Die Weihnachtskrippen von Krystofovo Udoli / Christophsgrund

Ebenso wie der Tannenbaum, so sind auch sie nicht wegzudenken, wenn es weihnachtet und sich die Menschen in allen Ecken der Welt auf das große Fest vorbereiten. Es sind zumeist liebevoll gestaltete Inszenierungen der ersten Minuten und Stunden im Leben des Christkindes in einem Stall zu Bethlehem. Von dieser ungewöhnlichen Ankunft des Herrn erzählen die Weihnachtskrippen. Christian Rühmkorf hat sich für Sie auf den Weg gemacht in das Dorf Krystofovo Udoli / Christophsgrund in Nordböhmen, wo es Weihnachtskrippen ganz besonderer Art gibt.

Die schmale Asphaltstraße schlängelt sich schon eine ganze Weile an der Neiße entlang und überwindet die nordwestlichen Ausläufer des Liberecer Hausberges Jested / Jeschken. Doch plötzlich taucht das Ortsschild auf: krystofovo Udoli / Christophsgrund, ein langgezogenes Straßendorf mit den für Nordböhmen so typischen alten Holzhäusern und -häuschen. Auf dem kleinen Parkplatz in der Mitte des Dorfes empfangen den Besucher Josef, Maria und das Christkind in Lebensgröße. Freilich aus Holz. Schöpfer dieser 16 Meter großen Krippe ist der tschechische Künstler Jozef Jira. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite befindet sich ein altes Schulgebäude mit der Aufschrift "Gastwirtschaft Zum Christophorus".

Eine knarrende Holztreppe führt hinauf in das obere Stockwerk, wo sich zwei ehemalige Klassenzimmer befinden, die heute das Krippenmuseum von Krystofovo Udoli beherbergen. Schon der erste Blick hinein lässt es warm um´s Herz werden - hier weihnachtet es. Mehr als zwanzig Krippen sind hier aufgestellt - große, kleine, statische oder mechanische, aus Papier, Pappmasche, Holz oder Zinn. Manche ähneln Landschaften von Modelleisenbahnen und füllen den halben Raum aus, andere sind gestaltet wie kleine Guckkästen, die einen fast intimen Blick mitten in das Geschehen der Heiligen Nacht gewähren.

Viele der Krippen, vor allem die großen, stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als sich in Christophsgrund über 96 Prozent der Bevölkerung zur deutschen Nationalität bekannten. Im 19. bis ins beginnende 20. Jahrhundert hinein fertigte man in Krystofovo Udoli noch Krippen im so genannten Tiroler Stil an - Berglandschaften mit Almen, Kühen und Waldarbeitern. Das änderte sich 1928. Warum, das erzählt Martin Chaloupka, der dem hiesigen Krippenverein vorsteht und seit vielen Jahren die Krippen restauriert und instand hält:

"Im Jahre 1928 begab sich der Bauer Müller, einer der größten und rührigsten Bauern im Dorfe, mit dem Tischler Franz Pohl auf den Weg ins Nachbardorf Mimon / Niemes, wo ebenso Krippenbauer lebten. Müller und Pohl kehrten begeistert nach Christophsgrund zurück, weil sie dort gesehen hatten, dass man Krippen auch anders bauen kann als nach Tiroler Vorbild: nämlich im architektonischen Stil Jerusalems und Bethlehems. Deshalb besorgten sie sich sofort nach ihrer Rückkehr ein Buch über die ewige Stadt Jerusalem und nach Maßgabe der Fotografien machten sich beide sofort daran, so genannte orientalische Krippen zu fertigen. Gleichzeitig bestellten sie Holzfiguren bei einem hervorragenden Schnitzer aus Rumburg. Leider ist von diesen herrlichen ca. 20 cm großen, beweglichen Figuren keine mehr erhalten. Sie sind im Laufe der Zeit alle geklaut worden."

Wenn Bauer Müller Zeit hatte, wurde er regelrecht zum Stadtführer durch seine Krippenmetropolen:

"Die Führungen bei Müller waren einzigartig: Wann immer ein Besucher vorbeischaute, griff er als ordentlicher Bauer zum Besen, den er als Zeigestock verwendete, betrat den kleinen Gang, der in die 35 qm große Krippe hineinführte, zeigte auf ein Gebäude und sagte: Hier sehen sie die orthodoxe Kirche, hier den Tempel usw. Das Wissen hatte er aus seinem Jerusalembuch. Und so arbeitete er sich vor bis zur Heiligen Familie und machte auf diese Weise mit seinen Besuchern einen Spaziergang durch Jerusalem."

Nahezu jedes Haus im Dorf hatte eine Krippe hinter dem Fenster. Was die große Krippe von Herrn Müller betrifft, so nahm sie den größten Raum seines Hauses ein. Dort konnte man sie dann besichtigen. Weitere Krippen fanden sich zumeist in den Kneipen, wo ihnen auch ein guter Teil des Saales gewidmet wurde - ein Publikumsmagnet für Dorfbewohner und Ausflügler, wie Martin Chaloupka erzählt:

"Die Alten erzählen, dass, wenn die Adventssonntage so richtig geglückt waren, Schnee gefallen und schönes Wetter war, dann hörte man am späteren Abend das Geklirr der Pferdegeschirre. Denn dann kamen die Leute aus Zittau, aus Mnichovo Hradiste / Münchengrätz oder auch aus Turnov / Turnau hierher. Das waren natürlich recht "anstrengende" Ausflüge für alle, denn die Bauern und die Kutscher mussten in jeder Kneipe die Qualität des Punsches und des Rums prüfen und bis sie alle Krippen eingehend betrachtet hatten, hatte man einen herrlichen ganztägigen Ausflug hinter sich gebracht. Und das Dorf lebte in dieser Zeit natürlich auf - auch finanziell."

Der Zweite Weltkrieg, die Vertreibung der deutschen Bevölkerung und in ihrem Gefolge die Plünderungen brachten eine Zäsur in der Krippentradition dieses Dorfes mit sich. Die alte Frau Antosova, die in Christophsgrund geboren wurde und noch die Krippenkünstler persönlich gekannt hat, ist im September dieses Jahres verstorben ist. Sie hatte die riesigen alten Krippen vor Krieg und Kommunismus in Sicherheit gebracht - so gut es eben ging. Sie lagerten jahrzehntelang auf dem Dachboden der Schule und des Gemeindeamtes versteckt, wo es jedoch hineinregnete. Im Laufe der Zeit sind viele Teile verschwunden, geklaut oder zerstört worden. Die Geschichten, welche sich aus verschiedenen Zeiten um die Krippen ranken, hat Frau Antosova an Martin Chaloupka weitergegeben. Auch die weniger erfreulichen:

"Von der orientalischen Krippe des Bauern Müller, die vor dem Krieg noch 35 Quadratmeter maß, ist nur ein Drittel erhalten geblieben. Leider ist von dieser Krippe das größte Gebäude nicht erhalten geblieben. Nach meinen Informationen hat ein "svazak", ein Mitglied des sozialistischen Jugendverbandes, es als Kaninchenstall missbraucht. Einen Winter hat es draußen auf dem Hof durchgehalten und dann war es unbrauchbar und wurde verbrannt. Einige Figuren der orientalischen Krippe von Franz Pohl haben sich zum Glück wieder aufgefunden und sie zeigen, welch einzigartige Schnitzarbeit die mechanischen Figuren darstellten. Figuren in dynamischer Haltung, die alle in Aktion waren. Menschen, Tiere, alles bewegte sich."

Die ausgefeilten Mechaniken der wenigen noch geretteten Figuren und Gebäude waren leider nicht mehr im ursprünglichen Zustand erhalten, wie Martin Chaloupka erzählt:

"Deshalb musste ich die Krippen zunächst statisch aufbauen. Aber jetzt bin ich schon einige Jahre dabei, die Mechanik jeder Figur mit einem kleinen Motor auszustatten und das ganze wieder langsam in Bewegung zu bringen."

Eine weitere Besonderheit im Museum stellt die so genannte Cikorka-Krippe aus der Zeit der ersten Tschechoslowakischen Republik dar. Martin Chaloupka berichtet, was es damit auf sich hat:

"Cikorka war ein Ersatzkaffee. Wenn einem Kolonialwarenhändler zur Zeit der Ersten Republik dieser Ersatzkaffee geliefert wurde, fand er in der Kiste obenauf einen großen farbigen Bogen - eine Papier-Krippe mit Figuren zum Ausschneiden. Und wenn er neue Kunden gewinnen wollte, so verschenkte er sie zu Werbezwecken."

Ein alter Weihnachtsbaum mit einer Spieluhr im blechernen Standfuß steht zwischen den großen Krippen, umringt von Weihnachtsschmuck, Tannenbaumständern und Kinderspielzeug längst vergangener Zeiten. Das ist der zarte Anfang eines Weihnachtsmuseums, das Martin Chaloupka in den nächsten Jahren auf dem Dachboden der alten Schule einrichten will. Dort, wo die alten Krippen eine Ewigkeit lagerten und glücklicherweise wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht sind.

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