Zwischen Gegenwartsliteratur und nationalen Mythen

24-04-2019

Veronika Šiška wurde 1976 in Prag geboren und ist ab 1984 zweisprachig in München aufgewachsen. Dort lebt sie auch heute noch und arbeitet als freiberufliche Lektorin und Übersetzerin. Ins Deutsche hat sie Texte unter anderem von Michal Ajvaz, Bianca Bellová und Iva Pekárková übertragen.

Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková)Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková)

Veronika Siska (Foto: Archiv der Universität Regensburg)Veronika Siska (Foto: Archiv der Universität Regensburg) Frau Šiška, für die Leipziger Buchmesse haben Sie das Buch „Die Rückkehr des alten Waran“ von Michal Ajvaz übersetzt. Wurden Sie angesprochen, es zu übersetzen oder wie ist Ihre Beziehung zum tschechischen Autor Michal Ajvaz?

„Ich wurde angesprochen. Davor habe ich schon circa zwei Jahre lang versucht, ein Buch von Michal Ajvaz an einen deutschen Verlag zu bringen. Und habe mit etwa 20 Verlagslektoren und verschiedenen Literaturzeitschriften gesprochen. Mit den Verlagen hat das zunächst nicht geklappt, mit den Zeitschriften schon. Da ist es mir gelungen, einige Texte unterzubringen. Daraufhin hat sich der tschechische Verlag Větrné mlýny bei mir gemeldet. Ich wurde angefragt, ob ich den Erzählband übersetzen möchte. Das Buch ist dort jetzt als Teil einer zehnbändigen Edition ‚Tschechische Auslese‘ erschienen.“

Wie sind Sie auf die Prosa von Michal Ajvaz gestoßen?

Foto: Verlag Větrné mlýnyFoto: Verlag Větrné mlýny „Seine Texte sind mir eigentlich schon sehr lange bekannt. Ich habe ja tschechische Literatur studiert. Damals habe ich mich aber noch nicht für Literaturübersetzung interessiert. Deswegen habe ich auch nicht darauf geachtet, ob es die Texte auf Deutsch gibt. Später dann war ich aber doch sehr überrascht. Ich dachte mir: ‚Das kann nicht sein. Das sind so starke Texte. Wie kann es sein, dass sie noch nicht übersetzt sind?‘. Ich habe viel recherchiert und kein übersetztes Buch von Michal Ajvaz gefunden. Es gibt Auszüge in Zeitschriften, die immer mal wieder herausgekommen sind, aber kein komplettes Werk. Ich habe dann Dana Blatná, die Literaturagentin von Michal Ajvaz, angesprochen. Die hat mir bestätigt, dass es tatsächlich keine Übersetzungen gibt. Keiner verstünde das, es sei wie verhext.“

Worin sehen Sie die Stärke seiner Texte?

„Sie verändern einem das Leben. Als Übersetzer befasst man sich natürlich intensiv damit. Man denkt über jedes Wort, Komma, Gedankenstrich oder Punkt nicht nur zweimal, sondern vielleicht fünfmal nach. Da ist man mehr im Text drin, als ein normaler Leser. Aber ich kann einerseits nicht mehr an halb geöffneten Türen vorbeigehen, ohne dass mir eine Textstelle einfällt und ohne, dass ich denke ‚Wer weiß, was für eine andere Welt sich dahinter verbirgt‘. Oder wenn ich Schneegestöber sehe, versetzt es mich sofort in ein Antiquariat in Prag. Andererseits sind immer mal wieder Lebensweisheiten eingestreut, Sätze, die für einen neu sind – als Satz, Aphorismus oder eben Lebensweisheit. Sätze, die den Nagel auf den Kopf treffen, sodass man sich denkt ‚Das ist wahr. Das stimmt. Das habe ich auch schon so erlebt.‘“

Illustrationsfoto: Pixabay, Public DomainIllustrationsfoto: Pixabay, Public Domain Sie haben tschechische Literatur und Bohemistik studiert. Wie sind Sie dazu gekommen?

„Ich habe in München im Hauptfach Germanistik studiert. Das stand für mich schon als 16-Jährige fest. In München studiert man zu einem Hauptfach außerdem noch zwei Nebenfächer. Die sollten damals etwas mit Literatur zu tun haben. Und da ich in Prag geboren worden bin, dachte ich mir, es könnte interessant sein, mehr über das Land zu erfahren, in dem ich zwar geboren worden, aber nicht aufgewachsen bin. Im Verlauf des Studiums hat sich mein Interesse auch immer mehr in Richtung der tschechischen Literatur verlagert. Das lag vielleicht auch daran, dass es in München 6000 Germanisten gibt und daher alles eher anonym ist. Viele meiner Kommilitonen schienen auch recht uninteressiert. Die Slawistik hingegen war viel kleiner. Ich habe mich in der Bohemistik irgendwie wohler gefühlt.“

Mit der tschechischen Literatur beschäftigen Sie sich nicht nur als Übersetzerin, sondern auch als Vermittlerin und als Wissenschaftlerin. Worauf konzentriert sich Ihre Forschung?

„Ich interessiere mich für die Dekonstruktion der tschechischen Nationalmythen in der zeitgenössischen tschechischen Literatur, dem Film sowie der Kunst.“

Münchner Abkommen 1938 (Foto: Eliška Kubánková)Münchner Abkommen 1938 (Foto: Eliška Kubánková) Sind die Mythen dort immer noch präsent?

„Interessanterweise ja. Aber sie werden oft witzige Weise dekonstruiert. Das macht mir sehr viel Spaß. Ich frage mich, ob da vielleicht ein neuer Mythos des tschechischen Humors kreiert wird. Das muss ich aber noch näher untersuchen. Da kann ich noch keine abschließende Aussage treffen – die Dissertation ist ja noch nicht ganz fertig.“

Welche Mythen erscheinen in der Literatur und werden dekonstruiert? Sind das dieselben Mythen, die im 19. Jahrhundert eine große Rolle gespielt haben?

„Teils teils. Es kommen auch neuere Mythen dazu. Zum Beispiel der zum Münchner Abkommen 1938. Ich bin mir noch etwas unsicher, ob man 1968 als Mythos betrachten kann. Wahrscheinlich eher nicht. Aber der heilige Wenzel ist nach wie vor relevant. Der wird im Jára-Cimrman-Thater im Stück ‚Blaník‘ dekonstruiert. Darin wird der Mythos so stark dekonstruiert, dass er eigentlich gar nicht mehr vorkommt.“

Sie gehören der Gemeinde der Bohemisten in den deutschsprachigen Ländern an. Wie groß ist diese und stehen die Mitglieder miteinander in Kontakt?

„Ich spreche am besten für die Übersetzer. Ich kenne 80 Prozent der Tschechisch-Übersetzer persönlich. Von den anderen habe ich zumindest schon gehört oder ich weiß, dass es sie gibt. Aber es gibt eher kleinere Grüppchen, die immer mal wieder zusammenarbeiten. Das ist mehr punktuell.“

Durch den Gastlandauftritt Tschechiens bei der Leipziger Buchmesse wird hier viel über die Präsenz der tschechischen Literatur in den deutschsprachigen Ländern gesprochen. Wie nehmen Sie das wahr?

Michal Ajvaz (Foto: Rafał Komorowski / CC BY-SA 4.0)Michal Ajvaz (Foto: Rafał Komorowski / CC BY-SA 4.0) „Bis 2016 sind pro Jahr etwa fünf bis sieben, höchstens zehn tschechische Titel in deutscher Übersetzung erschienen. Deswegen war die tschechische Literatur nicht so präsent. Und als deutscher Leser kann man sich nicht für etwas interessieren, was es nicht gibt. In den vergangenen anderthalb Jahren sind hingegen 70 Titel erschienen. Im Hinblick auf die Leipziger Buchmesse ist Tschechien auch in der Presse sehr stark vertreten. Immer wieder lese ich, es gebe viele Gemeinsamkeiten zwischen der tschechischen und der deutschen Literatur und sei toll, neue tschechische Literatur zu entdecken. Ich denke, man müsste auch die Zahl der Übersetzungen aufrechterhalten, damit die Präsenz auf diesem Niveau bleibt. Das wird mit 70 Titeln im Jahr natürlich nicht gehen. Aber wenn man schon 30 Neuerscheinungen sicherstellen könnte, wäre das bestimmt sehr förderlich.“

Glauben Sie, dass diese Bücher ihre Leser finden werden?

„Auf alle Fälle: ja. Das witzige ist ja, dass die Leute nach dem Lesen überrascht sind, wie stark beispielsweise die Stimmen der Autorinnen sind. Auch Michal Ajvaz hat jetzt überrascht. Da wundern sich viele Rezensenten, dass es sein erstes Buch ist, das auf Deutsch herauskommt. Und ich denke, dass viele Bücher gelesen werden, wenn die Leser die Chance erhalten, sie auch lesen zu können.“

24-04-2019