die Ausbildung ist nur der Grundstein. Als Angestellter bekommt er die nötige Praxis. Die Ausbildung ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass er gut ist, aber erst ab fünf bis zehn Jahre Praxis werden sie zu vollwertigen Handwerkern. Jemand ist besser, jemand ist nicht so gut, jemandem geht das schneller, jemandem langsamer.“

Lukáš Dörr vom Berufsverband der Klempner, Zimmerleute und Dachdecker war beim Wettbewerb der Zimmerleute im Übrigen Mitglied der Jury, die die Ergebnisse beurteilt hat. Was waren die Kriterien, nach denen Lukáš Dörr vorgegangen ist, worauf hat er geachtet?

„Die gesamte Einstellung der Jungs zur Arbeit. Wie sie mit dem Modell umgehen. Vor allem müssen die Abmessungen stimmen, wenn dies gelingt, dann ist im Prinzip schon alles gut gelaufen. Aber wir beurteilen auch die Geschicklichkeit, die Bearbeitung von Details. Dazu kommt dann noch die Sicherheit in der Arbeit, die Ordnung am Arbeitsplatz, Schnelligkeit, Genauigkeit und das alles.“

Den Siegern winkte nicht nur die Teilnahme am Landesfinale, sondern auch Werkzeug, das die Sponsoren gestiftet hatten. Den ersten Platz belegte dann das Team aus Jaroměř, also von der ausrichtenden Berufsschule. Zweite wurden die Schüler aus dem westböhmischen Plzeň / Pilsen und Dritte ihre Kollegen aus Liberec / Reichenberg in Nordböhmen. Wichtig ist aber nicht nur der Sieg sondern auch die Teilnahme. Das bestätigt Jirka aus Chomutov / Komotau.

„Ich sammle hier einfach Erfahrungen“, so der Berufsschüler.

Fotos: Autor

28-03-2010