Edles Glas aus dem Böhmerwald: die Geschichte der Firma Lötz

Die böhmische Glasindustrie gehörte immer zur Weltspitze. Ihre Erzeugnisse haben zahlreiche Auszeichnungen gewonnen und sind in vielen Ländern gefragt. Aus Böhmen stammte übrigens auch der Gründer der heute weltberühmten Firma Swarowski. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eroberte jedoch eine andere böhmische Glasfabrik den Weltmarkt: das Unternehmen Lötz aus dem Böhmerwald. Obwohl die Firma nach dem Zweiten Weltkrieg untergegangen ist, werden ihre Produkte bis heute von Kennern geschätzt.

Glashütte in Klostermühle / Klášterský MlýnGlashütte in Klostermühle / Klášterský Mlýn Die Glasfabrik Lötz befand sich in der Ortschaft Klostermühle, unweit von Kašperské Hory / Bergreichenstein, im Böhmerwald. Sie wurde in den 30er Jahren des 19. Jahrhundert von Johann Eisner von Eisenstein gegründet. Zu dieser Zeit entstanden viele Glashütten im Böhmerwald und diese unterschied sich zunächst nicht von ihnen. Die Wende kam im Jahre 1879, als Max von Spaun die Fabrik von seiner Großmutter Susanne Lötz erbte. Spaun war sehr kunstbegabt und entschied sich, die Produktion in der Glasfabrik auf ein höheres Niveau zu bringen. Vladimír Horpeniak vom Böhmerwaldmuseum in Kašperské Hory:

„Er orientierte sich nicht mehr an der allgemeinen Nachfrage, sondern an Sammlern und gut situierten Kunden. Das war sicher eine riskante Entscheidung, aber sie lohnte sich. Max von Spaun war vom Jugendstil begeistert und zählte viele Künstler zu seinen Freunden. Es gelang ihm, einige von ihnen in nach Klostermühle einzuladen. Dort setzten die Glasmacher die Vorschläge und Ideen der Künstler um.“

Mitarbeiter der Glasfabrik LötzMitarbeiter der Glasfabrik Lötz Es waren vor allem Jugendstil-Vasen, die der Glasfabrik Lötz großen Erfolg brachten. Die Firma gewann zum Beispiel die Hauptpreise bei den Weltausstellungen in Paris, Chicago oder St. Louis und zählte somit zu den besten Glasherstellern in der Donau-Monarchie. Ihre Spezialität war die so genannte Irisierung. Das ist die Beschichtung des Glases durch Metalloxide bei hohen Temperaturen. Dank dieser Methode bekam das Glas eine Regenbogenschattierung. Vladimír Horpeniak:

„Nach dem Tod von Max Spaun im Jahr 1906 erbte die Fabrik sein gleichnamiger Sohn. Dieser hatte jedoch andere Interessen und um die Glasfabrik kümmerte er sich nicht sonderlich. Glücklicherweise blieb der engste Mitarbeiter Spauns weiterhin Fabrikdirektor: Eduard Prochaska. Er arbeitete nach dem Vorbild des vorigen Eigentümers mit erstklassigen Gestaltern zusammen und konnte die Qualität der Produktion noch eine gewisse Zeit lang erhalten. In der Zwischenkriegszeit geriet jedoch die Glashütte in große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Sie stand mehrmals vor dem Bankrott, über die Schulden wurde vor Gericht gestritten, die Eigentümer wechselten. Eine große Rolle spielte dabei sicher auch die Weltwirtschaftskrise, aber die Leichtsinnigkeit von Max Spaun junior war nicht zu übersehen. Während der gesamten 20er und 30er Jahre war die Lage der Firma sehr schwierig.“

Dann kam der Zweite Weltkrieg und die Nachfrage nach Glas sank beinahe auf Null. 1944 war der Bankrott nicht mehr abzuwenden. Zwar wurde die Produktion bei Lötz nach dem Krieg wieder aufgenommen, doch der letzte Schlag war dann die Vertreibung der Deutschen, die im Böhmerwald die große Mehrheit der Bevölkerung bildeten. Es gab zu der Zeit auch Versuche, tschechische Glasmacher aus Nordböhmen dorthin zu bringen und die Produktion wieder aufzubauen, doch dies misslang und die Glashütte wurde 1947 endgültig aufgelöst.

Die Zeit der Prosperität dauerte also in Klostermühle nicht lang. Trotzdem hat der Name Lötz von seinem Glanz in der Welt nicht verloren. Als große Sensation galt beispielsweise beim Gemeindeamt in Kašperské Hory, als 1958 eine Bestellung von irisiertem Glas aus dem Iran eintrudelte. Selbst in diese Gegend der Welt war der Ruf durchgedrungen. Doch der Auftrag kam viel zu spät - elf Jahre nach dem Untergang der Glashütte. Vladimir Horpeniak erwähnt noch ein anderes Ereignis:

„Ich erinnere mich noch daran, dass die Gebäude der Glashütte hier bis zum Anfang der 70er Jahre standen. Sie waren damals Eigentum der hiesigen Forstbetriebe. Eines Tages meldete sich ein bayerischer Unternehmer und wollte alles kaufen, was von der Hütte noch erhalten geblieben war. Man wurde sich handelseinig und der Mann ließ die alten Maschinen, die komplette Ausstattung und die Bauten zerlegen und nach Deutschland transportieren. Danach wurde die Glashütte wieder zusammengesetzt und heute ist sie Teil des Freilichtmuseums in Tittling. Dort kann man sie also in vollem Schmuck bewundern.“

Nach dem Untergang der Firma Lötz ging das Archiv des Unternehmens an das Museum in Kašperské Hory. Zum Archiv gehörten auch etwa 90.000 Muster für die Produktion, also der Papiervorlagen zur Herstellung der Formen und weiteren Bearbeitung des Glases. In den letzten Jahren wurden diese Musterschnitte digitalisiert und dem Glasstudienzentrum in Kašperské Hory zur Nutzung bereitgestellt. Alle diese Musterschnitte werden auch in einer Publikation vorgestellt und sind mit Kommentaren von Historikern und Archivaren versehen.

In Klostermühle ist jedoch noch eine andere Sehenswürdigkeit erhalten geblieben, die mit der Firma Lötz in Verbindung steht: die Villa des erfolgreichen Eigentümers Max von Spaun. An ihre Geschichte erinnert leider keine Gedenktafel, aber auch ein unkundiger Tourist wird dieses an diesem Platz ungewöhnliche Haus mit großem Garten nicht übersehen können.

„Die Villa entstand 1903 durch den Umbau eines alten Hauses nach den Plänen des Wiener Architekten Leopold Bauer, der mit Max Spaun befreundet war und eine gewisse Zeit auch hier in Klostermühle lebte. Er benützte für die Verzierung des Hauses auch Gläser aus der Produktion von Lötz. Wer genau hinschaut, entdeckt an der Fassade kleine Tafeln aus irisiertem Glas in grüner und blauer Farbe. Neben dem Haupteingang ist ein Bild von einem Springbrunnen mit Pfauen und Schmetterlingen zu sehen – alles natürlich aus Irisglas, das in Klostermühle hergestellt wurde“, so Horpeniak.

Produkte aus der Glasfabrik Lötz haben heute vor allem noch private Sammler, die über die ganze Welt verstreut leben. Falls eines der Stücke bei einer Auktion erscheint, wechselt es in der Regel zu hohen Preisen seinen Besitzer. Dies können zum Beispiel mehrere Zehntausend Euro für eine Jugendstilvase sein. Dem Museum in Kašperské Hory ist es gelungen, einige der Stücke davon für eine Ausstellung in den Böhmerwald zurückzubringen. Die Ausstellung zeigt darüber hinaus Musterschnitte aus den Jahren 1900 bis 1914, die die Entwicklung des böhmischen und europäischen Glases dokumentieren. Bis Ende Oktober gibt es noch die Gelegenheit, diese einzigartigen Kunstwerke der Region dort zu bewundern.