Terra inkognita Nordböhmen - das Dreiländereck wird zur Filmkulisse

In der Kälte des Winters 2005 konnten aufmerksame Tschechen, Polen und Deutsche an verschiedenen Orten ihres Dreiländerecks ein Filmteam mit Schauspielern aus den drei Nationen bei der Arbeit beobachten. In den Straßen von Bogatynia / Reichenau, auf einem Golfplatz bei Grabstejn / Grafenstein oder im Tagebau bei Zittau. Hier entstand der Kinofilm "Schröders wunderbare Welt", der vor kurzem seine Premiere hatte und demnächst in die Kinos kommen wird. Christian Rühmkorf hat sich mit Regisseur Michael Schorr und einigen Schauspielern unterhalten.

Honza Pipal arbeitet als Koch in einer Liberecer Kneipe. Eines Tages, so erzählt er, sei ein Bekannter zu ihm gekommen und habe gesagt, er könne doch gut als Koch in einem Film mitspielen.

"Ich dachte zuerst, dass er mich veräppelt. Aber dann kam er wieder und meinte, ich solle zu einem Casting kommen. Da sollte ich ein paar Sätze vorsprechen. Dann haben sie mich wie einen Kriminellen von allen Seiten fotografiert und erstaunlicherweise haben sie mich genommen. Drei Drehtage für die Rolle eines tschechischen Kochs in einem deutschen Film."

Ähnlich überraschend, nur auf der anderen Seite der Grenze, kam das Angebot für Sabrina Strehl, Schauspielerin am Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater.

"Das war eigentlich ein ganz lustiger Zufall. Ich bin hier in Zittau am Theater engagiert. Und im letzten April wurde ich nach dem Stück Ballhaus angesprochen, ob ich mich mit dem Regisseur nicht auf einen Kaffee treffen will. Und dann haben wir uns getroffen und sie haben erzählt, dass sie einen Film machen. Ich dachte zunächst, es sei irgendein Kurzfilm, nichts besonderes. Er sollte hier in der Region spielen. Die beiden, Produzent und Regisseur, erschienen mir total nett und dann hab ich da zugesagt, ohne zu wissen, dass es eigentlich eine richtig große Geschichte ist."

Honza Pipal steuert den Wagen auf einem endlosen unbefestigten Weg durch die Nacht, tief und tiefer in den Krater des Tagebaus, im Nirgendwo zwischen Zittau und Görlitz. Zu sehen ist lange Zeit nichts. Nur die dicken Schneeflocken auf der Windschutzscheibe. Wir fragen uns bange, ob wir hier richtig sind. Doch plötzlich schimmert ein Licht in weiter Ferne auf. Wir trauen unseren Augen kaum, als wir schließlich mitten im finsteren Nichts des Tagebaus vor einer hell erleuchteten Tropic-Bar mit feinstem weißen Sand und grünen Palmen stehen. Es wimmelt von Komparsen, Kameraleuten, Toningenieuren und Beleuchtern. Wir sind am Drehort. Dies ist die Welt von Schröder. Schröders wunderbare Welt, um genau zu sein. Denn dies ist der Titel des neuen Kinofilms von Regisseur und Drehbuchautor Michael Schorr. Er erklärt, worum es geht:

"Es geht um ein Investitionsprojekt, das im Dreiländereck geplant wird - um ein großes Freizeitparadies, in dem der Assistent eines amerikanischen Investors die Deutschen, die Polen und die Tschechen zusammenbringen will, um in der Region ein ganz überdimensioniertes Projekt an den Start zu kriegen. Dabei hat er dann mit allen möglichen Widrigkeiten zu kämpfen. Grundsätzlich ist es eine große Idee, die da in so eine kleine Ecke gebracht wird."

Und so muss Assistent Schröder mit der Zeit auch erstaunt feststellen, dass offene Grenzen nicht notwendigerweise offenere Menschen schaffen. Die potentiellen Kooperationspartner aus den drei Ländern sind mit ihren eigenen Träumereien beschäftigt. Zerrieben zwischen Vereinnahmung, Kleingeist und Rivalitäten droht sein Plan der großen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit den Bach runter zu gehen. Woran auch der allgegenwärtige, in Strömen fließende regionale Kräuterschnaps nicht ganz schuldlos ist. Wie schon in seinem im Jahre 2004 mit zahlreichen Preisen international ausgezeichneten Debütspielfilm "Schultze gets the blues", so spielt auch in Schorrs neuem Film die Absurdität und Komik des Alltag die Hauptrolle.

'Schultze gets the blues''Schultze gets the blues' "Das interessiert mich eigentlich. Dieser Alltag, den man sonst selber eigentlich nicht mehr so wahrnimmt - was da für Absurditäten und komische Situationen drinstecken... So etwas zu entdecken finde ich sehr spannend."

Die Idee für den Film sei schon etwas älter und habe immer wieder einige Änderungen erfahren, erzählt Schorr. Es sei dabei aber immer schon um eine Geschichte gegangen, die an der Grenze spielt:

Und jetzt, da ich die Möglichkeit hatte den Film zu machen, war dieses Thema gerade sehr aktuell, diese ganze Grenzproblematik mit EU-Osterweiterung - aber so, dass die Grenze immer noch etwas Trennendes hat, trotz EU. Und es schien mir einfach sehr aktuell, genau in diesem Punkt der drei Länder etwas zu diesem Thema zu machen."

Der 41-jährige Regisseur stammt eigentlich aus Landau in der Pfalz und hat Philosophie, Musik sowie Film an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg studiert. Das Dreiländereck war für ihn bisher eine abgelegene, unbekannte Region:

"Ich kannte sie vorher eigentlich nicht. Wir haben zuvor sehr lange recherchiert, die Produzenten und ich, seit Oktober 2004 und haben dann diese Drehorte hier gefunden. Sie sind auch mit ins Drehbuch hineingeflossen. Für mich war das eine ganz neue Ecke und total spannend, weil das auch in Deutschland für mich eine Gegend ist, die ich überhaupt nicht kenne."

Eine terra inkognita also für den Regisseur. Und das gilt ebenso in Bezug auf die Schauspieler. Zwar sind auch deutsche Stars und Sternchen wie Jürgen Prochnow und Eva-Maria Hagen mit von der Partie, ein Großteil der Darsteller kommt allerdings aus Tschechien und Polen. Eine Herausforderung für den Mann vom Film:

"Vor der Zusammenarbeit hatte ich schon etwas Angst, weil ich weder Tschechisch noch Polnisch kann. Und ich wusste auch zum Beispiel nicht, wie das mit den Schauspielern funktionieren sollte. Aber gerade mit den Schauspielern fand ich es total gut, weil ich es auch gern hab, wenn nicht so viel und so lange diskutiert wird. Und das hatte sich darüber automatisch erledigt. Sowohl die polnischen als auch die tschechischen Schauspieler waren von meiner Warte aus richtig gut und auf die Minute am Start. Das lief total gut, viel angenehmer und besser als ich dachte. Und was ich so höre von der Organisation, sind die Leute hier alle sehr hilfsbereit. Gerade auch hier in Grabstejn, wo wir auf einem Golfplatz drehen, und bei einem Menschen in seinem Haus drehen durften. Das lief alles ohne Probleme, und die Leute haben uns wirklich die Türen geöffnet. Aber auch vom Team her war das mit den Polen und Tschechen richtig gut. Sie waren sehr professionell und haben für uns auch viel gerettet."

Auch Koch Honza Pipal ist voll des Lobes für das Filmteam und seine Kollegen aus Polen und Deutschland.

"Der Regisseur war klasse, hat uns nur gelobt. Und die polnischen Köche waren lustig, die konnten noch schlechter Deutsch als wir und die deutschen Köchinnen waren auch nett, sie haben uns immer versucht zu helfen. Es hat einfach Spaß gemacht - eine schöne Erfahrung."

Wenn auch in Schröders "wunderbarem" Dreiländereck die Seifenblasen am laufenden Band platzen - das grenzübergreifende Film-Projekt jedenfalls hat funktioniert. Ende November hatte der Film "Schröders wunderbare Welt" Weltpremiere als Eröffnungsfilm auf dem 55. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Aber - wird der Film auch in die tschechischen Kinos kommen? Dazu noch einmal der Regisseur Michael Schorr:

"Dadurch dass wir auch nicht ganz unbekannte tschechische Schauspieler mit im Film haben wie Igor Bares und Lucie Benesova, hoffe ich doch ziemlich stark, dass der Film hier in Tschechien einen Verleiher findet und ins Kino kommt. Da spekuliere ich eigentlich schon ein bisschen drauf, weil ja auch ein großer Teil des Films in Tschechisch spielt. Ich fände es total schön, wenn der Film hier laufen würde."

Das hofft auch der Liberecer Koch Honza Pipal, der noch leuchtende Augen bekommt, wenn er vom Film erzählt. Gefragt, ob er sich noch an seinen Text erinnere, schüttelt Honza den Kopf. Deutsch könne er eigentlich nicht. Von den drei Sätzen, die er zu sagen hatte, ist ihm nur noch ein Kraftausdruck aus dem Küchen-Deutsch in Erinnerung geblieben:

"'Scheiße-Kartoffeln'- daran erinnere ich mich noch sehr gut."