Verborgene Schönheiten: Hranice na Moravě

Wenn man die deutsche Übersetzung für das Wort „Hranice“ im Wörterbuch sucht, findet man zwei Begriffe: „der Holzstapel“ und „die Grenze“. Doch davon sollten wir im Fall der mittelmährischen Stadt Hranice keine Notiz nehmen. Sie liegt nämlich weit von der Staatsgrenze entfernt und auf ihrem Hauptplatz lassen sich auch keine Holzstapel finden. Was diese Stadt wirklich verbirgt, das entdeckt der folgende Beitrag von Ludek Kudlacek für Sie.

Früher wurde es gerufen, heute per Lautsprecher: „Sie sind in Hranice in Mähren ankommen.“ Diese Ansage hört man im Bahnhof in Hranice seit fast 165 Jahren bei jeder Ankunft eines Zuges.

„Im 19. Jahrhundert ist die Stadt zu einem etwas wichtigeren Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulturzentrum aufgestiegen. Bereits 1843 führte hier die Bahnlinie von Wien nach Krakau durch“,

stellt meine Stadtführerin Jana Motyková ihre Geburtsstadt vor. Die erste königliche und kaiserliche Bahnlinie von Wien in Richtung Norden bedingte eine schnelle Wirtschaftsentwicklung in Hranice. Damals wurde eine Zementfabrik gegründet, die bis heute Kalkstein aus dem nahe liegenden Steinbruch verarbeitet.

Als weiteres Unternehmen gründete Antonín Kunz 1883 eine damals weltberühmte Fabrik für die Herstellung von Wasserpumpen. Diese beiden Firmen sind seitdem das industrielle Herz der Stadt.

Doch Hranice keine reine Industriestadt. Auch einige alte Bauten stehen bis heute, wie Jana Motyková sagt:

„Die ursprünglich gotische Burg der Herren von Cimburk und später der Herren von Pernstejn wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter der Führung von Jan Kropac von Nevedomi und seiner Nachfolger als Schloss im Spätrenaissancestil mit wunderschönen Arkaden umgebaut. Anfang des 17. Jahrhunderts siedelten sich Juden in der Stadt dauerhaft an. An sie erinnern heute noch der der jüdische Friedhof und Synagoge.“

Gerade in der ehemaligen Synagoge, in der mehr als 65 Jahre das Stadtmuseum und die städtische Galerie beherbergt waren, begegne ich Jiří Nebeský – einem Experten der Stadtgeschichte von Hranice.

„Zu Anfang des 20. Jahrhunderts lag die Zahl der deutschsprachigen Einwohner zwischen 10 und 15 Prozent. Zu ihnen gehörte auch der größte Teil der hiesigen Juden. Schon seit Mitte des 17. Jahrhunderts gab es eine Synagoge in der Stadt, die angeblich klein und nur aus Holz war. Die Landesfürsten und die Stadtverwaltung verweigerten damals der jüdischen Minderheit eine neue und größere Synagoge zu bauen. Zu einer Änderung in dieser Frage kam es aber gegen Mitte des 19. Jahrhunderts; danach wurde diese schöne und ziemlich große Synagoge im maurisch-byzantinischen Stil gebaut.“

Der jüdische Friedhof in Hranice gehörte noch vor 20 Jahren zu den schönsten im Mähren. Ende der 80er Jahre entschied die kommunistische Stadtverwaltung aber, den Friedhof aufzuheben. An seinem Ort sollten neue Plattenbauten entstehen. Zum Glück kam dann der November 1989 und stoppte das Vorhaben. Einige Grabsteine und alte Bäume waren aber bereits unwiderruflich verloren.

„Der jüdische Friedhof gehört zu den wichtigsten jüdischen Friedhöfen in diesem Teil Mährens. Er beherbergt Grabsteine vom Ende des 17. Jahrhunderts. Das Problem ist, dass der Friedhof kurz vor der Revolution im Jahre 1989 barbarisch zerstört wurde. Die Stadt versuchte nachher, das frühere Aussehen wiederherzustellen. Das heutige Ergebnis kann man aber nur als Versuch bezeichnen, den verlorenen Charakter des jüdischen Friedhofes zurückzugewinnen.“

Jiří Nebeský betreibt eine Internetbibliothek mit historischen Dokumenten über die Stadt Hranice. Laut seiner Aussage ist diese historische Bibliothek nicht nur bei Experten beliebt, sondern auch bei Lehrern für die Bearbeitung von Schularbeiten über die Stadtgeschichte.

„Ich interessiere mich für diese Geschichte und finde es sehr wichtig, das Gedenken zu bewahren. Aus diesem Grund habe ich vor zwei Jahren eine virtuelle historische Bibliothek der Stadt Hranice unter der Internetadresse historie.hranet.cz gegründet. Dort habe ich historische Dokumente über Hranice und lokale historische Zeitschriften veröffentlicht. Es ist also eine historische Bibliothek, aus der sich eine Menge Informationen ziehen lassen.“

Der tschechische Verlag Paseka, der die Buchreihe „Verschwundenes Böhmen und Mähren“ herausgibt, hatte bereits vor einiger Zeit Jiří Nebeský angesprochen, ein Bilderbuch mit historischen Fotografien aus Hranice zu gestalten. Das Buch ist kurz vor Weihnachten erschienen. Es umfasst 160 historische Bilder aus Hranice und Umgebung. Einige von den Häusern sind den Plattenbauten aus den 70er und 80er Jahren zum Opfer gefallen; es war also auch für Jiří Nebeský nicht einfach, die Häuser genau zu lokalisieren.

„Eine Sache ist, eine alte Foto-Aufnahme anzuschauen und ungefähr zu bestimmen, wo sie gemacht wurde. Eine andere Sache ist jedoch, das konkrete Gebäude genau auf dem Stadtplan zu lokalisieren. Dies bringt auch neue Erkenntnisse. Ich persönlich war sehr überrascht, was alles in der Zeit meiner Kindheit in der Nähe unseres Hauses stand, ohne dass ich davon wusste.“

Aber zurück in die Synagoge. Als ich bei meinem Besuch die alte Holzstiege in der Synagoge hinab gehe, entdecke ich ganz unten einen großen Holzschrank. Nichts Besonderes – auf den ersten Blick. Aber auf einmal erblicke ich eine kleine Kurbel. Da kommt der Wächter der Synagoge und öffnet den Schrank wortlos und langsam. Und vor mir steht ein altes, aber immer noch funktionsfähiges Orchestrion.

Es gibt sicher noch viele weitere Sachen, die man in der Stadt Hranice unerwartet entdecken kann. Vielleicht sind sie noch verborgen, aber ganz sicher warten sie schon auf Sie.

Fotos: www.mesto-hranice.cz