Ein Unternehmen mit Schliff: Carborundum Electrité

Geschichte machen nicht nur Taten von Politikern und Ideen von Künstlern, sondern auch technische Erfindungen. Ein Beispiel hierfür ist Carborundum. Das künstliche Schleifmittel aus Siliziumkarbid ist heute aus der Industrie nicht mehr wegzudenken. Erfunden wurde Carborundum vor 120 Jahren in den Vereinigten Staaten. Bald darauf gelangte es nach Europa. Im mittelböhmischen Benátky nad Jizerou / Benatek an der Iser entstanden die Internationalen Carborundum Werke. Sie waren eine Gründung der österreichischen Länderbank in Wien. Die Schleifmittelfabrik in Benátky nad Jizerou besteht bis heute. Sie heißt nun Carborundum Electrité und gehört zur Unternehmensgruppe Tyrolit. Einst wie jetzt mischt sie auf den Weltmärkten mit.

Historische Ansicht 1910 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3))Historische Ansicht 1910 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3)) Das Licht der Welt erblickte Carborundum jenseits des Ozeans. Als Erfinder gilt der amerikanische Industrielle Edward Goodrich Acheson. Acheson gründete Ende des 19. Jahrhunderts in den USA die erste Carborundum-Fabrik. 1893 führte er sein Erzeugnis auf der Weltausstellung in Chicago vor. In Europa hatte man von dem neuen Schleifmittel bereits gehört. Aus Wien reiste Arnold Weissberger von der österreichischen Länderbank nach Chicago an, begleitet von dem Prager Professor Friedrich Steiner. Ihr Ziel: Die Patentrechte auf Carborundum für Österreich-Ungarn und Russland zu erwerben. Produzieren sollte das viel versprechende Schleifmittel die Gesellschaft Internationale Carborundum Werke, deren Direktor Wilhelm Kaufmann war.

Pavel Richter (Foto: Maria Hammerich-Maier)Pavel Richter (Foto: Maria Hammerich-Maier) „Die Firma wurde 1891 ursprünglich in Wien gegründet. Wilhelm Kaufmann suchte dann einen geeigneten Standort. Das musste vor allem ein Ort sein, an dem billige Stromerzeugung möglich war. Denn bei der Herstellung dieses künstlichen Schleifmittels in elektrischen Widerstandsöfen wird viel Elektrizität verbraucht. Kaufmann entschied sich schließlich für Benátky nad Jizerou. Die Iser führt hier genug Wasser, und es gab am Ufer eine Stelle, an der ein hohes Stauwehr errichtet werden konnte.“

Firmenlogo 1936 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3))Firmenlogo 1936 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3)) Pavel Richter, der dies erzählt, ist heute der Generaldirektor der Fabrik in Benátky nad Jizerou. Als sein Vorgänger Wilhelm Kaufmann 1893 die Produktion in Benátky aufnahm, benötigten der aufstrebende Fahrzeugbau und die Bauwirtschaft das Schleifmittel. Die Länderbank versprach sich hohe Erträge. Die Qualität des Carborundums aus Benátky ließ allerdings zunächst zu wünschen übrig. Acheson schickte seinen Assistenten aus den USA nach Benátky, um zu helfen. Ein Großauftrag aus Budapest sicherte schließlich den Fortbestand des Unternehmens. Ein Jahr nach der Gründung beschäftigten die Carborundum Werke immerhin 56 Mitarbeiter. Kaufmann erweiterte das Sortiment um ein zweites Schleifmittel namens Electrité. Pavel Richter:

„Die Bezeichnung Electrité ist vom Herstellungsverfahren abgeleitet. Bei Electrité handelt es sich um künstlichen Korund. Gewonnen wird er aus reinem Aluminiumoxid, das elektrisch leitfähig ist. Dieser leitfähige Werkstoff wird im elektromagnetischen Feld eines Induktionsofens erhitzt und geschmolzen. Daher nennt man dieses Material Electrité.“

Historische Ansicht (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3))Historische Ansicht (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3)) So kommt es zu dem ungewöhnlichen Firmennamen Carborundum Electrité, den die Fabrik heute trägt. Das Werk in Benátky stellt zig Tausende Artikel für Industrie und Handwerk her. Neben Schleifscheiben, Schleifpapier, Schleifleinen, Trennscheiben und anderen Schneidewerkzeugen verschiedensten Zuschnitts liefert sie zum Beispiel auch Wetzsteine für Sensen.

Während des Ersten Weltkriegs wurde Carborundum Electrité für die Kriegswirtschaft eingespannt. Die Fabrik beteiligte sich an der Herstellung von Schrapnellen, also mit Bleikugeln gefüllten Artilleriegeschossen. Nach dem Ende der Habsburgermonarchie und Wilhelm Kaufmanns Tod wurde der Firmensitz von Wien nach Benátky verlegt. Eine neu hinzugekommene Zweigstelle in Dresden eigneten sich die Nazis nach ihrer Machtergreifung an. In der kommunistischen Zeit blieb Carborundum Electrité als einer von wenigen Spielern der Branche erhalten und versorgte ganz Osteuropa mit Schleifmitteln.

Historische Ansicht 1905 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3))Historische Ansicht 1905 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3)) „1949 wurde das Unternehmen verstaatlicht, und das Werk in Benátky wurde mit mehreren anderen Betrieben zusammengeschlossen. Carborundum Electrité hatte eine Markt beherrschende Stellung im gesamten osteuropäischen Wirtschaftsraum inne. Das Unternehmen war der größte Lieferant von Schleifmitteln und Schneidewerkzeugen in Osteuropa“,

berichtet Pavel Richter. Der Zusammenbruch der Ostmärkte nach dem Wendejahr 1989 stürzte das Unternehmen in Turbulenzen. Carborundum Electrité wechselte mehrmals den Besitzer. Die Produktion wurde gedrosselt, und die Belegschaft schrumpfte allmählich von rund 2000 auf weniger als 300 Mitarbeiter zusammen. Einige Jahre lang schwebte der größte tschechische Schleifmittelhersteller am Rand des Ruins.

Historische Ansicht 1924 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3))Historische Ansicht 1924 (Foto: Fotoarchiv Benátecka (Nr. 3)) Erst in diesem Jahrzehnt fand die Firma Carborundum Electrité wieder ihren Platz im gewandelten Gefüge der Weltwirtschaft. Ein neues Kapitel der Firmengeschichte wurde aufgeschlagen, und es begann unter bemerkenswerten Umständen. 2004 kam die Fabrik in Benátky unter das Dach der multinationalen Tyrolit Gruppe. Der Ursprung dieser Tiroler Unternehmensgruppe aber liegt im nordböhmischen Isergebirge, nur einen Steinwurf weit von Benátky entfernt.

Die Geschichte war nämlich die. Ungefähr um dieselbe Zeit, als es Wilhelm Kaufmann mit seiner Carborundum-Fabrik nach Benátky verschlug, brach ein anderer Jungunternehmer vom Isergebirge ins Alpenland auf. Der Name dieses Jungunternehmers war Daniel Swarovski. Ihn beschäftigte dasselbe Problem wie Wilhelm Kaufmann: die Technik des Schleifens.

Daniel Swarowski (hinten rechts) mit Familie (Foto: Archiv des Glasmuseums Jablonec nad Nisou)Daniel Swarowski (hinten rechts) mit Familie (Foto: Archiv des Glasmuseums Jablonec nad Nisou) Daniel Swarovski wurde 1862 im Isergebirgsdorf Jiřetín geboren, das damals Georgenthal hieß. Die Swarovskis waren wie die meisten Bewohner des Isergebirges Glasmacher. Schmucksteine und andere Glasware fertigte man damals im Isergebirge noch händisch in Verlagsarbeit an. Das sei aber immer weniger lukrativ geworden, erzählt Petr Nový vom Museum für Glas und Bijouterie in Jablonec / Gablonz.

„Glasschmuck stellte man damals im Isergebirge nicht mehr am billigsten her. Die am meisten verkauften Steine kamen aus Frankreich. Daher verfiel Swarovski auf den Gedanken, eine Glasschleifmaschine zu konstruieren.“

Swarovski ging auf Lehr- und Wanderjahre ins Ausland. In Wien lernte er den Elektromotor kennen. Wieder zu Hause, tüftelte er einen elektrisch angetriebenen Apparat zum Schleifen von Schmucksteinen aus Kristallglas aus. Dieser habe gut funktioniert, erzählt Petr Nový, doch es habe Gefahr gelauert:

Werbeplakat (Foto: Carborundum Electrité)Werbeplakat (Foto: Carborundum Electrité) „Wie das im Isergebirge schon so war – Nachrichten gingen wie ein Lauffeuer von Dorf zu Dorf, und die Leute schauten einer dem andern zum Fenster hinein. Daniel Swarovski fürchtete, dass ihm jemand seine Erfindung abkupfern könnte und sie nicht mehr sein exklusives Eigentum wäre.“

Außerdem bedurfte es zum Antrieb der Schleifmaschine eines Wasserkraftwerks an einem größeren Fluss. Swarovski ging also auf Standortsuche. Ihn leitete dasselbe Motiv wie Wilhelm Kaufmann, aber er ging nach Süden. 1895 ließ sich Swarovski mit seinen Geschäftspartnern im Tiroler Wattens nieder. Hier bauten sie eine Fabrik für Schmucksteine aus Kristallglas auf. Damit war der unternehmerische Elan aber noch erschöpft. Um unabhängig produzieren zu können, gründete Swarovski 1919 eine weitere Fabrik. Sie stellte die Schleifwerkzeuge für die Kristallproduktion her und hieß - Tyrolit.

Produkte (Foto: www.carborundum.cz)Produkte (Foto: www.carborundum.cz) Heute ist die Firma Swarovski eine weltweit tätige Unternehmensgruppe. Gewöhnlich denkt man bei dem Namen Swarovski zunächst an Bijouterie. Weitaus mehr aber setzt die Gruppe mit den Schleifmitteln und Schleifwerkzeugen ihrer Tyrolit Gruppe um. Seit 2004 glänzen nun die geschwungenen blassblauen Lettern von Tyrolit auch an den Fabrikgemäuern in Benátky nad Jizerou. Die Wirtschaftskrise ist an Benátky nicht spurlos vorüber gegangen. Dennoch sehe man die jüngste Entwicklung positiv, bestätigt Generaldirektor Pavel Richter:

„Seit der Übernahme geht es mit unserer Fabrik wieder aufwärts. Die Firma Carborundum Electrité wurde in das System der Produktionsbetriebe von Tyrolit eingegliedert und gänzlich neu organisiert. Die alten, nicht mehr zeitgemäßen Gebäude wurden abgerissen und die neueren renoviert. Und wir fertigen neue Produkte, wie die so genannten ‚Flaps’, das sind Lamellenschleifscheiben zum Bearbeiten von Metall, Holz und ähnlichen Stoffen.“

Carborundum Electrité heute (Foto: Carborundum Electrité)Carborundum Electrité heute (Foto: Carborundum Electrité) Auf dem Fabrikgelände steht nun ein Solarkraftwerk, das ein Fünftel des Strombedarf von Carborundum Electrité mit umweltfreundlicher Sonnenenergie deckt. Neuerungen gab es auch beim Vertrieb. In Benátky wurde die Vertriebsgesellschaft Tyrolit Central Eastern Europe etabliert.

Beide Unternehmen, Carborundum Electrité und Tyrolit, gehören zu den ältesten auf dem Gebiet der modernen Schleiftechnik. Beide brachten diese auf ihre Art voran und ragten auf den Weltmärkten hervor. Wäre Wirtschafts-geschichte nicht ein gänzlich unsentimentales Feld, man könnte ins Schwärmen geraten und behaupten, dass mit der Übernahme zueinander gefunden habe, was zusammen gehört.