Bücher frei Haus – der Bringdienst der Stadtbibliothek Náchod

09-05-2010

Bücher sind für viele Menschen treue Begleiter. Doch alte Leute können irgendwann Probleme bekommen mit dem Gang in die Bücherei. Die Stadtbibliothek im ostböhmischen Náchod bietet daher einen besonderen Service: die Bestellung der Lektüre per Telefon. Seit einem halben Jahr ist das möglich.

Anfang jedes Monats klingelt es derzeit regelmäßig bei 15 Bewohnern von Náchod an der Haustür. Dort steht dann aber nicht der Postbote, sondern eine Bibliothekarin. Denn die städtische Bibliothek liefert ihren Leserinnen und Lesern Bücher bis nach Hause. Über den Dienst freuen sich besonders ältere Leserinnen und Leser, die das Gehen zu sehr anstrengt. Vor allem, wenn man eigentlich eine ganze Tasche voller Bücher aus der Bibliothek nach Hause tragen müsste.

Foto: www.mknachod.czFoto: www.mknachod.cz „Zwölf Bücher lese ich im Monat. Und dazu bekomme ich täglich eine Tageszeitung und noch eine Sportzeitung sowie Zeitschriften“, so Helena Šidláková.

Mit 92 Jahren ist Helena Šidláková die älteste Leserin der Bibliothek in Náchod. Bücher sind ihr großes Hobby. Sie sagt:

„Ich habe dann keine Zeit über Dummheiten und Krankheiten nachzudenken. Ich lese Bücher oder sehe fern. Vor allem Fußball und Leichtathletik machen mir Spaß. Als ich jung war, habe ich Tischtennis, Volleyball und Handball gespielt. Vor allem habe ich aber Leichtathletik gemacht. Ich habe damals für die Stadt Náchod an Wettkämpfen teilgenommen.“

Helena Šidláková ist früher natürlich selbst in die Stadtbibliothek gegangen. Dann wurden die Wege immer beschwerlicher, bis sie jemanden bitten musste, die Bücher zu holen. Mittlerweile genügt der Griff zum Hörer.

www.mknachod.czwww.mknachod.cz „Wenn ich mir Bücher ausleihen will, rufe ich die Bibliothek an. Ich höre schlecht. Und wenn jemand antwortet, ist das kaum zu hören. Ich frage dann: Ist das die Bibliothek? Und sie antworten: ´Ja, Frau Šidláková.´ Ich brauche meinen Namen überhaupt nicht zu sagen.“

Die Bibliothekarinnen liefern die Bücher einmal pro Monat. Im Auto bringen sie neue Bücher und nehmen bereits gelesene wieder mit. Náchod ist allerdings nicht Vorreiter in Tschechien, wie Ivana Votavová, die Leiterin der Stadtbibliothek, erläutert:

„Wir haben uns inspirieren lassen. In mehreren Bibliotheken in der Tschechischen Republik wird das so gehandhabt. Ich habe mich konkret in Dvůr Králové nad Labem inspirieren lassen, wo eine meiner Freundinnen Direktorin ist. Dort wurde ein halbes Jahr vor uns angefangen. Wir liefern die Bücher seit Oktober 2009. Wir haben während der Woche der Bibliotheken mit drei Lesern angefangen. Jetzt im April waren es schon 15 Leser.“

Die Bücher werden regelmäßigen Lesern gebracht. Viele von ihnen kennen die Bibliothek noch aus der Zeit, bevor die heutigen Bibliothekarinnen geboren wurden. Zum Beispiel Libuše Krištofová.

„Um ehrlich zu sein, habe ich seit dem Jahr 1940 einen Mitgliedsausweis. Damals habe ich einen Mann aus Náchod geheiratet. Wir sind viel gereist, aber ich war seitdem durchgehend Mitglied der Bibliothek.“

Wie alle, hat auch Libuše Krištofová so ihre Vorlieben beim Lesen.

„Ich bin sehr wählerisch beim lesen. Die Bibliothekarin gibt mir immer das Neueste, das die Bibliothek bekommt. Ich lese höchstens zwei oder drei Bücher pro Monat, manchmal auch nur eines. Heute lese ich auch faktografische Literatur, die Klassiker und mal etwas Historisches. Es gibt mehrere Bereiche, die mich interessieren. Beim Letzten mal habe ich ´Das unbekannte Kasachstan´ gelesen und ´In Sibirien´. Meine Mutter war nämlich Russin, sogar aus Sibirien. Von den Klassikern mag ich am liebsten Dickens.“

Welche Bücher wem gefallen könnten, das müssen die Bibliothekarinnen gut abschätzen können. Nur so bringt der Lieferdienst, was die Leser wirklich interessiert. Bibliotheksleiterin Votavová.

„Diese Kunden können nicht vor Ort einen Titel auswählen. Das wäre technisch kaum machbar. Die Auswahl der Bücher liegt bei unserer Bibliothekarin Irena Macurová, die die meisten Leser kennt und weiß, welche Literatur sie anspricht. Anhand des Leserprofils stellt sie die Bücher zusammen. Natürlich ist es auch möglich, dass diese Kunden ein konkretes Buch bestellen. Aber eine Liste mit Bücherwünschen können wir schwerlich erfüllen. Gerade von neuen Büchern haben wir oft nur ein Exemplar. Dann kann es sein, dass auf ein Buch zwei Monate gewartet werden muss.“

Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet die Bibliothekarin Irena Macurová bereits in der Bibliothek in Náchod. Sie organisiert auch verschiedene Veranstaltungen für die Leser.

Stadt Náchod (Foto: Michal Nadolski, www.wikimedia.org)Stadt Náchod (Foto: Michal Nadolski, www.wikimedia.org) Das Liefern der Bücher, ebenso wie die Veranstaltungen, ist im Übrigen in der Jahresgebühr inbegriffen. Keine Zusatzkosten also. Die Gebühr liegt für Senioren bei 70 Kronen, also umgerechnet bei weniger als drei Euro pro Jahr. Die Bibliothek wird von der Stadt finanziert. Bibliotheksleiterin Ivana Votavová.

„Die Kosten sind minimal. Wir befördern die Bücher nur auf dem Gebiet der Stadt Náchod. Das ist mit dem Auto eine Fahrt von drei bis fünf Kilometern. Natürlich braucht es eine gewisse Zeit. Aber wir wollen nicht nur Dienste für alle, für die Masse anbieten. Ich denke, dass Bibliotheken auch auf konkrete Menschen und ihre Bedürfnisse eingehen sollten.“

Derzeit sind es vor allem ältere Leute, die den Lieferservice nutzen. Prinzipiell steht er aber allen offen, genauso auch Lesern mit Behinderungen oder kranken Lesern. Die Idee breitet sich derweil in Tschechien und in der Region weiter aus. Mittlerweile will auch die Bibliothek in Litomyšl den Bringdienst einführen.

09-05-2010