Per Anhalter von Tschechien nach Zentralasien

21-01-2020

Per Anhalter durch halb Europa und Asien. Dieses Abenteuer hat die junge Tschechin Olga Džulajová gewagt. Mit erhobenem Daumen reiste sie in den Kaukasus und weiter durch Zentralasien. Doch vor allem der Iran hat bei der Pilsnerin tiefe Spuren hinterlassen.

Frauen im Iran (Foto: Olga Džulajová)Frauen im Iran (Foto: Olga Džulajová)

Illustrationsfoto: StockSnap, Pixabay / CC0Illustrationsfoto: StockSnap, Pixabay / CC0 In Plzeň / Pilsen geht es los – dort hebt Olga Džulajová erstmals den Daumen und bricht auf in Richtung Georgien. Begleitet wird die End-Zwanzigerin dabei von einem fremden jungen Mann, mit dem sie sich im Internet zur Tramping-Tour mehr oder weniger entlang der Seidenstraße verabredet hat:

„Niemand von meinen Freunden wollte mit mir per Anhalter verreisen. Oder zumindest hatte niemand zeitlich die Möglichkeit dazu, mich zu begleiten. Deshalb habe ich in einer Tramping-Gruppe bei Facebook nachgefragt, und tatsächlich hat sich dann ein junger Mann bei mir gemeldet. Wir haben einige Monate hin und her geschrieben und unsere Fahrt immer wieder verschoben. Dann war er an einem Sonntag bei mir, und gleich am Montag sind wir aufgebrochen. Wir hatten wirklich Glück, dass wir uns auf Anhieb gut vertragen und unsere Reise letztlich ohne Schaden überstanden haben.“

Ruhepause in albanischem Berat (Foto: Olga Džulajová)Ruhepause in albanischem Berat (Foto: Olga Džulajová) Für den Anfang ist die Route klar. Mit ihrem Begleiter will die junge Tschechin über den Balkan und die Türkei bis nach Georgien kommen. Es ist keine einfache Strecke, vor allem der Anfang ist schwer:

„Am besten war es dann ab Albanien. Österreich war ganz furchtbar. Wir wollten vor allem Autobahnen ausweichen, in Österreich gibt es die aber fast nur auf der Strecke. Davon will ich schon gar nicht mehr sprechen. Dann aber Albanien, die Türkei und Georgien waren wirklich fein zum Trampen. Davor hat es uns jedoch nicht sehr viel Spaß gemacht.“

Im Sommer kommen beide schließlich an im Kaukasus. Offiziell ist es das Ende ihrer gemeinsamen Reise, und ihre Wege trennen sich:

„Ich hatte ein bisschen Angst davor, alleine per Anhalter zu fahren. Nach sechs Wochen, in denen ich mit meinem Reisepartner nach Georgien gefahren bin, war das kein Problem mehr. Danach ging es für mich ja auch alleine weiter. Das gemeinsame Trampen war so eine Art Probelauf. Am Ende hatte ich aber das Gefühl, auf eigene Faust weiterzumüssen und dass es so besser ist.“

Allein durch die Steppen Zentralasiens

Haus in Adscharien (Foto: Olga Džulajová)Haus in Adscharien (Foto: Olga Džulajová) In Georgien geht es für Olga Džulajová in die Berge, wo sie mehr Zeit verbringt als geplant. Sie hat zu diesem Zeitpunkt aber noch keine Lust auf eine Heimreise. Sie macht einfach weiter, wobei es sie noch tiefer zieht in den Osten. Zunächst geht es mit einer fahrplanlosen Fähre übers Kaspische Meer an den Rand der unendlichen Weiten Zentralasiens. Schon auf dem Schiff verabredet sie die Weiterfahrt mit einem Lieferwagen:

„Diese Leute haben mich dann 600 Kilometer weit durch Kasachstan gefahren, und es sollte noch weiter gehen. Dann sind wir aber eines Nachts zur kasachisch-usbekischen Grenze gekommen. Dort war ein unglaublicher Stau von Autos, die vollgepackt waren mit Menschen und Sachen. Ich bin hinten im Laderaum eingeschlafen. Als ich einige Stunden später aufgewacht bin, waren wir gerade einmal zwei Meter weiter. Ich habe dann meinen Rucksack gepackt und bin zu Fuß über die Grenze. Auf der anderen Seite bin ich schließlich mit jemand anderem weitergefahren.“

Pamir (Foto: Olga Džulajová)Pamir (Foto: Olga Džulajová) In Usbekistan geht es für Olga Džulajová hauptsächlich zu den großen urbanen Zentren, also Samarkand und Buchara. Ein unglaublich ästhetisches Land sei Usbekistan, meint die Abenteurerin im Rückblick, aber viel zu sehr überflutet von Touristen. In Tadschikistan konnte sie aber wieder aufatmen:

„Dort war ich ein bisschen länger als in Usbekistan, wobei mein Aufenthalt ganz anders war. Ich habe in Duschanbe Kraft getankt, und dann ging es rauf in die Berge des Pamir. Das ist schon ein Kontrast, wenn man erst in diesen wunderschönen Städten ist und dann auf den Gipfeln des Pamir die Einsamkeit sucht.“

Danach geht es über den Pamir-Highway – also die alte Seidenstraße entlang – nach Kirgistan, wo die Reise von Olga Džulajová ihren Höhepunkt findet:

Der älteste Mitglied der kirgisischen Familie, in welcher Džulajová gelebt hat (Foto: Olga Džulajová)Der älteste Mitglied der kirgisischen Familie, in welcher Džulajová gelebt hat (Foto: Olga Džulajová) „Ich hatte dort das Gefühl, ankommen und Wurzeln schlagen zu müssen. Über eine Agentur habe ich in einer Kinder-Freizeiteinrichtung Arbeit gefunden und habe bei einer kirgisischen Familie gelebt. Das war eigentlich eines der größten Highlights meiner Reise.“

Überraschender Iran

Das Trampen in den Orient hat für Olga Džulajová aber eine Vorgeschichte. Konkret ist es eine Reise auf eigene Faust in den Iran einige Jahre vorher. Persien war für die Tschechin schon lange ein Sehnsuchtsort, was vor allem an einem Geldschein am Kühlschrank lag:

„Diese iranische Banknote hing da die ganze Zeit an unserem Schwarzen Brett. Mein Ex-Freund und ich hatten sie bei einer früheren Reise nach Georgien von einem anderen Rucksack-Touristen bekommen, der Geldscheine aus aller Welt sammelte. Ich hatte den Schein die ganze Zeit vor Augen und dachte mir, dass ich irgendwann dahin fliege. In meinem Kopf malte ich mir aus, wie schön die Landschaft dort sei und wie gastfreundlich die Menschen dort seien. Im Prinzip hat mir also diese Banknote die Richtung vorgegeben.“

Isfahan (Foto: Olga Džulajová)Isfahan (Foto: Olga Džulajová) Im Jahr 2018 kauft sie sich ein One-Way-Ticket nach Teheran. Sie verbringt schließlich vier Monate in der Islamischen Republik. Doch sie ist überrascht, wie anders das Land eigentlich ist im Vergleich zur Darstellung im Westen:

„Mich haben vor allem die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen dort bezaubert. Auch wenn man eine Sprache nicht beherrscht, eine Kommunikation kommt immer irgendwie zustande. Der erste Satz war aber stets: ‚Willkommen in meinem Land. Wie gefällt dir der Iran?‘ Die Menschen dort wissen ganz genau, dass der Iran nicht unbedingt das beste Image hat in der Welt. Deshalb wollen sie mit aller Kraft ihre Wahrheit zeigen, die sich diametral von dem unterscheidet, was wir bei uns lesen und hören.“

Olga Džulajová verfolgt deshalb auch sehr aufmerksam die derzeitige Eskalation in der Region:

Iran (Foto: Olga Džulajová)Iran (Foto: Olga Džulajová) „Durch meine innigen Erlebnisse mit den ganzen Leuten im Iran bin ich zur Hälfte irgendwie immer noch dort. Natürlich beobachte ich die Lage und weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll. Der Konflikt scheint unlösbar. Es tut einfach weh. Und ist sehr schwer für mich, das zu kommentieren.“

Seine Angst ablegen und los

Durch den Iran und Zentralasien ist Olga Džulajová vollkommen alleine gereist. Nach Georgien wiederum mit einem wildfremden Begleiter. Sie selbst hat das nicht als Risiko wahrgenommen:

Foto: Olga DžulajováFoto: Olga Džulajová „Ich würde diese Art des Reisens auf jeden Fall empfehlen. Ein Versuch kostet ja nichts. Wenn man merkt, dass man mit dem anderen nicht zurechtkommt, kann man ja immer sagen, dass man lieber alleine weiterreist. Wichtig ist immer der erste Schritt, der nicht einfach ist. Jeder hat am Anfang Ängste und Befürchtungen, die in der Regel unbegründet sind. Wenn der erste Schritt aber gemacht ist, dann scheint alles ganz natürlich. Man sollte es einfach probieren. Das Schlimmste ist, dass man halt vorzeitig nach Hause fährt.“

Insgesamt betrachtet sie ihre Reisen als eine Suche nach dem Alleine-Sein und der Einsamkeit. Gefunden hat sie diese aber nicht, und zwar nicht einmal in den letzten Winkeln des Pamir-Gebirges:

Foto: Olga DžulajováFoto: Olga Džulajová „Das ist so ein großer Mythos, dass man einsam ist, wenn man alleine reist. Eigentlich war ich einsamer, solange ich mit meinem Begleiter unterwegs war. Da ist man so eine isolierte Einheit, denn außer mit den Fahrern kommuniziert man mit niemandem. Später, als ich alleine unterwegs war, war ich viel weniger einsam. Denn überall um mich herum waren ja die Leute. Vor allem in jenen Ländern, durch die ich gefahren bin, sind die Menschen sehr freundlich, kommunikativ und gastfreundlich. Die haben es nicht zugelassen, dass ich einsam bin.“

21-01-2020