Von Prag nach Wien – über Bonn und Bern

Zwischen Österreich und Tschechien bestehen intensive Beziehungen. Das liegt an der unmittelbaren Nachbarschaft genauso wie an der langen gemeinsamen Geschichte. Seit Anfang dieses Jahres vertritt nun Ivana Červenková die tschechische Politik in Wien. Ein Treffen mit der Botschafterin am Außenministerium in Prag.

Ivana Červenková (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums)Ivana Červenková (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums) Ivana Červenková kennt sich aus mit den deutschsprachigen Ländern. Die neue tschechische Botschafterin in Wien ist seit Mitte der 1990er Jahre im diplomatischen Dienst tätig. Dabei hatte sie eigentlich eine juristische Laufbahn vor Augen, als sie nach dem Studium und einer mehrjährigen Kinderpause erstmals in den Beschäftigungsstand trat:

„Ein Jahr lang habe ich zunächst im Justizministerium gearbeitet, mit dem Wunsch, Richterin zu werden. Dann klappte es, und mir wurde eine Stelle an einem Gericht angeboten. Aber damals kam es zur Trennung der Tschechoslowakei in die beiden heutigen Staaten. Im Justizministerium habe ich mich mit privatem Völkerrecht beschäftigt. Und nun wurden Experten genau zu diesen Fragen auch im Außenministerium gesucht.“

Ivana Červenková wird angefragt und willigt ein. Auch im Außenministerium plant sie zunächst, nur ein Jahr lang zu bleiben.

„Das war ab November 1992, wenig später wurde die Staatstrennung vollzogen. Für eine Juristin war das eine enorm intensive und sehr interessante Arbeit. Wir haben völkerrechtlich die ganzen Abkommen über die Trennung von der Slowakei vorbereitet, das betraf unter anderem die Armee, die Archive und vieles mehr.“

Als Juristin am Außenministerium

Deutsch-Tschechische Erklärung (Foto: Tschechisches Fernsehen)Deutsch-Tschechische Erklärung (Foto: Tschechisches Fernsehen) Die junge Juristin entscheidet sich daher, weiter am Außenministerium zu arbeiten. Bald darauf kommt schon der erste Ruf ins Ausland.

„Zwei Jahre später erhielt ich ein Angebot vom damaligen tschechischen Botschafter in Bonn, Jiří Gruša. Ich arbeitete dann als Juristin in der dortigen Botschaft. Das war die Zeit der Deutsch-Tschechischen Erklärung. Am Anfang war es ziemlich schwierig für mich, ohne Erfahrung plötzlich in diese sehr komplizierte Problematik zu springen. Heute würde ich aber sagen, dass es die beste Schule war für meine Karriere.“

Bis 1999 ist sie in der bundesdeutschen Hauptstadt. Dann folgen zwei Jahre im Auswärtigen Amt in Prag, bevor der nächste Gang ins Ausland ansteht:

„Zuerst war geplant, dass ich als Konsulin nach Paris gehen sollte. Meine Kinder sind aber damals in Bonn zur Schule gegangen. Deswegen wollte ich für sie weiter eine Schule in einem deutschsprachigen Land. Plötzlich wurde der Posten der Konsulin in Bern frei. Das habe ich als nächste Herausforderung gesehen. Denn diese Arbeit ist auch ziemlich interessant für einen Juristen. Da geht es nicht um Politik, das Protokoll oder Wirtschaft, und trotzdem ist es ein wichtiger Teil der Botschaft. Hinzu kam, dass ich in Bern sowohl Deutsch als auch Französisch sprechen konnte. Denn eigentlich ist Französisch meine Lieblingssprache. Deswegen habe ich mich für die Schweiz entschieden."

Andrej Babiš mit Sebastian Kurz (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik)Andrej Babiš mit Sebastian Kurz (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik) Wien wird dann die dritte Auslandsstation von Červenková. Schon 2010 bis 2014 ist sie dort, und zwar als stellvertretende Botschafterin. Danach kehrt sie nach Prag zurück und berät den damaligen Außenminister Lubomír Zaorálek (Sozialdemokraten). Dieser hat vor fünf Jahren einen Neustart in den tschechisch-österreichischen Beziehungen postuliert. Zuvor hatte vor allem der Streit um das südböhmische Atomkraftwerk Temelín immer wieder die Stimmung zwischen Prag und Wien beeinträchtigt.

„Ich war damals dabei bei dieser Renaissance der tschechisch-österreichischen Beziehungen. Und mittlerweile befinden sich diese Beziehungen auf höchstem Niveau. Man kann von einem sehr dynamischen politischen Dialog sprechen. Premier Babiš hat sich zum Beispiel schon zum dritten Mal mit dem österreichischen Kanzler Kurz getroffen. Zuletzt begegneten sich beide im Juli bei den Salzburger Festspielen“, so Červenková.

Gebäude der Tschechischen Botschaft in Wien (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums)Gebäude der Tschechischen Botschaft in Wien (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums) Auf die Wiederbelebung der tschechisch-österreichischen Beziehungen kann sich Ivana Červenková nun auch als Botschafterin in Wien stützen. Der grenzüberschreitende Dialog sei auf allen Ebenen im Gange, versichert die Diplomatin. Das beträfe sowohl die tschechischen Kreise Südböhmen, Vysočina und Südmähren respektive die Bundesländer Ober- und Niederösterreich, als auch Städte und Gemeinden in Grenznähe. Ein Thema ist dabei die jeweilige Sprache des Nachbarlandes. Dazu veranstaltet die tschechische Seite jedes Jahr ein Quiz. Ivana Červenková:

„Wir unterstützen den Tschechisch-Unterricht in Österreich. Dazu laden wir die Teilnehmer des Wettbewerbs jedes Jahr in die Botschaft ein. Dort begegnen sie Partnerschulen aus Tschechien. Ich denke, das läuft alles ziemlich gut.“

Eine Art gemeinsame Mischung

In ihrer Funktion trifft die Botschafterin nicht nur Politiker und Diplomaten. Häufig kommt sie auch mit österreichischen Bürgern zusammen. Und die sprechen sie ganz besonders auf ein Thema immer wieder an:

„Unsere Völker haben sehr lange in der Habsburger Monarchie zusammengelebt. Und ich spüre immer mehr, dass wir eine Art gemeinsame Mischung sind.“

„Unsere Völker haben sehr lange in der Habsburger Monarchie zusammengelebt. Und ich spüre immer mehr, dass wir eine Art gemeinsame Mischung sind. Auf unterschiedlichen Ebenen sagen mir Österreicher immer wieder: ‚Meine Mutter oder Großmutter stammt aus Mähren‘ oder ‚Mein Vater stammt von der Böhmisch-Mährischen Höhe‘. Es ist unglaublich, wie viele Österreicher böhmische oder mährische Wurzeln haben.“

Es sei zwar ein Klischee, aber man müsse ja nur das Telefonbuch von Wien aufschlagen und nach tschechischen Namen suchen, meint Červenková. Und auf der anderen Seite trügen auch viele Tschechen deutsche Nachnamen.

In den offiziellen Gesprächen würde mittlerweile immer wieder auch die tschechische Wirtschaftsentwicklung erwähnt, sagt die Diplomatin. Selbst Premier Andrej Babiš (Partei Ano) würde dann häufig in folgender Weise gefragt:

„‘Was machen Sie so gut? Sie sind ein Musterknabe in der EU, die Arbeitslosenquote Ihres Landes ist die niedrigste in Europa. Wie machen Sie das?‘ Ich bin auch deswegen froh, eine Tschechin zu sein, und bin stolz auf meine Republik.“

Wien (Foto: Gryffindor, CC BY 3.0)Wien (Foto: Gryffindor, CC BY 3.0) Das heißt jedoch nicht, dass es Ivana Červenková in Wien etwa nicht gefallen würde. Ganz im Gegenteil. Hat sie aber auch einen Lieblingsort in der Stadt? Die Botschafterin lacht:

„Diese Frage habe ich zuletzt im Österreichischen Rundfunk bekommen. Aber sie ist so schwierig zu beantworten, weil die Stadt wunderschön ist.“

Wien sei elegant und modern, betont Červenková. Die Kultur spiele eine große Rolle, inklusive Musik und Opern. Dann legt sich die Diplomatin aber doch noch fest:

„Die tschechische Botschaft befindet sich in Hietzing, nur ein paar Hundert Meter von Schloss Schönbrunn entfernt. Und Hietzing erinnert mich an den Prager Stadtteil Dejvice, wo ich fünf Jahre lang gelebt habe. Deswegen würde ich sagen: Hietzing und Schönbrunn sind meine Lieblingsorte in Wien.“