Tschechisch-Übersetzer durch Zufall

09-04-2019

Mirko Kraetsch vermittelt tschechische Literatur im deutschen Sprachraum. Ein Interview von der Leipziger Buchmesse.

Mirko Kraetsch (Foto:  Jana Burczyk)Mirko Kraetsch (Foto: Jana Burczyk) Herr Kraetsch, die tschechische Literatur steht im Mittelpunkt der Leipziger Buchmesse. Wie ist es aber mit der Stellung mit Büchern aus dem kleinen Nachbarland in Deutschland?

„Die tschechische Literatur hat es schwer im deutschsprachigen Raum. Dazu gehören neben Deutschland auch Österreich, die Schweiz und weitere deutschsprachige Regionen. Nach 1989 war sie noch exotisch und war sehr gefragt. Für viele in Westeuropa kam sie plötzlich hinter dem Eisernen Vorhang hervor und man war neugierig darauf. Dieses Interesse hat abgenommen, weil sich Tschechien mittlerweile in den europäischen Kontext eingegliedert hat. Zwar spezifisch und auf seine eigene Art und Weise, aber die Literatur ähnelt den anderen sehr. Man fragt immer nach dem typisch Tschechischen, das ist aber schwer zu finden. Es sind die Persönlichkeiten, die die Literatur ausmachen – und die gibt es sowohl in Tschechien, als auch in Deutschland, als auch in Österreich. Hinzu kommt das Problem, dass die Literatur für deutschsprachige Leser übersetzt werden muss. Das ist ein Kostenfaktor und ein wichtiger Punkt, dass die Verlage zu einem Thema lieber deutsche Autoren haben. Die kosten sie weniger und sie können sie auf Lesungen schicken, da die Autoren deutsch sprechen. Bei tschechischen Schriftstellern kann das zwar auch der Fall sein, muss es aber nicht. Und dann braucht man wieder einen Übersetzer. Davon gibt es genug, die sind auch hier und bauen die Brücken. Aber es ist immer ein bisschen kompliziert.“

„Nach 1989 war die tschechische Literatur noch exotisch und war sehr gefragt. Dieses Interesse hat abgenommen.“

Sie sind einer dieser Übersetzer. Wie sind Sie eigentlich zur tschechischen Sprache und Literatur gekommen?

„Das war eher unbeabsichtigt und mehr oder weniger ein Zufall. Ich bin in Dresden geboren, aufgewachsen und dort auf eine Schule mit Sprachschwerpunkt gegangen. Als dritte Fremdsprache hatte ich Tschechisch und dabei bin ich dann geblieben. Ich habe im Schuljahr 1989/90 Abitur gemacht. Da waren die Karten plötzlich neu gemischt in ganz Europa. In Berlin habe ich Bohemistik studiert, dann noch Slowakisch dazu gelernt. Während meines Studiums habe ich angefangen zu übersetzen. Als ich ein Jahr lang in Prag studierte, habe ich mir oft gedacht, wie schade es ist, dass meine Freunde in Deutschland nicht lesen können, was ich hier lese. Dann habe ich angefangen, Texte zu übersetzen und so bin ich über Kontakte in die Szene reingekommen. Und das ist der Klassiker: Netzwerke, Netzwerke, Netzwerke. Für mich hat das funktioniert.“

„Die zentraleuropäische Geschichte sitzt bei den Tschechen einfach noch irgendwo im Unterbewusstsein mit drin.“

Sie haben die allgemeine Lage beim deutschsprachigen Lesepublikum und bei den Verlegern beschrieben. Sie haben erwähnt, dass die tschechischen Autoren nicht spezifisch genug für den deutschen oder österreichischen Buchhandel wären. Sehen Sie das anders, da Sie einen tieferen Einblick in die Literatur haben?

„Auch wenn es um die gleichen oder um ähnliche Themen geht, werden sie doch aus einer anderen Perspektive beschrieben. Das finde ich interessant. Da wäre einerseits natürlich die Persönlichkeit desjenigen, der schreibt. Aber es ist auch der Blick mit der tschechischen Sozialisierung und Geschichte im Hinterkopf. Das betont Jaroslav Rudiš beispielsweise immer wieder. Diese zentraleuropäische Geschichte sitzt bei den Tschechen einfach noch irgendwo im Unterbewusstsein mit drin. Davon können wir im deutschsprachigen Raum viel lernen. Und wir können auch viel anknüpfen. Ich selber bin ja in Ostdeutschland aufgewachsen. Und wenn ich Bücher lese, die sich mit der Zeit der 70er oder 80er Jahre beschäftigen, finde ich viele Anknüpfungspunkte, weil es in Tschechien ähnliche Phänomene gab und ähnliche Mechanismen funktioniert haben. Da kann man viele Gemeinsamkeiten finden und das ist eigentlich schön. Aber die Verlage sagen immer: Es muss ganz spezifisch tschechisch sein, aber es darf auf gar keinen Fall tschechisch spezifisch sein. Das ist die Quadratur des Kreises, und man weiß überhaupt nicht, was man da noch anbieten soll. Doch auch hierbei ist es wieder von Fall zu Fall unterschiedlich. Wenn es vom Stil, Thema, vielleicht von der Person des Autors her passt, kann es mit dem Sprung in den deutschsprachigen Raum was werden. Es ist aber sehr schwer.“

„Es muss ganz spezifisch tschechisch sein, aber es darf auf gar keinen Fall tschechisch spezifisch sein.“

Sie haben Prosatexte von Emil Hakl und Jan Novák übersetzt. War das Ihre Wahl, dem deutschsprachigen Publikum gerade diese Autoren zu vermitteln?

„Das kann man nicht so eindeutig sagen. Ich lese natürlich Bücher und habe welche, die mir sehr gefallen und von denen ich denke, dass sie interessant wären. Ich habe auch viele Jahre mit deutschsprachigen Verlagen in Kontakt gestanden. Habe versucht, zu vermitteln, ihnen Angebote gemacht und von den Büchern erzählt, die ich gelesen habe. Andererseits passiert es auch, dass ich für eine Übersetzung angefragt werde. Da suche ich mir das Buch nicht aus. Aber ich habe immer das Gefühl, fast alle Bücher, die auf Deutsch erscheinen, haben es auch verdient. Und deshalb reizt mich das auch, wenn ich ein Angebot kriege, bei dem mir Buch und Autor total unbekannt sind.“

Wo sammeln Sie Informationen über die tschechische Literatur? Stehen Sie in Kontakt mit den Schriftstellern?

„Glücklicherweise gibt es das Internet und Plattformen wie iLiteratura, wo es kurze Informationen und Rezensionen zu neuen Büchern gibt. Schwieriger ist es, über Zeitungskritiken an Informationen zu kommen. Denn ich habe das Gefühl, in Tschechien wir da sehr viel Persönliches ausgetauscht über diese Kritiken. Und wenn ich anderthalb Seiten Verriss lese, dann frage ich mich: ‚Warum hat dieser Mensch nicht über ein anderes Buch geschrieben, das ihm gefallen hat?‘ Warum muss man anderthalb Seiten jemandem sagen, wie schlecht sein Buch sei und wie ungelungen? Das hilft mir als Vermittler auch nicht weiter.“

Ist das bei den deutschen Kritikern anders?

„In Tschechien fällt es mir schon mehr auf. Dort ist die Literaturszene aber auch relativ überschaubar und die Leute kennen sich alle untereinander. Im deutschsprachigen Raum ist die Branche viel unübersichtlicher und dadurch objektiver. Und um auf Ihre Ausgangsfrage zurückzukommen: Was mir auch noch hilft, sind Agenturen beziehungsweise die Rechtsabteilungen in den Verlagen. Das sind auch wichtige Netzwerker, mit denen ich im Gespräch bin. Und nicht zuletzt sind da meine Kollegen, die mir auch Tipps geben.“

„Warum muss man anderthalb Seiten jemandem sagen, wie schlecht sein Buch sei?“

Glauben Sie, dass der Gastauftritt hier ein Anreiz sein kann für mehr tschechische Präsenz in deutschen Buchhandlungen?

„Ich habe meine Glaskugel leider im Hotel gelassen. Da könnte ich heute Abend mal reinschauen, ob es vielleicht besser wird. Zumindest hatte der Gastlandauftritt den Effekt, dass sehr viele tschechische Titel jetzt auf Deutsch erschienen sind. Vielleicht sind auch ein paar Leute dabei, die tschechische Literatur nun für sich zu entdecken. Und es ist natürlich, wie immer, eine Frage des Geldes. Wir hoffen, dass die Förderung des Kulturministeriums für Übersetzung und Produktionskosten weiter bestehen bleibt. Außerdem ist es ja nicht nur dieser Messeauftritt, sondern das ganze Kulturjahr, in dem Tschechien in allen möglichen Bereichen präsent ist. So werden die deutschsprachigen Leser vielleicht auf den Geschmack gebracht. Das könnte klappen.“

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