Peter Barton: Vom Geschirrspüler zum Geschäftsführer des Sudetendeutschen Büros

Herzlich willkommen zu „Heute am Mikrophon“. Ich sitze hier im Sudetendeutschen Büro in Prag. Und vor das besagte Mikrophon habe ich heute den Geschäftsführer des Sudetendeutschen Büros gebeten, Peter Barton.

Peter BartonPeter Barton Herr Barton, Sie sind 1957 in Pardubice / Pardubitz geboren worden. Nach Abitur und beruflicher Tätigkeit in Prag, sind sie aber 1983 nach Deutschland emigriert, nach München. Dort haben Sie studiert sowie für das Collegium Carolinum - die Forschungsstelle für die böhmischen Länder – und die Hanns-Seidel-Stiftung gearbeitet. Seit 2002 sind Sie Geschäftsführer des Sudetendeutschen Büros in Prag. Wie sieht ihre tägliche Arbeit hier aus? Was machen Sie?

„Also das Sudetendeutsche Büro sollte als eine Art Begegnungszentrum für die Tschechen, die Sudetendeutschen und die Deutschen arbeiten. Und in diesem Sinne soll das Haus als ein Mittel der Verständigung dienen. Wir haben gesagt: Die Vertriebenen – das sind diejenigen, denen nicht egal ist, wie das Leben hier in der früheren Heimat aussieht, wie die Menschen hier Leben, was sie denken. Auch, was sie über die Vertreibung der Sudetendeutschen denken. Das alles waren Fragen, die die Sudetendeutschen und die Sudetendeutsche Landsmannschaft als ihre Vertretung interessierte. Man wollte also direkt hier anwesend sein. Das waren die Beweggründe, warum man hier nach Prag auf diese bestimmte Weise zurückkommen wollte.“

Wer wendet sich denn von tschechischer Seite an Ihr Büro? Haben Sie da Anfragen?

Also, wissen Sie, wir sind hauptsächlich für die Tschechen da. Man sucht nach persönlichen Kontakten mit den Vertriebenen. Deswegen zum Beispiel, weil man mit dieser Landschaft, wo die Sudetendeutschen früher gewohnt haben, etwas zu tun hat. Man hat dort vielleicht ein Wochenendhaus gekauft und man will wissen, welche Menschen hier früher gewohnt haben. Und das sind zum Beispiel diese klassischen Fälle, wenn sich die tschechischen Bewohner an mich und an unser Büro wenden, wenn sie sagen: ´Wir wollen wissen, wie das Leben hier früher ausgesehen hat oder was die Menschen hier gemacht haben´. Und dann natürlich kommt die zweite Frage: ´Wir wollen auch wissen, warum die Menschen wieder weg sind´. Und dann kommt man natürlich auch zur Politik.“

Angela Merkel und Peter Barton (Foto: Frank Ossenbrink)Angela Merkel und Peter Barton (Foto: Frank Ossenbrink) Kommen wir mal zu Ihrer Person. Einige Koordinaten Ihres Lebens habe ich ja schon einleitend erwähnt. Sie selbst sagen, dass Sie deutsch-tschechisch-ungarischer Abstammung sind. Was ist das für ein familiärer Hintergrund, was sind das für familiäre Verhältnisse gewesen, aus denen Sie stammen?

„Ich fühle mich als ein Mitteleuropäer oder ich würde sagen, wie eine gute k.u.k.-Mischung – hoffentlich eine gute! Oder als ein Österreicher im gewissen Sinne. Das ist für mich sehr wichtig, denn als meine geistige Heimat betrachte ich Wien. Also dadurch, dass meine Mutter ungarischer Abstammung war, aber aus der Slowakei kam – also dieses Element kommt auch dazu – habe ich schon etwas mitbekommen, wo ich gewusst habe: Ich bin nicht nur auf eine bestimmte Landschaft begrenzt oder auf ein bestimmtes Land. Unsere Wurzeln sind auch anderswo. Von Väterlicher Seite waren es Deutsche und Tschechen; heute natürlich Tschechen in beiden Familien. Und das waren Dinge, die mich geprägt haben. Also ich fühle mich nicht nur in einem Land zu Hause, sondern auch in den anderen. Und ich kann jetzt sagen, inzwischen sind es wahrscheinlich vier Staaten, wo ich weiß: Da besteht eine bestimmte Verbundenheit. Und das ist für mich wichtig und ich versuche die ganze Problematik, die wir hier haben, oder auch die Politik aus einem anderen Winkel zu betrachten, das heißt, aus dem mitteleuropäischen, also nicht nur begrenzt auf zwei Nationen.“

Sie haben nach dem Abitur in Prag beim Statistikamt gearbeitet, Sie haben in der Buchhandlung für DDR-Literatur gearbeitet. 1983 sind Sie als 26-Jähriger nach Deutschland emigriert. Warum – und warum gerade nach Deutschland?

MünchenMünchen „Ich war schon daran interessiert – obwohl das vielleicht komisch klingt, wenn ich das so sage – in der Freiheit zu leben. Ich hatte immer viele Kontakte nach Deutschland und deswegen war das für mich etwas Normales, dass ich dorthin gehen wollte. Und auf diese Weise ist für mich München die zweite Heimat geworden, ich war fast die ganze Zeit in München…“

Also es gab keinen konkreten Anlass, warum Sie dann nach Deutschland emigriert sind?

„Also einen Anlass gab es schon, denn ich war in einer Lage, wo ich keine andere Arbeit bekommen konnte als die eines Geschirrspülers. Das war zwar für mich auch sehr sehr wertvoll. Das habe ich anderthalb Jahre gemacht in einem Prager Restaurant. Und in gewissem Sinne habe ich dort sehr viel gelernt, wie zum Beispiel kochen. Was man machen muss, wenn man dann irgendwo ist und man nicht genügend Geld hat, um ins Restaurant zu gehen. Aber wie gesagt: Ich hatte hier überhaupt keine Zukunft. Und ich muss auch ehrlich sagen – heute ist jeder Mensch klug: Damals habe ich nicht erwartet, dass es so früh zum Sturz des Kommunismus kommt. Ich hatte immer gesagt, ja, das wird noch 20, 30 Jahre dauern. Und ich bin ganz glücklich, dass ich mich geirrt habe, dass es früher gekommen ist.“

Also, Sie haben es ja schon angedeutet – Ihr Leben in Deutschland, in München, hat Ihnen gefallen. War Ihre Rückkehr 2002 – es sind also schon fast acht Jahre, die Sie mehr oder weniger am Stück hier sind – war das für Sie eine Umstellung?

„Ich meine, so unterschiedlich sind die Verhältnisse auch nicht, schon aus historischen Gründen. Besonders wenn man Bayern nimmt und Böhmen. Wissen Sie, gerade weil ich viel in Deutschland unterwegs bin, viel in München und ganz besonders in der Tschechischen Republik, verliert man die Kontakte nicht und ich kann heute sagen, ich fühle mich in beiden Ländern zu Hause, und das soll so bleiben.“

Viele Jahre sah es so aus wie ein Grabenkampf zwischen der tschechischen und deutschen – hauptsächlich der sudetendeutschen – oder bayerischen Seite. Spüren Sie hier in Tschechien eine Art Veränderung? Zum Beispiel, was eben die Haltung zur Vertreibung der Sudetendeutschen, der Deutschböhmen, betrifft. Wenn ja, wo?

„Das Verhältnis zwischen den Deutschen oder Sudetendeutschen und Tschechen – wenn man das so allgemein sagen kann – war deshalb nicht einfach, weil man hier auch bestimmte Vorurteile hatte, und ich meine auch, in beiden Völkern waren diese Vorurteile vorhanden. Es gibt übrigens einen Teil der deutschen Gesellschaft, wo man auch über die Vertriebenen Vorurteile hat. Das ist auch so. Auf jeden Fall war das Verhältnis nicht einfach. Aber das ist genauso wie in einer Familie, wo die Menschen streiten. Sie streiten gerade deswegen, weil sie sich so gut kennen, weil sie eine gemeinsame Grenze haben, gemeinsame Grenzen…“

Spüren Sie denn eine Veränderung, eine Bewegung?

„Die Veränderung spüre ich. Aber manchmal geht es mir zu langsam. In dieser Sache muss ich mich selbst korrigieren. Ich habe mir lange Zeit in München vor dem Jahr ´89 etwas naiv gedacht: Es reicht, wenn die Kommunisten weg sind. Dann wird sich das alles von selbst erledigen. Die Kommunisten sind daran schuld, dass das Verhältnis schwierig ist. Und inzwischen sehe ich, dass man nicht immer alle Schuld den Kommunisten geben kann. Es sind auch andere Faktoren. Es dauert lange vielleicht auch deswegen, weil sich einige Kräfte das manchmal wünschen, dass die Probleme bleiben. Also da gibt es immer irgendwelche Querulanten, die nur deswegen Erfolg spüren, wenn sie also diese Probleme sehen. Und das ist halt etwas ganz Normales. Aber trotzdem: Es entwickelt sich gut, diese Beziehung. Wir erleben das in unserem Büro täglich dadurch, dass wir für die Menschen interessant sind. Einige Menschen werden Sie in Tschechien nicht mehr überzeugen können, weil die nicht überzeugt werden wollen. Aber dann gibt es wiederum viele – hauptsächlich in der jüngeren Generation – die das problemlos sehen. Mit der jüngeren Generation mache ich mir auch keine Illusion. Es gibt auch einige, denen das Thema wurscht ist. Das ist normal. Aber diejenigen, die sich interessieren, die sind offen. Und das ist unsere Erfahrung hier. Wir sind für jeden da, ob für einen tschechischen Politik, der mit uns reden will – und es gibt viele inzwischen, ob offiziell oder inoffiziell oder im Rahmen einer Begegnung, einer Veranstaltung. Oder auch wenn eine Oma kommt und uns ihre eigene Geschichte erzählen will, was sie damals in den 30er, 40er Jahren erlebt hat in einer deutschen Familie im Riesengebirge. Das ist interessant, das ist phantastisch, dann macht die Arbeit Spaß und auch Hoffnung, dass die Dinge sich gut entwickeln werden.“

Es gibt auf alle Fälle für Sie noch ein bisschen was zu tun hier im Sudetendeutschen Büro in Prag. Herr Barton, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.